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Stefan Schwarz über Cancel Culture, Kevin Spacey und seine Zeit bei der Stasi

Interview mit Bestseller-Autor Stefan Schwarz : „Männer überschätzen sich. Männer sind eigentlich wie Möpse“

Empörungskultur in den sozialen Medien, Emotions-Sucht im TV, der berufliche Absturz wegen eines Skandals, der keiner ist: Davon erzählt Autor Stefan Schwarz in seiner lesenswerten und sehr vergnüglichen Satire „Da stimmt was nicht“. Was gab den Anstoß zum Buch? Und was hat Schwarz’ Zeit als Offiziersschüler bei der Stasi damit zu tun?

Ein Synchronsprecher wird als Stammstimme eines US-Films reich und berühmt – bis der Star wegen eines umstrittenen Vorfalls medial in Ungnade fällt und den Sprecher mit ins Karriereloch reißt. In seinem sehr witzigen Roman „Da stimmt was nicht“ erzählt Stefan Schwarz von sozialen Medien, einer schal gewordenen Ehe und einem naiven Mann in der Lebensmitte. Wir haben mit Schwarz gesprochen.

Herr Schwarz, was haben Sie gegen Frauen aus Hildesheim?

SCHWARZ Nichts. Wieso?

Sie schreiben in ihrem Buch: „Nein, sagte sie, sie käme ursprünglich aus Hildesheim. Jetzt, wo sie es sagte, sah ich es auch.“

SCHWARZ Ach nein, das war völlig beliebig. Ich wollte einfach eine gewisse Nüchternheit beschreiben. Ich war noch nie in Hildesheim – es hätte auch eine Stadt im Saarland sein können. Oder doch nicht, weil die Saarländer ja als so lebenslustig gelten – vielleicht ja auch ein Vorurteil. Möglicherweise gibt es furchtbar viele langweilige Saarländer.

In „Da stimmt was nicht“ beschreiben Sie den sozialen Absturz eines Synchronsprechers, als der Hollywood-Star, dem er die Stimme leiht, in Ungnade fällt, nachdem er etwas scheinbar Skandalöses getan hatte. Was war der Anstoß zum Buch – die Diskussionen um „cancel culture“?

SCHWARZ Es war natürlich der Fall von Schauspieler Kevin Spacey, der nach Vorwürfen der sexuellen Übergriffe komplett aus dem System Hollywood gestrichen wurde – obwohl nie ein Gerichtsverfahren gab und sogar die Anklage fallengelassen wurde. Dennoch ist er beruflich vernichtet. Durch meine Arbeit als Kulturjournalist kenne ich Spaceys deutschen Synchronsprecher Till Hagen. Der saß nun ziemlich traurig da und sagte „Mensch, aber ich hab doch jarnischt gemacht“. Er hatte mit dem Spacey einen potenten Arbeitgeber, und der war über Nacht weg. Dieser Kollateralschaden durch den Skandal eines anderen hat mich als Schriftsteller fasziniert. Durch aufpoppende Skandale oder Skandälchen verlieren Menschen plötzlich aufgrund eines privaten Vorfalls zum Beispiel ihren Beruf. Die Welt von heute hat da eine enorme Explosionslust.

 Kevin Spacey („House of Cards“), seit mehreren Vorwürfen sexueller Übergriffe ohne Rollenangebote.   Foto: Harnishfeger/AP
Kevin Spacey („House of Cards“), seit mehreren Vorwürfen sexueller Übergriffe ohne Rollenangebote. Foto: Harnishfeger/AP Foto: AP/Nicole Harnishfeger

Es gibt neben Pseudo-Skandälchen ja auch tatsächliche Skandale wie den jahrelangen sexuellen Missbrauch von Frauen etwa durch den Produzenten Harvey Weinstein, dessen Aufdeckung die #metoo-Bewegung begründete. Darum geht es in ihrem Buch nicht?

