1. Nachrichten
  2. Politik

Macher, Machtmensch, Feminist - das Erfolgs-Geheimnis von Olaf Scholz

Kanzlerwahl im Bundestag : Macher, Machtmensch, Feminist - das ist Olaf Scholz

Vor zwei Jahren galt Olaf Scholz politisch als erledigt. Die eigene Partei wollte ihn nicht an der Spitze. Jetzt hat er die SPD im Alleingang wiederbelebt und wird Kanzler. Über das Geheimnis seines Erfolgs.

Wie hat Olaf Scholz das nur geschafft? Ende Juli liegt die SPD in Umfragen bei 16 Prozent. Bei der Bundestagswahl zwei Monate später sind es fast zehn Punkte mehr. Scholz und die Sozialdemokraten gewinnen die Wahl. Jetzt wird er Kanzler. Ist sein Erfolg allein dem „Totalversagen“ von Armin Laschet und Annalena Baerbock geschuldet, wie der von Scholz als Minister ausgebootete Ex-SPD-Chef Sigmar Gabriel glaubt? Oder wollten die Deutschen einfach einen männlichen Merkel haben?

 Am 30. November vor zwei Jahren scheint die Ära Scholz vorbei zu sein. Versteinert der Blick, als er im Willy-Brandt-Haus seine bitterste Niederlage akzeptieren muss. 53 Prozent für Saskia Esken und Norbert Walter-Borjans, nur 45 Prozent für Scholz und Klara Geywitz in der Stichwahl um die SPD-Doppelspitze.

Das Ergebnis ist auch Ausdruck eines verkorksten Verhältnisses zwischen Scholz und seiner Partei. Die Jusos um Kevin Kühnert schießen sich auf ihn ein. Scholz steht in ihren Augen für ein Weiter so, für die große Koalition und für die verhassten Hartz-Reformen. Scholz, so war es bei nahezu jeder Regionalkonferenz im Rennen um den Parteivorsitz zu hören, könne nicht für Aufbruch und Neuanfang stehen. Er war nie wirklich beliebt in der SPD. Bei Parteitagen sammelte er traditionell schlechte Ergebnisse ein, wenn er in Parteiämter gewählt wurde. Doch er war immer da, spielte immer eine Rolle, war eine verlässliche Stütze der Sozialdemokratie. Und so bleibt er auch nach seiner bitteren Niederlage einfach stehen. Die lange belächelte Mission „Olaf 21“ wird fortgesetzt. Scholz' engster Vertrauter Wolfgang Schmidt, der künftige Kanzleramtsminister, zweifelt nie.    

Sein Wiederaufstieg vollzieht sich in Etappen. Zugute kommt Scholz die Unbeholfenheit seiner Bezwinger. Sie stolpern ins Amt. Die Revolution, ein Ausstieg aus der großen Koalition, wird abgeblasen. Scholz wittert Morgenluft. Anders als früher schmollt er nicht, bändigt seine Überheblichkeit. Geschickt bindet der Finanzminister Esken und Borjans in jede Regierungsentscheidung ein. Auch die Kanzlerin hilft ihm dabei. Angela Merkel freundet sich mit Esken an, damit die GroKo nicht platzt. Die SPD-Doppelspitze zeigt Größe. Esken und Borjans schlagen ihren Widersacher am 10. August 2020 als Kanzlerkandidat vor.

Dann bricht Corona aus. Die Pandemie katapultiert Scholz fast über Nacht in die Rolle, die ihm am meisten behagt. Große Entscheidungen, große Gestaltungsmacht, großes Geld. Alles und jeder wird gerettet, vom Kneipenwirt bis zur Yogalehrerin. Noch wird Scholz für seine Prophezeiung belächelt, bei der Wahl werde er mit der SPD vor Laschet und Baerbock landen. Anders als der Unionskanzlerkandidat macht Scholz keine Fehler. Jedenfalls keine, die so sichtbar werden wie Laschets Flutlacher oder die ständigen Söder-Attacken auf den eigenen Spitzenmann. Dabei bietet Scholz Angriffsfläche.

Bei Wirecard, dem größten Anlegerbetrug der Nachkriegsgeschichte, versagt die Finanzaufsicht, die Scholz untersteht. Aus seiner Zeit als Hamburger Bürgermeister holt ihn die Steueraffäre um dubiose Cum-ex-Finanzgeschäfte ein. Scholz offenbart erstaunliche Erinnerungslücken. Gespräche mit einem Spitzenbanker über fast 50 Millionen Steuergeld? Müssen sich beim Joggen an der Havel in Luft aufgelöst haben.

