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Hausbesuch bei "Tocotronic"-Frontmann Dirk von Lowtzow, der sein erstes Buch geschrieben hat.

Neue Bücher : Kleine Enzyklopädie des Ichs

In seinem literarischen Debüt „Aus dem Dachsbau“ plaudert Tocotronic-Sänger Dirk von Lowtzow aus seinem Leben.

Sein Buch ist an vielen Stellen ziemlich traurig, deshalb würde man ihm gerne etwas Gutes tun. So klingelt man also mit einer Flasche Cola Zero unterm Arm bei Dirk von Lowtzow in Berlin, denn irgendwo im Buch schreibt er, dass er dieses Getränk gerne mag. „Oh, Cola!“, ruft der 47-Jährige denn auch. Im Flur hängt ein Poster der Vampirjägerin „Buffy“ in Lebensgröße.

Lowtzow ist Sänger und Texter von Tocotronic, der literarischsten Rock-Gruppe Deutschlands. Ihre Songtitel wurden zu geflügelten Worten: „Aber hier leben, nein danke“, „Ich möchte Teil einer Jugendbewegung sein“, „Im Zweifel für den Zweifel“. Nun ist das Buch erschienen, auf das viele Fans von Tocotronic seit Jahren gehofft haben: In „Aus dem Dachsbau“ versammelt Lowtzow kleine Texte und Erzählungen. Es ist wie eine Enzyklopädie aufgebaut, von A wie Abba bis Z wie Zeit, und es ist toll. Fotos und Zeichnungen wechseln sich mit literarischen Vignetten ab, darunter Perlen wie jene über den Jugendfreund Alexander, der nach fast 20 Jahren Freundschaft im Alter von 26 Jahren an einem Tumor stirbt. Auf seiner Beerdigung singt Lowtzow das Lied „Gott sei Dank haben wir beide uns gehabt.“

Das Buch sei auch ein Buch der Freundschaft, sagt Lowtzow. „Ich finde die Vorstellung, ohne Zusammenhang zu leben, furchtbar. Das Buch ist eine Selbsterkundung, eine Erkundung des Umlandes, des Geländes um mich herum.“ Und die besondere Form habe er gewählt, weil ihm kleinere Texte mehr liegen als etwa ein Roman. „Die Enzyklopädie ist eine Form, die ich sehr gerne mag. Sie ist offen. Sie ist demokratisch.“

In seinem Wohnzimmer stehen LPs von The Fall, Charles Mingus, Neil Young und Terry Hall. Da ist ein Porträt von Yves Saint Laurent, und da sind viele Bücher: Teju Cole, der gesamte Proust, Annie Ernaux, Peter Handke, eine Biographie des Denkers Lévi-Strauss. Vor allem der Autor Teju Cole habe ihn beeindruckt, sagt Lowtzow. Er erinnere ihn an W.G. Sebald, ebenfalls einer seiner Helden: „Diese Mischung aus Literatur, Memoir und Essay – und bei Sebald auch noch die Fotos –, das finde ich interessant.“

In „Aus dem Dachsbau“ erzählt Lowtzow, wie er wurde, wer er ist. Das ist eine bisweilen schräge, gelegentlich heitere, manchmal wehmütige Autobiografie aus poetischen Schlaglichtern: Wie er als Junge Comics auf dem Fußboden im Edeka liest. Wie er sich wie David Bowie zu kleiden beginnt. Wie er nach Hamburg zieht und dann nach Berlin. Einsamkeit und Melancholie sind Begleiter dieses Erzählers, der sich immer wieder von Musik, Kunst, Film und Literatur euphorisieren lässt: Hüsker Dü, Cosima von Bonin, „Alien“, W.B Yeats.

Wer das Tocotronic-Album „Die Unendlichkeit“ kennt, wird viele Episoden und vor allem Stimmung und Atmosphäre wiedererkennen. „Das Buch ist aus der Arbeit am Album hervorgegangen“, sagt Lowtzow. Eigentlich müsste man CD und Buch zusammen verkaufen.

Bleibt die eine Frage: Bedeutet die Geburt des Dichters von Lowtzow den Tod von Tocotronic? Er schüttelt den Kopf: „Im Augenblick arbeiten wir wieder an neuen Liedern.“ Let There Be Rock.

Dirk von Lowtzow: Aus dem Dachsbau. Kiepenheuer & Witsch, 180 Seiten, 20 €.