SCHWARZ Nein, das ist ja kein Buch gegen den kulturellen Wandel, den wir gerade erleben. Den unterstütze und befürworte ich. Mir geht es um die Frage, ob wir nicht durch die sozialen Medien zu vorschnell über Geschehnisse urteilen, von denen wir nur geringe Kenntnis haben. Deshalb habe ich einen Vorfall erfunden, der sich als etwas Rätselhaftes, aber nicht wirklich Skandalöses entpuppt. Es wird heute kein Unterschied gemacht zwischen einem Vorwurf und dem Beweis eines Fehlverhaltens. Heute können Leute, Wissenschaftler, sogar Nobelpreisträger, alles verlieren wegen eines blöden Witzes oder wegen persönlicher Schrullen. Diese Leute werden oft von Menschen erlegt, die ihnen nicht das Wasser reichen können.

  Schauspieler und Synchronsprecher Till Hagen – die deutsche Stammstimme von Kevin Spacey
Schauspieler und Synchronsprecher Till Hagen – die deutsche Stammstimme von Kevin Spacey Foto: Die Media-Paten

Etwa, wie Sie im Buch schreiben, von „irgendeinem Freak, der mit sechs unkastrierten Katern und zwölf Säcken Trockenfutter in seiner Mansarde lebt und nur darauf wartet, dass ihm irgendwas da draußen in der Welt nicht passt“?

SCHWARZ Das ist für mich der typische Hashtag-Junkie, der das Internet durchforstet, bis er etwas findet, worüber er sich aufregen kann. Das sieht man daran, dass viele Skandale mit Verzögerung in die Öffentlichkeit gelangen. Manchmal sagt ein Schauspieler einen Satz, der niemanden aufregt, bis ihn jemand irgendwo vier Wochen später entdeckt, dann denkt, dass der Satz eindeutig zum Beispiel gegen Kleintiere gerichtet ist, und das verkündet – und viele ziehen mit. Wir sind alle zu gereizt, zu nervös, zu schnell bereit, uns irgendwo anzuschließen anstatt Abstand zu wahren. Warum muss ich mich immer so schnell positionieren? Mehr Humor wäre auch gut – Humor ist eine Erkenntnistechnik, eine Form von Liebe. Humor hat eine integrative Kraft. Wir haben zu viele Ernstmacher und zu wenig Spaßmacher. Man muss auch mal aushalten, nicht genug zu wissen – und dann zu schweigen.

Und das tun zu wenige?

SCHWARZ Sicher – heute haben wir eine Atmosphäre, in der alle sofort schon mal vorsorglich auf Abstand gehen, sobald es einen „Vorfall“ gibt, und in der es so etwas Absurdes gibt wie den Tatbestand der Kontaktschuld, das zeige ich ja auch im Buch. Der Synchronsprecher verliert all seine Jobs, weil er über drei Ecken mit dem Pseudo-Skandal in Verbindung gebracht wird. Niemand will heute sagen: Es gibt für mich keinen Grund, diesem Mann oder dieser Frau bis zum gerichtlichen Beweis des Gegenteils nicht mehr zu trauen. Ich frage mich auch, warum wir heute so stark die berufliche Vernichtung einer Person fordern.

Wie autobiografisch ist dieser Aspekt? Sie waren bis zur Wende Offiziersschüler des DDR-Staatssicherheitsdienstes, haben nach der Wende für die „taz“ in Berlin und Leipzig gearbeitet, die Sie dann entließ, als Ihre Stasi-Tätigkeit öffentlich wurde.

SCHWARZ Ein Schlüsselroman ist das zwar nicht, aber dass ich eine gewisse Einfühlung in den Helden habe, darf man mir nachsehen. Meinen Anteil an sozialer und beruflicher Vernichtung habe ich gehabt. Ich musste mehrmals in meinem Leben von vorne anfangen oder gute Projekte abgeben, weil ein Dummkopf kam und eine gewisse Meinung über mich hatte.

