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Wie sexistisch ist James Bond? Wie geht es nach Daniel Craig weiter?

Interview mit 007-Forscher über James Bond : „Die Bond-Filme dieser Zeit sind schamlos sexistisch“ (mit Bildergalerie)

Ein geschüttelter Wodka Martini. Schurken, die in Vulkanen wohnen. Und ein Brite namens James Bond, der immer wieder die Welt rettet – das Universum von 007 ist ein Fall für sich. Der Kulturwissenschaftler Wieland Schwanebeck hat ein Buch über Bond geschrieben. Im SZ-Interview beantwortet er unter anderem, wie sexistisch die Bond-Filme oder rassistisch die alten Romane sind. Und wie soll es nach Daniel Craig mit 007 weitergehen?

Herr Schwanebeck, der Kinoklassiker „Vom Winde verweht“ wurde zuletzt mit einem erklärenden Hinweis gezeigt, weil der Film die Sklaverei verharmlost. Disney+ zeigt die „Muppet-Show“ mit einem Warnhinweis wegen Stereotypen. Müsste man da bei den älteren Bond-Filmen mit seinen, das muss man auch als Bond-Fan zugeben, rassistischen Stereotypen und einem oft bizarren Frauenbild auch etwas tun? Oder wäre das albern?

SCHWANEBECK Wenn überhaupt, könnte ich mir Hinweise, vergleichbar mit denen, wie sie jetzt ins Impressum mancher Kinderbücher gedruckt werden, vorstellen. Aber man kann die Vergangenheit nicht retuschieren oder so tun, als habe sie nie stattgefunden. Man muss vielmehr den Kontext herstellen. Außerdem schaut man sich einen Bond-Film ja schon in dem Bewusstsein an, dass man eine bunte, überfrachtete Playboy-Fantasiewelt betritt, in der eigentlich gar nichts stimmt, die aber in sich stimmig ist. Mit Frauen, die zum Beispiel Pussy Galore heißen, als wären sie Offerten zum Geschlechtsverkehr, und besonders schurkischen Schurken. Das würde niemand mit der Realität verwechseln. Die neueren Filme bedienen solche Stereotypen nicht mehr, es gibt etwa kein „Yellowfacing“ mehr wie im ersten Kino-Bond „Dr. No“, wo ein kanadischer weißer Schauspieler zu einem asiatischen Bösewicht umgeschminkt wird. Und Bond schießt auch nicht mehr dutzendweise gesichtslose chinesische Handlanger über den Haufen. Das kommt nicht wieder.

Ich habe neulich meinen liebsten Roger-Moore-Bond, „Der Spion, der mich liebte“ von 1977, mit dem Unterwasserauto und einem Handlanger mit Stahlgebiss, meiner Tochter gezeigt – ihr erster Bond. Und mir war es ziemlich peinlich, weil ich diesen staubigen Altherren-Sexismus gar nicht in Erinnerung hatte. Mit elf, als ich den Film zum ersten Mal gesehen habe, fand ich das alles ziemlich witzig – und eigentlich auch ganz normal.

SCHWANEBECK Die Filme dieser Zeit sind schamlos sexistisch, das zieht sich mindestens durch die 1960er und 1970er. In „Goldfinger“ verabschiedet Bond seine Gespielin mit einem Klaps auf den Hintern, weil jetzt „Männergespräche“ anstehen – dass uns das heute so fremdschammäßig peinlich vorkommt und wir beim Schauen mit den Augen rollen, zeigt aber, dass sich die Kultur gewandelt hat. Auch Jugendliche wissen, wie sie das einsortieren müssen: als Opa-Humor von gestern, so wie einen Witz von Fips Asmussen. Den Schauwert dieser Filme kann man ja trotzdem genießen. Und eigentlich zwinkern uns diese Filme, gerade die mit Roger Moore, immer zu, um uns klarzumachen, dass sie gar kein Abbild der Realität sein wollen. In der Bond-Forschung gibt es auch feministische Lesarten, die die Filme als überzogenes Zerrbild unserer sexistischen Gesellschaft sehen – so dass man eigentlich mit Bond lachen muss, nicht über ihn.

