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Hochwasser in NRW: Protokoll der Flutkatastrophe nach Tagen und Stunden

Hochwasser in NRW : Das Protokoll der Katastrophe

Ein solches Naturereignis hatte der Westen noch nicht erlebt. Aus kleinen Flüssen wurden reißende Ströme, die Häuser und Menschen mitrissen. Die Warnung erfolgte frühzeitig. Schnellere Hilfe wäre wohl möglich gewesen. Das zeigt unser detailliertes Protokoll.

Es ist eine Jahrhundertkatastrophe, die in ihren schrecklichen Details kaum vorhersehbar war. 47 Menschen haben allein in NRW ihr Leben verloren, viele werden noch vermisst. 25 Städte und Kreise waren oder sind im Ausnahmezustand. Mehr als 19.000 Feuerwehrleute, Polizisten und andere Helfer haben gut 32.000 Einsätze hinter sich. Konnten sie Schlimmeres verhindern? Oder hätte es für Nordrhein-Westfalen gar glimpflicher ausgehen können?

Was sich zum jetzigen Zeitpunkt sagen lässt: Das System des deutschen Katastrophenschutzes ist kompliziert. Es wird nicht zentral gesteuert, Entscheidungswege verlaufen nicht geradlinig und hängen an einzelnen Stellen, die abwägen und individuell handeln müssen. Es gibt Warnsysteme, und sie funktionieren – die Appelle werden aber unterschiedlich umgesetzt. Welche Fehler dabei gemacht wurden, lässt sich noch nicht absehen. Anfragen bei verschiedenen Behörden auf Landes-, Bezirks- und Kreisebene wurden teils ausführlich beantwortet, teils gar nicht, teils mit dem Hinweis, die Kapazitäten derzeit noch nicht in die Aufarbeitung von Hintergründen stecken zu können.

Fakt ist, dass die europäischen Behörden bereits am 10. Juli Warnungen vor einer Unwetter- und Hochwasserlage herausgegeben haben. Der Deutsche Wetterdienst (DWD) folgte am Montag, den 12. Juli, mit einer ersten deutlichen Unwetterwarnung – versendet an 6000 Stellen.

Fakt ist auch: Erst einen Tag später, am 13. Juli, erklärte das NRW-Innenministerium eine „Landeslage“ und richtete eine Gruppe ein, die überörtliche Hilfen koordinieren sollte. Nach Angaben einiger Kreise war aber von außen keine Hilfe zu erwarten, weil alle Einsatzkräfte da jeweils schon eingebunden waren. Aus anderen Bundesländern wurde nur aus Niedersachsen Hilfe angefordert, immerhin kam auch die Bundeswehr zum Einsatz.

Unser Protokoll der Katastrophe zeigt die Ereignisse in NRW chronologisch nach Tagen geordnet. Es beruht auf Angaben der Städte und Kreise, des NRW-Innenministeriums, des DWD, des Landesamts für Natur, Umwelt und Verbraucherschutz (Lanuv) in Duisburg sowie eigener Recherche.

Samstag, 10. Juli:
Das europäische Hochwasser-Warnsystem Efas schlägt Alarm und übermittelt Warnungen an die deutsche und die belgische Regierung. Über den Deutschen Wetterdienst erreicht die Mitteilung auch die Wasserbehörden in NRW und Rheinland-Pfalz. Konkret lautet die Warnung: „Efas zeigt im Zeitraum größer 48 Stunden erhöhte Signale für Hochwasser an mehreren großen Flüssen im Südwesten und Westen Deutschlands (speziell Rhein, Neckar, obere Donau).“ Die Daten werden laut dem Europäischen Zentrum für mittelfristige Wetterprognosen viermal am Tag aktualisiert.

Montag, 12. Juli:
Eine erste Vorabmeldung des Deutschen Wetterdienstes (DWD) erfolgt um 10.20 Uhr. Sie geht an alle Behörden, die mit möglichen Katastrophen zu tun haben, auch an das NRW-Innenministerium. Der DWD warnt vor extremem Regen, die örtliche Eingrenzung sei noch unsicher. Wörtlich: „Das ist ein erster Hinweis auf eine Wetterlage mit hohem Unwetterpotential.”