Nervt es Sie, dass das bei fast jedem Interview angesprochen wird?

SCHWARZ Ehrlich gesagt schon. Ich habe eine Vergangenheit, mit der ich mich seit 30 Jahren immer wieder auseinandersetze, ich stehe auch für jede öffentliche Diskussion zur Verfügung. Aber ich bin in erster Linie Schriftsteller – und nicht etwa „Schriftsteller mit einer Vergangenheit“. Ich bin jetzt lange Autor, sehr viel länger als ich irgendetwas anderes war. Ich nehme für mich das Recht in Anspruch, das jeder Ostdeutsche 1990 hatte – dass er durch ein Tor gehen kann und die Freiheit hat, das zu werden, was er wirklich werden will.

Wobei die Wende 1989 in Ihrem Buch, wenn der Synchronsprecher sich an die Vergangenheit vor allem seines Vaters erinnert, eher bedrohlich als verheißungsvoll wirkt.

SCHWARZ Die Wende war eben auch das, was die Evolutions-Biologen ein „Faunenschnitt“ nennen. Da wurde eine gesamte politische Klasse abrasiert, die Verantwortungsträger der DDR sind in großer Zahl vor die Tür gestellt worden. Das hat natürlich mit denen etwas gemacht, und mit ihren Familien. Das waren herbe Einschnitte.

Auch in Ihrer Familie? Ihr Vater war Stasi-Bezirksleiter von Erfurt, Sie selbst haben ironisch mal von „Kommunisten-Adel“ gesprochen.

SCHWARZ Ja, aber im Buch geht es nicht um meine Geschichte, sondern um die unterschiedliche Verlässlichkeit von Laufbahnen. Der Held beneidet seinen Vater für dessen langsame, aber stete Karriere im Gegensatz zum größeren, aber unsicheren Erfolg von heute. Das ist ein Generationsunterschied, wo sich das Westdeutschland der 1960er Jahre nicht sehr vom Osten unterscheidet.

Im Buch kommt ein bekannter Regisseur mit einer ziemlich bekannten Kastenbrille vor, der „eine Dokumentation über das Isoliertsein des Menschen in Zeiten globaler Vernetzung“ drehen will. Bespötteln Sie da Wim Wenders?

SCHWARZ Nein, das ist gar kein Spott. Es ging mir eher um eine Verbeugung vor der Zeit der deutschen Großregisseure, auf die ich mit ein bisschen Wehmut schaue. Wenn man etwa mit Fassbinder gedreht hatte, da war man geadelt – dann war das eigene Leben schon irgendwie gerechtfertigt.

Und der immer vornübergebeugt sitzende Moderator Mark Hofer mit einer „fast schon ins Manische gesteigerten Interessiertheit“ ist Markus Lanz, oder?

SCHWARZ Naja, wenn jemand das so erkennen möchte, kann ich ihm das nicht verwehren. Aber es geht mir vor allem um eine Form des zupackenden Moderators, der sich vorgenommen hat, die Diskussion zu einer Debatte werden zu lassen, Emotion zu schüren. Fernsehen ist ja ein Emotionsmedium – dort können sie keine Sätze über 13 Wörter sagen, weil die dann schlecht verstanden werden. Im Fernsehen wird das mit Emotionen unterfüttert. Das heißt: Man muss empört sein oder entrüstet – oder man muss weinen oder sich entschuldigen, weil Ihnen alles furchtbar leid tut. Diese schreckliche Emotionalität in den Debatten und Skandalen, die wir heute erleben, ist natürlich dem Fernsehen und den neuen Medien geschuldet, die Emotionen suchen und anstacheln. Reporter wie einst im „Internationalen Frühschoppen“, die rauchend und in abgeklärter Sachlichkeit eine militärische Intervention im Nordsudan diskutieren, würden heute keinen mehr interessieren. Aber niemand schaltet um, wenn jemand zu weinen anfängt. Doch das ist eine Falle – damit ist das Denken sofort ausgeschaltet – auch wenn man entrüstet ist.