Haben die Macher der frühen Filme das beabsichtigt? Sozusagen Bond als Sexismus-Satire?

SCHWANEBECK Das glaube ich nicht. Bücher, Filme und Musik haben ja oft eine unbewusste Ebene. Schauen Sie sich „Diamantenfieber“ mit Sean Connery von 1971 an – ein Film, in dem Bond durch enge Röhren kriecht, es viel Toiletten-Humor gibt und er es mit schwulen Killern zu tun bekommt. Da schreibt sich schon eine Art Anal- und Homophobie in den Film ein. Ob die jetzt vom Drehbuch kommt, von der Romanvorlage, von der Regie oder von Connery, der ein relativ reaktionäres Mannsbild gewesen sein soll, ist schwer zu sagen. Die späteren Filme sind da cleverer und intellektueller, da muss Bond ja auch mal zum Psychologen oder wird von seiner Vorgesetzten als sexistischer Dinosaurier bezeichnet.

Was fasziniert Sie als Kulturwissenschaftler generell am Thema Bond?

SCHWANEBECK Ich forsche vor allem in britischer Literatur und Kultur – da ist man immer interessiert an Phänomenen aus der Popkultur, die auch an politische und historische Themen heranführen. An Bond kann man zum Beispiel das Verhältnis zur britischen Monarchie behandeln oder fragen, wie sich die britische Gesellschaft sieht und wie England mit dem Fremden umgeht – wenn man sich etwa die Bond-Feindbilder der letzten 40, 50 Jahre anschaut. Die Filme lassen sich gut als Statement zum Zeitgeist lesen.

Zum Beispiel?

SCHWANEBECK Besonders deutlich ist das bei Roger Moore. Er verkörpert ja mit seinen Safari-Anzügen die Leichtigkeit des verspäteten Kolonialherren, der eine große Playboy-Party feiert. Aber als er Mitte der 1980er abtritt, kommt gerade das böse Erwachen mit Aids – und entsprechend muss sich sein Nachfolger Timothy Dalton verhalten. Er ist relativ monogam, er schlägt nicht so über die Stränge und versucht ein bisschen Seriosität herzustellen – so gesehen hat sich da bei Bond etwas verändert, so wie die Welt auch. Auch Daniel Craig war eine Zäsur, als er 2006 antrat. Er versuchte, Bond als glaubhaften Charakter anzulegen, die Figur wird nun derart psychologisiert, wie man es in den 1960ern oder 1970ern nicht für denkbar gehalten hätte. Als in den 1960ern die ersten Kulturwissenschaftler zu Bond forschten, war ihre These, dass diese Figur gar keine Psychologie besitzt, sondern bloß wie eine Schachfigur ist, die über ein Spielbrett bewegt wird. Aber jetzt dichtet man Bond eine Familiengeschichte an und entwickelt ihn wirklich als Figur über vier, fünf Filme hinweg.

Aber haben sich die Bonds der Craig-Ära nicht dabei auch etwas prätentiös verzettelt und stecken durch allerlei familiäre Enthüllungen in einer Sackgasse?

SCHWANEBECK Sackgasse trifft es ganz gut – man merkt jetzt, dass es, als Craig antrat, keinen Masterplan gab, wohin es mit den nächsten drei, vier Filmen gehen sollte. Mit jedem neuen Film wird verkündet, es hätte diesen Plan immer gegeben, und so kommt es regelmäßig zu Pseudo-Enthüllungen, im nächsten Film wohl auch.

Hat Craigs Bond seinen Zenit überschritten?

SCHWANEBECK Es ist ein bisschen frustrierend, dass wir Bond mittlerweile jedes Mal als eine ermüdete, etwas gelangweilte Figur erleben. Seltsam, dass Bond in „Casino Royale“ als junger Mann eingeführt wurde, der seinen Agentenjob beginnt, aber dass es ab dem folgenden Film immer gleich um die Frage geht, warum Bond sich das alles noch antut und nicht lieber in Rente geht. So gesehen, ist es nach 15 Jahren Craig Zeit für eine Frischzellenkur. Die Geschichte seines Bonds war eigentlich mit „Skyfall“ auserzählt, dann machte „Spectre“ nochmal dasselbe. Das reicht eigentlich.