Die erste offizielle Unwetterwarnung des DWD erfolgt um 17.55 Uhr. Sie bezieht sich auf ein großes Gebiet südlich von Düsseldorf und Dortmund bis nach Saarbrücken und östlich bis nach Koblenz. Es umfasst die Eifel, das Bergische Land, das südliche Ruhrgebiet sowie den Mittelrhein zwischen Köln und Koblenz. Dort erwartet der DWD den Durchzug von Starkregengebieten. Bis einschließlich Donnerstagfrüh um 6 Uhr seien Regenmengen zwischen 100 und 150 Liter pro Quadratmeter möglich. Und eine konkrete Warnung fügt der DWD hinzu: „Infolge des Dauerregens sind unter anderem Hochwasser an Bächen und kleineren Flüssen sowie Überflutungen von Straßen möglich.“ Auch Erdrutsche könnten auftreten. Die Meldung erhalten alle 6000 Partner, auch Kreise und Kommunen.

Konkret erreicht die amtliche Warnung am Montagvormittag etwa die Leitstelle der Feuerwehr Hagen. Dort wird eine erhöhte Ansprechbarkeit des Führungsstabes angeordnet. Auch Wuppertal erhält erste Warnungen vom Land, vom DWD und vom Wupperverband. Es finden sich zunächst die üblichen Lage-Krisenstäbe bei Feuerwehr und (in diesem Fall) Wupperverband zusammen. Auch etwa die Leitstelle des Rheinisch-Bergischen Kreises in Bergisch-Gladbach erreichen die DWD-Informationen. Laut Kreisbrandmeister Wolfgang Weiden ist die Wortwahl der Meldung so eindeutig („ungewöhnlich formuliert“), dass er die Leiter aller Feuerwehren des Kreises noch einmal auf das zu erwartende Unwetter hinweist, obwohl auch sie alle die Meldungen des DWD erhalten haben. Der Kreis Heinsberg handelt ähnlich und informiert ebenfalls sofort alle Feuerwehren des Kreises.

Das Landesamt für Natur, Umwelt und Verbraucherschutz (Lanuv), das zum NRW-Umweltministerium gehört und für Hochwasserlagen zustädnig ist, aktiviert um 10.55 Uhr den Hochwasserinformationsdienst und informiert das Umweltministerium als oberste Wasserbehörde erstmals über die aktuelle Sachlage. 

Dienstag, 13. Juli: 
Der DWD gibt nach Bestätigung durch die Modelle eine extreme Unwetterwarnung heraus – es sind Warnmeldungen für exakt die Regionen, die auch stark getroffen wurden. Die Warnungen erreichen in vielen Einzelmeldungen auch die Katastrophenleitstellen der betroffenen Gemeinden. Die müssen grundsätzlich entscheiden, wie weiter verfahren wird, ob evakuiert wird und in welchem Umfang.

Das Innenministerium NRW ruft nun eine Landeslage aus. Das Ziel: frühzeitig erkennen, ob irgendwo überörtliche Hilfe benötigt wird. Dazu wird eine Koordinierungsgruppe von 20 bis 30 Personen eingerichtet – Experten aus dem Innen- und Umweltministerium, aus Bundeswehr, Bundespolizei, Feuerwehr und Landespolizei. Das Landeslagezentrum erhält alle offiziellen Berichte, die für das Unwetterereignis wesentlich sind.

Der Copernicus Rapid Mapping Service der Efas, der Wetterbeobachtungs-Satellit der EU, gibt um 18 Uhr an das Gemeinsame Melde und Lagezentrum von Bund und Ländern ziemlich exakte Lagekarten vom möglichen Ausmaß der erwarteten Überschwemmungen. Genannt werden explizit die Städte Hagen, Altena, Erkrath und Düsseldorf sowie die Flüsse Nördliche Düssel, Rur, Erft, Agger und Sieg. Es sind insgesamt 65 Karten.

Das Lanuv hat  den ersten Hochwasserbericht bereits um 14.55 Uhr veröffentlicht. In den folgenden Tagen erfolgt jeweils in der Zeit zwischen 8.30 und 10.00 Uhr ein aktueller Lagebericht. Die Bezirksregierungen, als für das Hochwassermanagement zuständige Behörden, erhalten zudem automatisch über die Pegelmessungen direkte Hinweise, sobald Informationswerte überschritten werden.

