1. Nachrichten
  2. Bundestagswahl 2021
  3. Wahlkreis 297 (Saarlouis)

Heiko Maas mit Sieg im Wahlkreis Saarlouis: „Vertrauensbeweis zu Hause“

Duell der Bundesminister im Wahlkreis Saarlouis : Heiko Maas sieht nach Wahl „Vertrauensbeweis zu Hause“ – und lässt eigene politische Zukunft offen

Im Wahlkreis Saarlouis duellierten sich die Bundesminister Peter Altmaier (CDU) und Heiko Maas (SPD) um ein Bundestagsmandat. Am Sonntagabend zeichnet sich ein klarer Erfolg des Außenministers ab.

Am Marktplatz von Rehlingen begegnen sich die beiden Minister auf Augenhöhe. Peter Altmaier (CDU) schaut von seinem Wahlplakat herüber zu Heiko Maas (SPD) am nächsten Laternenmast. Ein schwarzer Audi mit Berliner Kennzeichen passiert am Sonntagmorgen die Wahlplakate der beiden Spitzenpolitiker. Leise rollt die Limousine zur Kultur- und Sporthalle. Der Fahrer hält vor der Eingangstür. Peter Altmaier entsteigt dem Fond des dunklen Wagens.

Der Bundeswirtschaftsminister will hier im Wahlkreis Saarlouis sein Bundestagsmandat gegen den deutschen Außenminister verteidigen. Ein solches Minister-Duell gibt es bei dieser Bundestagswahl nirgendwo sonst. In der Nacht ist der Wahlkampf zu Ende gegangen. „Jetzt ist die Stunde des Souveräns“, sagt Altmaier. Und auch der Minister möchte in Rehlingen, Wahlbezirk IV, seine Stimme abgeben. Er weiß, dass es diesmal auf jedes Kreuzchen ankommt. Für die Union, aber auch für ihn.

Bei der letzten Bundestagswahl hatte der CDU-Politiker das Duell mit Maas für sich entschieden, mit 38 Prozent das Direktmandat im Wahlkreis Saarlouis ergattert. Der Sozialdemokrat kam 2017 auf 32,1 Prozent der Erststimmen. An diesem Wahlsonntag zeichnet sich jedoch schnell eine Niederlage für Altmaier ab. Rehlingen-Siersburg verliert der Wirtschaftsminister als eine der ersten Gemeinden an seinen Ministerkollegen im Außenamt. Als am späten Sonntagabend alle Gemeinden ausgezählt sind, liegt Maas bei 36,7 Prozent, während die Landeswahlleiterin das Stimmen­ergebnis für Altmaier mit 28 Prozent angibt – ein Minus von zehn Prozentpunkten. Altmaier zog jedoch über die CDU-Landesliste ins Parlament ein, das stand am Montagmorgen fest.

 Noch optimistisch: Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU) am Morgen des Wahlsonntags bei der Stimmabgabe in Rehlingen (mit Wahlvorsteherin Bärbel Hesse).
Noch optimistisch: Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU) am Morgen des Wahlsonntags bei der Stimmabgabe in Rehlingen (mit Wahlvorsteherin Bärbel Hesse). Foto: Ruppenthal

Heiko Maas gibt bei dieser Wahl keine Stimme in Saarlouis ab. Der 55-Jährige hat seinen Hauptwohnsitz mittlerweile in Berlin. Weil der Außenminister am vergangenen Montag zur UN-Vollversammlung nach New York reisen musste, wollte er die Briefwahl nutzen. Kurz vor dem Abflug lagen ihm jedoch die Wahlunterlagen noch nicht vor, drohte der Minister zum Nichtwähler zu werden? Doch unter der Woche gab sein Bundestagsbüro dann Entwarnung. Maas hat seine Kreuzchen gemacht. Den Wahlabend verbringt er im Willy-Brandt-Haus, der SPD-Parteizentrale in der Bundeshauptstadt.

Zum möglichen Wahlsieg in Saarlouis äußert er sich noch zurückhaltend. „Natürlich freue ich mich, wenn ich den Wahlkreis gewinne“, sagt Maas. „Ganz ehrlich gesagt auch, weil ich in den letzten Wochen als Außenminister auch eine harte Zeit hatte.“ Der Sozialdemokrat nennt das nahende Direktmandat einen „Vertrauensbeweis zu Hause“.

