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Gentleman: Sein Haus unbewohnbar, sein Studio nach NRW-Hochwasser geflutet

Der Reggae-Musiker nach dem Hochwasser in NRW : Das Haus von Gentleman ist unbewohnbar, sein Studio geflutet

Reggae-Star Gentleman wirkt entspannt. Im Backstage-Bereich am Bostalsee nimmt er sich Zeit für ein Gespräch mit der SZ. Dabei hat er eigentlich privat gerade ganz andere Sorgen: Der Musiker und sein Zuhause waren besonders heftig betroffen von dem Hochwasser in NRW.

Ein weiterer Open-Air-Abend am Bostalsee beginnt. Die ersten Besucher beziehen voller Vorfreude ihre Strandkörbe. Noch schallt Musik vom Band aus der riesigen Lautsprecheranlage an der Bühne, später wird es Live-Musik geben – von Reggae-Star Gentleman.

Noch etwa 90 Minuten sind es bis zum Start der Show. Im Backstage-Bereich nutzen Musiker und Crew die Zeit, um sich zu stärken oder etwas zu entspannen. Tilmann Otto – wie Gentleman mit bürgerlichem Namen heißt – hat es sich im Schatten eines Wohnmobils in einem Klapp-Strandstuhl bequem gemacht. Vor ihm liegt sein Golden Retriever Fitz – wie Fitzgerald. Als Welpe kam er in die Familie. Wie Tilmann verrät, hat seine Frau Tamika den Namen ausgesucht. Noch ein zweiter Vierbeiner wuselt umher. Es ist Hundedame Hannelore, Hanni genannt. Sie gehört Tilmanns Freund Olli. „Wir kennen uns seit der Schulzeit, wenn ich weg bin, ist Fitz bei Hanni und Olli“, erklärt der Sänger. Jetzt gerade genießt das Quartett gemeinsam den Spätsommertag am Bostalsee.

„Es ist eine Urlaubs-Region“, beschreibt der Reggae-Künstler seinen ersten Eindruck. „Wir fühlen uns wohl hier. Das merkt man auch immer daran, wenn ein Tag schnell vorbeigeht“, sagt Tilmann. Dabei denkt er an seine Schulzeit zurück, als ihm 45 Minuten Mathe oft wie fünf Stunden vorkamen. Nein, Mathe war nicht sein Fach. Neben Hotel und Festivalgelände hat sich Tilmann auch etwas Zeit in einer Bucht am See gegönnt. Er sei ganz gerne im Saarland, merkt er an.

 Die Besucher recken die Hände in die Höhe. Sie gehen begeistert mit bei den Songs von Gentleman.
Die Besucher recken die Hände in die Höhe. Sie gehen begeistert mit bei den Songs von Gentleman. Foto: B&K/Bonenberger / B&K

Vor ziemlich genau einem Jahr hat er zwei Open-Air-Konzerte in Illingen gegeben. Mit 720 und 900 Besuchern zählten diese 2020 zu den größten Veranstaltungen in der Region. Im SZ-Gespräch damals – in einer Zeit mit niedrigen Corona-Fallzahlen – blickte er mit Zuversicht in die Zukunft, was Auftritte betraf, glaubte an eine Rückkehr zu Konzerten wie wir sie kannten und dass es bald „eine Explosion der Lebensfreude“ geben würde. Wie sieht es ein Jahr später aus? Hat es diese Explosion gegeben? Tilmann lacht und gesteht, dass diese lange hat auf sich warten lassen. „ Es gab zwar das Gefühl, es geht weiter – aber nur mit angezogener Handbremse“, beschreibt er die Stimmung. Doch jetzt, bei zwei Konzerten in der Schweiz, ist es passiert. „Es waren 8000 Leute vor der Bühne – bei einer 3G-Regelung (geimpft, genesen, getestet, Anmerk. der Redaktion), da konnte ich mal wieder stagediven, war in der Crowd drin. Das war eine Explosion der Lebensfreude. “ Die Nähe zu den Fans habe ihm schon sehr gefehlt.

