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Leitartikel: Die Supermacht und der Abschied von einer Illusion

9/11 - vor 20 Jahren verheerende Terroranschläge in den USA : Die Supermacht und der Abschied von einer Illusion

Als die 19 islamistischen Attentäter mit ihren gekaperten Verkehrsmaschinen am 11. September 2001 in die beiden Türme des World Trade Centers sowie den Westflügel des US-Verteidigungsministeriums flogen, schrieben sie auf makabre Weise Weltgeschichte. Wie hat sich seitdem die US-Außenpolitik verändert?

Es war der erste direkte Angriff auf die Vereinigten Staaten auf ihrem Festland seit knapp 200 Jahren. Als die 19 islamistischen Attentäter mit ihren gekaperten Verkehrsmaschinen am 11. September 2001 in die beiden Türme des World Trade Centers sowie den Westflügel des US-Verteidigungsministeriums flogen, schrieben sie auf makabre Weise Weltgeschichte. Die verheerende Attacke, die knapp 3000 Menschen in den USA das Leben kostete, war ein Angriff auf die Zivilisation. In zwei großangelegten Kriegen gegen die afghanische Taliban-Regierung und den Diktator Saddam Hussein im Irak wollte die einzig verbliebene Supermacht dem Terrorismus ein Ende machen.  20 Jahre danach sieht die Bilanz des Kriegs gegen den Terror ernüchternd aus. Völlig überstürzt haben die US-Truppen Afghanistan verlassen, die Taliban sind wieder die Herren des Landes. Und auch im Irak, aus dem sich die Amerikaner zum Jahresende zurückziehen wollen, dürfte eine Regierung an die Macht kommen, die es eher mit dem diktatorischen Mullah-Regime im Iran als mit dem Westen hält.

Tatsächlich glaubte der Westen lange Zeit, er müsse nur demokratisch legitimierte Regierungen einsetzen sowie beim Aufbau der Nationen militärisch, wirtschaftlich und politisch helfen. Dann würde es für die Bevölkerung attraktiv, sich dem Modernisierungskurs anzuschließen. Doch weder die USA noch ihre Verbündeten schafften die Wende. Angesichts einer desolaten Wirtschaftslage, einer grassierenden Korruption und der massiven Jugendarbeitslosigkeit scheiterte der gut gemeinte Ansatz. Die USA änderten ihre Strategie. Statt mit Kriegen und Wiederaufbauprogrammen töteten sie mit Hightech-Drohnen gezielt die Anführer der Terrorgruppen. Auch das nur zu dem Preis, dass neue Terroristen nachwachsen. Der Mittlere Osten hat deshalb seine Bedeutung verloren, die USA bleiben lediglich Garantiemacht Israels und wenden sich stärker dem pazifischen Raum zu, wo die Großmachtkämpfe der Zukunft ausgetragen werden.

Die neue Strategie, die mit dem Abzug aus Afghanistan nun manifest geworden ist, lässt sich durchaus nachvollziehen. Denn die menschlichen und materiellen Opfer des Kriegs waren zu hoch. Die Amerikaner verloren obendrein auch ihren Ruf als demokratische und rechtsstaatliche Vorzeige-Führungsmacht des Westens. Der Abbau von Kontrollrechten beim Kampf gegen den Terror, die Menschenrechtsverletzungen in den Lagern Abu Ghraib und Guantánamo zeigten der Welt deutlich, dass selbst die USA den Terrorangriff nicht mit rechtsstaatlichen Mitteln allein bewältigen konnten und wollten. Der Irak-Krieg spaltete sogar die Verbündeten, weil Deutsche und Franzosen dagegen opponierten.

Jetzt hat US-Präsident Joe Biden den schmerzlichen Abschied von den Illusionen in Afghanistan durchgesetzt. Er hinterlässt eine klaffende Wunde. Die Region bleibt sich selbst überlassen – und die Europäer müssen aufpassen, dass ihre Interessen wie etwa die Eindämmung der Migration nicht unter die Räder kommen. Auf den Verbündeten USA können sie hier nicht mehr zählen.