1. Nachrichten
  2. Kultur

The The und die ersten Konzerte seit 16 Jahren

„The Comeback Special“ von The The alias Matt Johnson : Matt Johnson und The The: Der große Verstummte ist zurück

In den 80ern und 90ern waren The The aus London eine gefeierte Band – danach war Stille. Bis jetzt.

Wie gut, wieder von ihm zu hören. Matt Johnson galt über fast zwei Jahrzehnte wenn nicht als Verschollener der Popmusik, dann doch als Verstummter. In den 1980ern war sein Bandprojekt The The – um den Londoner kreisten je nach Bedarf eine Handvoll Gastmusikerinnen und -musiker – eine große Sache: Das 1983er Debüt „Soul Mining“ verband feinnervige Texte über Krisen, Trauer und zaghaften Optimismus mit wundersamen Melodien und einem reichen Instrumentarium.

 Das Konzert in der Royal Albert Hall in London.
Das Konzert in der Royal Albert Hall in London. Foto: Andy Paradise

1986 setzte Johnson noch eins drauf: „Infected“, eine muskulöses, kraftstrotzendes Album mit donnernden Rhythmen, klassischer Rock-Besetzung, dazu Streicher, Bläser und Johnsons Stimme, die oft so klang, als sänge er unter Schmerzen – was an den Themen liegen könnte. Zu der Betrachtung der eigenen, oft schwierigen Seelenlage kam ein unbarmherziger Blick auf das England unter Margaret Thatcher: Da sang er in der  trügerisch poppigen Single „Heartland“ vom Land der roten Busse und blaublütigen Babys, vom Staat, der verarmten Rentnern das Herz herausschneidet, und von seelenlosen Einkaufszentren, die nach Urin stinken – das alles verpackte er in einen eingängigen Refrain und legte noch einen Streicherteppich drunter: eine ziemlich untypische Hit-Single.

Dem Meilenstein „Infected“ folgten einige Alben, denen die Verbindung von Pop/Rock/Blues und komplexen Texten nicht mehr derart gut gelang – manchmal konnte Johnson ins Predigen geraten. Aber intensive, aufwühlende Momente boten Alben wie „Mind Bomb“ und „Dusk“ allemal. Dennoch plätscherte die Karriere von The The aus – Probleme mit Plattenfirmen und einige Todesfälle in Johnsons Familie ließen ihn sich zunehmend zurückziehen. Mit dem wenig beachteten „NakedSelf“ erschien 2000 das letzte reguläre Album. Johnson gründete ein eigenes Label, nahm sporadisch instrumentale Filmmusik und Interview-Podcasts auf, mit Texten und Singen schien es vorbei.

 Johnson beim Konzert in London.
Johnson beim Konzert in London. Foto: Andy Paradise

Umso überraschender war die Rückkehr 2018. Da gab er unter dem Titel „The Comeback Special“ einige Konzerte – die ersten seit 16 Jahren. Eines davon in der innerhalb von Minuten ausverkauften Royal Albert Hall in London – und das erscheint nun als Mitschnitt in einigen Formaten, je nach Interesse und Geldbeutelvolumen: von der schlichten Doppel-CD über den Konzertfilm auf Bluray bis hin zum kiloschweren „Art Book“ mit Film und Fotos auf 136 Seiten. Ein nostalgieseliges Best-of ist das Ganze nicht, auch wenn die (relativen) Hits dabei sind. Johnson und seine vier Kollegen spielen die zum Teil über 35 Jahre alten Stücken in  kargeren Versionen als damals im Studio, was den meisten exzellent bekommt – nur das hämmernde „Infected“ erreicht hier nicht ganz die rhythmische Brutalität der Studioversion.

Ansonsten aber klingen die Stücke überraschend frisch – sei es der optimistische Pop von „This is the day“, der verschwitzte Blues von „Dogs of Lust“ oder der trügerisch freundliche Jazzpop von „The Beat(en) Generation“ – textlich eines  von Johnsons finsteren Stücken über die Politik in seiner Heimat. Eine der Höhepunkte ist „Sweet bird of truth“ über die letzten Gedanken eines US-Bomberpiloten, der am Persischen Golf abstürzt (das Stück entstand 1986) – ein dunkles, spannungsreichen Werk mit Momenten der Stille und einem Schlagzeug wie Donnerhall, mit einem Text über Politik, Glauben und Gewissen.

Ein fulminantes Konzert-Album also, mit hoher Intensität und ohne Nostalgie. Aber wird „The Comeback Special“ mehr sein als eine gute Erinnerung an Matt Johnson und die Zeit, als er tatsächlich noch regelmäßig Alben aufnahm? Bei den Konzerten deutete er an, dass Neues von The The durchaus wahrscheinlich wäre. Allerdings ist diese Andeutung auch schon drei Jahre her – man sollte also nicht täglich damit rechnen.

The The: The Comeback Special
(verschieden Formate, erschienen bei Ear Music, zwischen 19 und 170 Euro).
www.thethe.com