Mittwoch, 14. Juli:
Mancherorts überschlagen sich die Ereignisse über Nacht. In Hagen, wird um 0.21 Uhr die Feuerwehreinsatzleitung auf den Plan gerufen und der Stadtalarm für alle Kräfte der Freiwilligen Feuerwehr ausgelöst. Wenige Minuten später, um 0.30 Uhr, wird die Bevölkerung alarmiert: Die Sirenen werden ausgelöst, die nach Angaben der Stadt flächendeckend vorhanden sind. Dass Hagen das Sirenennetz zuletzt viermal im Jahr (in jedem Quartal) getestet hat – verbunden mit der Bitte an die Bevölkerung zurückzumelden, ob der Alarm zu hören war – kommt ihr jetzt wohl zugute. Zeitgleich geht eine erste Warnung über die App Nina raus. Der Krisenstab wird gegen 3 Uhr früh einberufen. 

Am Mittwochvormittag melden viele NRW-Regionen neue Höchststände bei fließenden Gewässern, vor allem im Raum Aachen sind mehrere Flüsse und Bäche über die Ufer getreten. Es zeigt sich in diesen Stunden: Die Städte und Kreise gehen sehr unterschiedlich mit den Warnungen um. In Düsseldorf etwa will man vorsorglich evakuieren. Die Pegel von Düssel, Anger und Kittelbach steigen, Kräfte der Feuerwehr und des Stadtentwässerungsbetriebs beobachten die Lage seit dem Morgen. Schon am Vortag hatte die Feuerwehr Düsseldorf auf Twitter, Facebook und Instagram eine „Unwetterwarnung mit gewittrigem Starkregen” verbreitet. Konkreter wird es jetzt: Um 13.35 Uhr geht eine Warnung über die App Nina raus: „Bitte verlassen Sie den Bereich Ostparksiedlung in Grafenberg.“ Um 15.30 Uhr wird in dieser stark überfluteten Siedlung im Stadtteil Gerresheim der Strom abgestellt. Auf einer Pressekonferenz am Nachmittag spricht Oberbürgermeister Stephan Keller vom „Jahrtausendhochwasser“. Der Krisenstab entscheidet, das Gebiet am frühen Abend zu evakuieren („freiwillige Maßnahme“), 1000 Anwohner sind betroffen. Warnfahrzeuge mit Lautsprecherdurchsagen ziehen durch die Straßen, einen Sirenenalarm gibt es nicht – der ist für zu großflächige Gebiete ausgelegt als nötig, urteilt der Krisenstab. Nicht alle Bewohner folgen den Aufforderungen. Einige bleiben in ihren Wohnungen.

In Erkrath hatten erste Feuerwehreinsätze schon in der Nacht begonnen. Über die Warn-App Nina kommt erst um 7.28 Uhr die Meldung „Steigendes Wasser an der Düssel“. Am Tag zuvor hatte die Kreisleitstelle bereits eine Übung entsprechend der Unwetterwarnung vom Montag durchgeführt. Am Hochwassertag erfolgt der Einsatz nach Plan. Es sind keine Toten, Verletzten oder Vermissten zu beklagen. Lediglich einige Haushalte müssen zeitweise vom Stromnetz genommen werden. 

Die Stadt Hagen hatte das Unwetter dagegen schon in der Nacht schwer getroffen, besonders den Stadtteil Hohenlimburg: Alle Feuerwehrkräfte sind seit den frühen Morgenstunden im Einsatz, Straßen sind teils nur noch ein reißender Fluss, Keller sind vollgelaufen, Autos versunken. Die Feuerwehr verzeichnet Hunderte Anrufe, manche Ortsteile sind abgeschnitten und selbst für Einsatzfahrzeuge nicht mehr zugänglich. Hagen warnt seit den Morgenstunden weiter, auch via Social Media, Eltern sollen zum Beispiel ihre Kinder nicht in die Kita bringen.