Maas: „Nur die wirklich Doofen erzählen am Wahlabend, was sie alles werden wollen“

Auch mit Blick auf seine politische Zukunft in einer neuen Regierung, äußerte sich am Abend Maas in Berlin zurückhaltend: „Das ist ja kein Wunschkonzert. Und man hat einen Auftrag für eine Legislaturperiode. Und nur die wirklich Doofen erzählen am Wahlabend, was sie alles werden wollen. „Ich werde alles dafür tun, dass Olaf Scholz Kanzler wird“, fügte er hinzu.

Ihm zufolge will die SPD den Auftrag zur Bildung einer Bundesregierung annehmen, auch wenn sich ein knappes Ergebnis abzeichne: „Wir sind diejenigen, die mit am meisten dazugewonnen haben. Die CDU hat deutlich verloren. Insofern glaube ich, ist die Verteilung Gewinner und Verlierer bei dieser Wahl relativ klar“. Daraus ergebe sich ein klarer Regierungsauftrag für Olaf Scholz.

Maas wies zudem darauf hin, dass ein gutes Ergebnis der SPD ein Signal mit Blick auf die Landtagswahl im kommenden Jahr sein könnte. Gelinge es seiner Partei, die meisten Wahlkreise oder gar alle Wahlkreise im Saarland zu erobern, sei dies ein politischer Erdrutsch. „Wenn wir bei den Zweitstimmen vorne liegen ist das die Ausgangslage für die Landtagswahl und da werden die Karten völlig neu gemischt“. Das könne die Landtagswahl im kommenden Frühjahr so spannend machen wie die Bundestagswahl in diesem Jahr.

Maas und Altmaier bekleiden in Berlin höchste Regierungsämter. Deshalb blickt am Wahlsonntag deutschlandweit die Presse auf ihren Wahlkreis im Saarland. Im Kampf um Wählerstimmen vor Ort dürfte ihre Prominenz den beiden Politikern aber nicht immer hilfreich gewesen sein. In der Heimat waren die Erwartungen an die beiden Saarländer im Kabinett von Angela Merkel (CDU) hoch. Was tun die Minister für das Saarland, vertreten sie in Berlin auch dessen Interessen, vor allem in der Industriepolitik? Mit den Ford-Werken in Saarlouis und der Dillinger Hütte befinden sich zwei der größten Industriebetriebe der Region in ihrem Wahlkreis, tausende Beschäftigte bangen um ihre Arbeitsplätze.

Auch ihr Image als Kabinettsmitglieder nahmen sie auf Heimatbesuch selbstverständlich mit. Der Wirtschaftsminister galt in der vergangenen Legislatur wiederholt als angezählt, Maas geriet zuletzt durch Afghanistan in die Negativschlagzeilen. Beide waren mit Rücktrittsforderungen konfrontiert. Sie sind dem Bundestrend nicht nur ausgesetzt, sondern tragen selbst dazu bei.

Einen Politprofi wie Altmaier dürfte eine Niederlage in seinem Wahlkreis nicht unvorbereitet treffen. „Ich habe den Wahlkreis die letzten drei Male gewonnen, wir stehen allerdings vor einer Neusortierung der politischen Kräfteverhältnisse“, sagt er am Sonntagmorgen, nachdem er gewählt hat. Jeder wisse, dass die bundespolitische Stimmung immer auch Einfluss auf die Wahlkreise habe. Und diese Stimmung drehte sich in den vergangenen Wochen zugunsten der SPD, sie lag in den Umfragen plötzlich vorne, auch wenn sich die CDU in den letzten Tagen wieder auf Schlagdistanz dem Regierungspartner näherte.

„Dieser Wahlkampf hat sich sehr früh bei fast allen Parteien von Inhalten abgewandt, weil diese Inhalte schwierig sind, weil sie auch bedeuten, dass man unangenehme Entscheidungen treffen muss, wenn man bestimmte Ziele erreichen will, sowohl beim Klimaschutz als auch in Fragen der inneren Sicherheit oder des Wirtschaftswachstums“, sagt Altmaier über den politischen Wettbewerb der vergangenen Wochen. Die Grünen hätten ganz zu Anfang „kommunikative Fehler“ gemacht, analysiert der Minister. „Das hat dazu geführt, dass auch andere Parteien weniger mutig waren.“ Allerdings hätten die Unionsparteien im letzten Drittel des Wahlkampfs die Entscheidung noch einmal „zugespitzt“, befindet Altmaier. „Nämlich wollen wir eine Regierung der Mitte, wer immer sie führt, oder wollen wir eine Regierung, die links von der Mitte angesiedelt ist.“ Doch im Wahlkreis Saarlouis führte das nicht mehr zu einem Kopf-an-Kopf-Rennen zwischen ihm und Maas.