Ein Bad in der Menge ist bei den Strandkorb-Konzerten nicht möglich. Gentleman spricht von einer „Bergsteigerbühne“ und schmunzelt dabei. Dennoch schätzt er die Reihe. „Im Vergleich zu den Autokino-Konzerten war die Strandkorb-Geschichte wie eine Erlösung“, gesteht er. Er sei ein Fan von Strandkörben. „Da saß ich als Kind auf der Nordseeinsel Juist schon immer gerne drin. Deshalb finde ich das Konzept schon cool. Aber er ist einfach schwierig, eine Intimität mit dem Publikum aufzubauen.“

Insgesamt bewertet der Sänger seinen Musiksommer als durchwachsen. Wobei er froh ist, 31 Konzerte mit der Band The Evolution an seiner Seite spielen zu können. Das sei ein bisschen wie eine Tour früher. „Aber da sind immer diese Gedanken im Kopf: Klappt Summer Jam mit 40 000 Zuschauern doch noch? Und was ist mit der Tour im November? Alles bleibt ungewiss, man kann nicht richtig planen.“ Trotz dieser Unsicherheit gelingt es dem 47-Jährigen, daraus auch Positives zu ziehen. „Ich bin mehr im Moment. Heute ist ein Konzert, das genieße ich in vollen Zügen, denn ich weiß nicht, ob es morgen noch eines gibt.“ Diese Einstellung finde er prinzipiell nicht verkehrt. „Aber ich gebe zu, nach der Erfahrung in der Schweiz denke ich schon: Das wollen wir wieder öfter so haben.“

Etwa 30 Jahre ist es her, als der damals 18-jährige Junge aus Köln die Liebe zur Reggaemusik entdeckt hat und prompt nach Jamaika reiste, um mehr über den Musikstil zu erfahren. Ihm ist er über all die Jahre treu geblieben, singt in Patois, einer auf Jamaika verbreiteten Kreolsprache mit englischen Wurzeln. Doch der Sänger ist überzeugt: „Man muss auch mal aus seiner Komfortzone ausbrechen, um einen neuen Blick auf die Dinge zu bekommen. So entsteht ein neuer Spirit.“ Daher entschließt er sich, ein Album auf Deutsch einzusingen. „Blaue Stunde“ ist im vergangenen November erschienen. „Es war ein schöner Ausflug“, sagt er. Aber jetzt freue er sich tierisch darauf, wieder englische Songs zu machen. Das Schreiben falle ihm im Englischen leichter, es sei eben einfach sein Metier. „Deutsch ist meine Muttersprache, deshalb habe ich mir auch extremen Druck gemacht. Weil ich glaubte, jetzt werde jedes Wort auf die Goldwaage gelegt. Sowas kannte ich davor nicht. Da war ich unbeschwerter.“ Tilmann sammelt gerne Ideen, wo immer er gerade ist. Das gehört für ihn zum Prozess des Musikmachens. „Es entsteht ständig etwas, besonders wenn man mit diesen unfassbaren Musikern unterwegs ist.“

Dass die zuletzt gesammelten musikalischen Ideen noch da sind, verdankt der Sänger einer glücklichen Fügung. Denn als im Juli die Hochwasser-Katastrophe unter anderem die Stadt Köln heimsuchte, wurde auch das Haus des Sängers geflutet. Er spricht von Wassermassen im Studio. „Der PC stand auf dem Boden und ich dachte: Gut, dass das Album raus ist“, blickt der 47-Jährige zurück. Er ging im ersten Moment davon aus, dass alles, was auf dem Gerät gespeichert war, verloren sei. Dennoch startete er einige Tage später den Versuch, den Computer einzuschalten und siehe da: er funktionierte. „Ich mache nämlich nie Backups“, gesteht Tilmann. Das wird sich nun ändern.

Vierbeiner Fitz stupst sein Herrchen, fordert eine Streicheleinheit, die er auch prompt bekommt. Tilmann Ottos Haus ist aktuell unbewohnbar. Ein Schockmoment für die Familie. „Es stirbt ein bisschen was in Dir. Es war nun mal das Zuhause, das man aufgebaut hat und das nun nicht mehr nutzbar ist“, sagt der Sänger. Gleichzeitig habe er an die Menschen in der Eifel gedacht, wo Häuser regelrecht weggeschwemmt wurden und Menschen ums Leben gekommen sind. Daher sei er einfach nur dankbar, dass seiner Familie nichts passiert ist. Die Flutkatastrophe hat der Sänger als einen Einschnitt wahrgenommen. „Alles passierte irgendwie zusammen: Corona, Black lives matter, die Flut: Da kommt schon die Frage in einem auf: Was passiert hier gerade?“ Solche nachdenklichen Momente führten aber auch oft zu einem kreativen Input und der wiederum zu neuen Songs. Die Fans dürfen also gespannt sein.

Die letzte Stunde vor Konzertbeginn ist angebrochen. Ob vor oder hinter der Bühne – die Gefühlslage ist die gleiche: Vorfreude auf den Auftritt und einen besonderen Moment der Lebensfreude am Bostalsee.

Konzert: Auf seiner „Blaue Stunde“-Tour macht Gentleman auch Station im Saarland. Sein Konzert ist für Samstag, 20 November, im E-Werk in Saarbrücken geplant.