Gegen 19 Uhr ruft Hagen den Notstand aus. Menschen sollen die oberen Stockwerke ihrer Häuser aufsuchen oder gleich höher gelegene Stadtteile – und im Notfall 112 wählen. Die Netze sind überlastet. „Bleiben Sie in der Leitung, jeder Anruf wird angenommen“, so die dramatische Ansage. Ein Altenheim mit 80 Bewohnern wird evakuiert, hinzu kommen weitere Menschen, insgesamt aber weniger als 100 Personen. Noch am Abend kündigt Ministerpräsident Armin Laschet seinen Besuch in Hagen für den nächsten Vormittag an.

Im ebenfalls betroffenen nahegelegenen Altena im Sauerland gibt es derweil ein erstes Todesopfer infolge der Flut: Ein Feuerwehrmann stirbt im Einsatz, wie am Abend bekannt wird. 

Auch in Bergisch-Gladbach registriert die Leitstelle des Kreises ein Anschwellen der Pegelstände als Folge des Dauerregens. Die Hochwasserzentrale bezieht sich dabei auf die Flüsse Sülz und Agger, für die Wupper gibt es zur Stunde keine Pegelstände. Auch die Warn-App der Hochwasserzentralen zeigen einen Anstieg der Flüsse an, in der Nacht zum Donnerstag wird allerdings kein Anstieg der Pegel mehr angezeigt, dennoch schwellen die beiden kleinen Flüsse und auch die Wupper massiv an („Völlig unerwartet“, so Kreisbrandmeister Weiden).

Den Kreis Euskirchen, der später die meisten Toten in NRW verzeichnen wird, trifft es ebenfalls am Mittwochabend. Die Wassermassen schießen unerwartet und mit voller Wucht durch die engen Ortschaften, die Altstadt von Bad Münstereifel wird komplett verwüstet. Teilweise gibt es keine Zufahrtswege mehr zu den Orten, die Handynetze sind weitgehend ausgefallen, auch der Feuerwehr-Notruf 112 und die Kreisverwaltung sind nicht zu erreichen. Insgesamt bringen Rettungskräfte 4500 Menschen aus mehreren Dörfern nahe der Steinbachtalsperre, wo der Damm zu brechen droht. Mindestens 27 Menschen aus dem Kreis können nicht gerettet werden, sie verlieren ihr Leben durch die Fluten.

Donnerstag, 15. Juli:
Kurz nach 0 Uhr in der Nacht: Jetzt spitzt sich die Lage in Wuppertal zu. Die Wuppertalsperre ist übergelaufen, die Wege des Wassers sind schwer vorhersehbar. Der Krisenstab der Stadt entscheidet sich, die Bevölkerung zu alarmieren: Um 0.39 Uhr erklingen die 37 Sirenen im Stadtgebiet. Schon vor der Flut hatte die Stadt 20 weitere Sirenen in Planung. Ein Umspannwerk wird vorsorglich abgeschaltet, einige Ortsteile müssen in der Nacht ebenfalls ohne Strom auskommen. Das THW und andere Hilfsorganisationen sind jetzt im Einsatz. 

Auch der südlich von Wuppertal gelegene Rheinisch-Bergische Kreis warnt vor einer „massiven Überflutungsgefahr durch die Wupper“. In Rösrath wird ein Mann in seinem Keller tot geborgen. Er wollte dort den Strom abschalten, kam aber gegen die Wassermassen nicht mehr an. In Leichlingen und Bergisch Gladbach werden einzelne Straßenzüge evakuiert, in Rösrath ein Seniorenheim. Den Katastrophenalarm löst der Kreis nicht aus, weil überörtliche Hilfe laut Kreisbrandmeister Weiden realistischerweise ohnehin nicht zu erwarten sei. Stattdessen gibt es eine Großschadenslage. Einige Häuser werden durch die Flut unbewohnbar, aber weitere Menschenleben geraten nicht in Gefahr. Neben dem überlasteten Notruf 112 wird – wie in anderen Kreisen und Städten auch – ein Bürgertelefon eingerichtet.

Unterdessen läuft die Staumauer an der Bevertalsperre im Oberbergischen Kreis über. Die Ortslage Hartkopfbever und Straßenzüge in Hückeswagen werden evakuiert, Anwohner sollen sich „umgehend in höhere Lagen“ begeben.