Der britische Komiker Ricky Gervais hat den Satz gesagt: „Nur weil man empört ist, muss man ja nicht recht haben.“

SCHWARZ Ein kluger Satz mit einem psychologischen Grund. Menschen spüren instinktiv, wenn sie keine guten Argumente haben oder zu wenig Informationen, um sich zu einem Thema wirklich positionieren zu können. Die spüren diesen Informationsmangel und ersetzen das durch Gefühle. Man glaubt, das eigene Gefühl müsse eine eigene Wahrheit haben – je stärker, desto wahrer. Das halte ich für eine Art von Autosuggestion. Menschen entrüsten sich gerne, weil sie gerne starke Gefühle haben. Und ein Mann, der im Fernsehstudio sitzt und einfach etwas sagt, ist viel langweiliger als ein Mann, der sich krümmt und weint oder sich empört und rumschreit. Deswegen versuchen auch alle bei der Skandalbewältigung, Tränen abzudrücken. Wenn man sich in Amerika entschuldigt, muss man weinen. Wenn man nicht weint, hat man sich nicht entschuldigt. Wir brauchen eine emotionale Szene wie bei der Kulturrevolution in China – der Kritisierte muss zu Boden gehen, weinen und um Verzeihung bitten. Erst dann kann er wieder aufgenommen werden ins Kollektiv.

 Der Roman „Da stimmt was nicht“.
Der Roman „Da stimmt was nicht“. Foto: Rowohlt

Dem Hollywood-Star in Ihrem Buch gelingt das dann ja doch.

SCHWARZ Er hat gute Berater, deshalb setzt er sich in Talkshows und erzählt eine tränenreiche Geschichte aus seiner Jugend. Damit kann man ihm wieder verzeihen. Es gibt heute keine rationale Verzeihung mehr, keine juristische – nur eine gefühlte.

In Ihrem Buch geht es nebenbei auch um die Krise zur Lebensmitte hin und um gekränkte männliche Egos.

SCHWARZ Sicher, der Synchronsprecher erlebt ja einen enormen beruflichen Aufstieg und hat das Gefühl, dass die Wertschätzung ihm gegenüber zuhause aber nicht gewachsen ist. Das geht vielen Männern so, die Karriere machen – deshalb wechseln viele Männer mit Karriere die Frauen zwischendurch, weil sie das Gefühl haben: Ich bin jetzt bedeutend, aber meine Frau schaut mich an wie immer. Also brauche ich eine andere Frau. Ein veritables Eheproblem.

Der Synchronsprecher im Buch ist schon ziemlich naiv, als sich eine deutlich jüngere Frau sehr kurzfristig für ihn interessiert.

SCHWARZ Das ist doch typisch männlich. Eine realistische Selbsteinschätzung beim Mann ist ein Zeichen von Depression. Das heißt: Ein Mann muss sich immer für attraktiver halten als er es ist Männer überschätzen sich. Männer sind eigentlich wie Möpse. Möpse sind klein und eher nur niedlich, aber total furchtlos, weil sie nicht wissen, dass sie klein sind. Eine Freundin von mir sagte mal, sie möchte einmal im Leben das Selbstbewusstsein eines Mannes mit Mitte 40, Halbglatze und Übergewicht haben, der eine junge Frau anspricht. Das ist leider so, aber man darf das den Männern nicht übel nehmen – das ist evolutionär bedingt. Wenn Männern nackt vorm Spiegel bewusst wäre, wie sie wirklich aussehen, würde die Menschheit aussterben.

Stefan Schwarz: Da stimmt was nicht. Rowohlt, 256 Seiten, 18 Euro.
Hörbuch gelesen von Dietmar Wunder.