Zurück zum Frauenbild bei Bond. Ein liebgewordenes Ritual ist ja, dass die Darstellerinnen der Bond-Begleiterinnen seit Jahrzehnten bei jedem Film immer behaupten, dass ihre Frauenfigur bei Bond jetzt viel selbständiger ist als zuvor, viel emanzipierter. Und das stimmt nur selten.

SCHWANEBECK Ja, das ist so ein Ritus – aber letztlich ist das bei Bond ein Strukturproblem: Bond muss halt die Welt retten und auch die Frau. Da finde ich die Filme besonders sympathisch, die einen doppelten Boden einziehen – etwa „Der Spion, der mich liebte“, wo Bond eine sowjetische Kollegin auf Augenhöhe hat, von der man am Anfang denkt, sie wäre bloß die Geliebte eines russischen Spions, dabei ist sie der Spion selbst. Der Film tadelt damit auch sanft die sexistischen Vorannahmen des Publikums.

Wie groß sind die Unterschiede zwischen dem literarischen Bond von Ian Fleming und dem Bond der Kinofilme?

SCHWANEBECK Fleming war als Autor ein ganz großer Freund der amerikanischen Krimischule, seine Vorbilder kamen aus den USA, nicht aus dem verknöcherten Dunstkreis britischer klassischer Abenteuerliteratur. Deswegen sind die Männer bei Fleming meist versoffen, abgebrüht und zynisch. Er bietet auch „femmes fatales“ auf, die ein falsches Spiel spielen, weswegen Bond am Ende von „Casino Royale“, als seine Freundin stirbt, ja auch „Die Schlampe ist tot“ sagt – sehr prägend für das Frauenbild des literarischen Bond. In Flemings Büchern finden sich Antisemitismus, dazu Vorurteile etwa über Asiaten, denen man meist nicht trauen kann – nicht direkt aus der Erzählersicht, sondern gebrochen durch Bonds Perspektive. Bond steckt voller Vorurteile, für ihn sind alle Frauen, Juden, Schwarzen, Asiaten auf ihre Weise gleich. Das ist in den Filmen abgemildert, auch schon in den frühen, denn in den 1960ern, als die ersten Kino-Bonds entstanden, ging alles etwas spielerischer zu, in Richtung einer etwas offeneren Gesellschaft und auch einer „Playboy“-Kultur.

Ist der literarische Bond ohnehin nicht eine eher langweilige Figur? Ein bei allen Abenteuern etwas spießiger Snob mit Vorliebe für edle Marken-Waren, die Fleming höchst liebevoll immer und immer wieder herunterbetet?

SCHWANEBECK Spießer trifft es ganz gut, Flemings Bond ist ein ziemlich reaktionärer Knochen, vor allem der häusliche Bond, den man in den Filmen ja selten sieht: Er braucht seine Rituale, seine morgendlichen Rühreier, seinen Kaffee und seine vertraute Zigarettenmarke.

Ihr Buch enthält sich der üblichen und meist ziemlich nutzlosen Listen und Rangfolgen, etwa wer der beste Bond-Darsteller oder was sein schönstes Auto ist – aber einen Film bezeichnen Sie doch als den mitreißendsten, auch mein Lieblings-Bond: „Im Geheimdienst ihrer Majestät“ von 1969, der einzige mit Darsteller George Lazenby. Was macht den Film so besonders?

SCHWANEBECK Inhaltlich unterscheidet er sich sehr stark von den anderen Filmen – er ist eher melodramatisch, zwischendurch gibt es eine ganze Stunde ohne Actionsequenz, der Film baut eine Beziehung auf, Bond heiratet am Ende. Das ist alles sehr untypisch. Gestalterisch ist der Film eine Klasse für sich, inszeniert wurde er von Peter Hunt, der die ersten Bonds geschnitten hat. Er hat eine eigene Handschrift, ist auch an den Filmcharakteren interessiert – und an guten Bildern. Regisseur Steven Soderbergh meinte einmal, das sei der einzige Bond, von dem man sich jede Kamera-Einstellung gerahmt übers Bett hängen möchte. Da ist was dran. Das geht auch über diesen Postkarten-Exotismus hinaus, den man sonst so bei Bond findet. Vielleicht ist es Zufall, aber es ist auch die werkgetreuste Verfilmung eines Fleming-Romans. Und die Vorlage ist ein später Fleming – Bond gewinnt in den letzten Romanen deutlich an charakterlichem Profil.

Hätten Sie sich gewünscht, dass Lazenby als Darsteller länger drangeblieben wäre?

SCHWANEBECK Ach, dieses „was wäre wenn“ finde ich meistens müßig – es hätte der Serie vielleicht nicht geschadet, weil es dann, als Connery in „Diamantenfieber“ unerwartet zurückkam, viele Kontinuitätssprünge gab. Aber hätte seine Präsenz die Filme wesentlich verändert? Ich weiß es nicht. Die Filme entstanden bis zum Ende des Kalten Krieges relativ beständig im Zwei-Jahres-Takt und wurden meist auch unabhängig von der Besetzung entworfen und geplant.

Lazenby hat einen Film gedreht, Timothy Dalton 1987 und 1989 auch nur zwei, der zweite war ein relativer Flop. Warum hat es mit ihm nicht funktioniert?

SCHWANEBECK Für das damalige Publikum kann ich nicht sprechen, aber es wird oft ins Feld geführt, dass Dalton kein großer Frauenmagnet gewesen sein soll. „Lizenz zum Töten“ ist einer der am wenigsten erfolgreichen Bond-Filme, er musste 1989 aber auch antreten gegen Blockbuster wie„Batman“, „Zurück in die Zukunft 2“, „Indiana Jones 3“ – übrigens mit Sean Connery. Der Film ist gut gemacht und nimmt mit seiner Härte und Nüchternheit ja einiges von dem vorweg, was später bei Daniel Craig Erfolg hatte.

Wie konservativ ist eigentlich der klassische Bond-Fan? Auffällig ist in vielen Facebook-Gruppen, die sich mit Bond beschäftigen: Sobald jemand erwähnt, die Figur Bond könnte doch mal von einer Frau gespielt werden oder von einem Nicht-Weißen, ist die Empörung riesengroß. Und die wird meist scheinheilig damit begründet, da werde man der literarischen Vorlage untreu – dabei haben die aktuellen Filme abgesehen von der Figur Bond nur wenig mit Flemings Büchern gemeinsam.

SCHWANEBECK Ich mache keine empirische Rezeptionsforschung, aber die Forschung stellt sich die Bond-Fans meines Erachtens etwas zu konservativ vor – deswegen befasst sich auch kaum jemand mit den Bond-Filmen und -Romanen, die nicht zur offiziellen Bond-Reihe gehören. Aber wenn nur Bond-Puristen die Kinokarten für Bond gelöst hätten, dann wären die Filme nicht derart erfolgreich. Da gehen auch Leute ins Kino wie meine Eltern, denen egal ist, wer Bond spielt, welche Hautfarbe der Darsteller hat oder welche Haarfarbe – selbst da gab es übrigens bei konservativen Bond-Fans einst Diskussionen und Proteste, weil manchen die blonden Haare von Daniel Craig nicht gefallen haben. Interessant finde ich da, dass das alteingesessene Produzententeam, die Familie Broccoli, wohl annimmt, dass die Filmfans auch Fleming-Fans sind, weil sie regelmäßig verkünden, dass sie mal wieder „back to the roots“ gehen, zurück zum Geist der Fleming-Romane. Damit spielt man einer Fankultur in die Hände, die es „so wie früher“ haben will und nicht so schräg – etwa, dass Bond ins All fliegt oder von einer Frau gespielt wird. Manchen ist es schon zu viel, wenn er in einem Film mal keinen Aston Martin fährt. Aber die Mehrheit ist das nicht.

Die Bond-Filme waren lange aus der Hochkultur ausgeschlossen, auch seitens der Filmkritik – die war in den 60ern bis 80ern eher etwas hämisch und naserümpfend. Mittlerweile ist das anders – was ist da passiert?