Sein Vorteil: Die Vorgänge sind so komplex, dass selbst Fachleute sie kaum verständlich erklären können. Das gilt ebenso für die Ermittlungen um versandete Geldwäsche-Hinweise bei einer Kölner Spezialeinheit des Zolls. Als ein Osnabrücker Staatsanwalt (mit CDU-Parteibuch) sein Ministerium nach Akten durchsuchen lässt (die auch auf dem Dienstweg hätten angefordert werden können), nutzt das Laschet in einem Triell für einen Frontalangriff auf Scholz. Der bekommt vor Millionenpublikum rote Ohren, so sehr erregen ihn die Anwürfe des CDU-Mannes. Die SPD wittert ein Justizkomplott. Heraus kommt mal wieder ein Nullsummenspiel, das keinen Einfluss auf den Wahlausgang hat.

Scholz ist stolz. Auf seine Zeit als Bundesarbeitsminister, als er 2008 auf die Finanzkrise mit dem Kurzarbeitergeld antwortete. Auf seine Zeit als Hamburgs Erster Bürgermeister, wo er ab 2011 sieben Jahre lang regierte. Noch heute erzählt er gern, wie er den Wohnungsbau in der Hansestadt vorangetrieben hat. Dabei fällt auch seine bitterste und schmerzlichste Niederlage in diese Zeit. 2017 ist das, als sich die Staats- und Regierungschefs der 20 reichsten Länder in „seiner“ Stadt treffen. Scholz sieht die Hamburger Polizei gut vorbereitet auf den G20-Gipfel. „Wir richten ja auch jährlich den Hafengeburtstag aus“, sagt er.„Es wird Leute geben, die sich am 9. Juli wundern werden, dass der Gipfel schon vorbei ist.“ Die Sicherheit sei garantiert. Scholz irrt und muss erleben, wie Proteste von Globalisierungsgegnern völlig aus dem Ruder liefen. Es kommt zu Ausschreitungen, Plünderungen, Verletzten. Scholz steht am Rande eines Rücktritts. Doch auch davon erholt er sich in den Folgejahren.

Im Wahlkampf und in den TV-Triellen tritt er wie ein politischer Zwillingsbruder der Kanzlerin auf. Er dient sich den Deutschen als Mann des Weiter so an. Kein Zufall ist, dass er sich für das Magazin der „Süddeutschen Zeitung“ mit der nachgeahmten Merkel-Raute fotografieren lässt. Söder schäumt („Erbschleicher“), auch der Kanzlerin wird es zu bunt. Sie rüffelt ihren Stellvertreter öffentlich („Da besteht ein gewaltiger Unterschied für die Zukunft Deutschlands zwischen mir und ihm“). Scholz sitzt alle Angriffe aus. Das hanseatisch Spröde ist plötzlich sexy.

Wer den Menschen Scholz verstehen will, muss sein Ministerbüro auf sich wirken lassen. Kühl, strukturiert, mit einem Hauch Eleganz. Als er während der Finanz- und Bankenkrise 2009 Arbeitsminister war, stand sein Schreibtisch im einstigen Nazi-Propagandaministerium. Als Vizekanzler und Finanzminister residiert er im ehemaligen Reichsluftfahrtministerium. Damals wie heute hat er im Allerheiligsten Fotos des deutschen Pavillons für die Weltausstellung 1958 aufgehängt. Sie zeigen - ein von Egon Eiermann und Sep Ruf entworfenes - modernes, zugleich unprätentiöses Gebäude, mit dem die Bundesrepublik sich nach der Nazizeit das erste Mal international mit neuem Selbstbewusstsein präsentierte. Wäre Scholz ein Gebäude, es wäre hier auf diesen Schwarz-Weiß-Aufnahmen kontrastreich zu sehen.

Mit der Corona-Krise wird Scholz nahbarer. Als alle Friseure dicht haben, schneidet er sich selbst die Haare. Das geht gründlich schief. Er rasiert sich versehentlich kahle Stellen, zeigt sich aber trotzdem vor Kameras. Der sonst eher eitle und kühle Genosse wirkt menschlicher. Das kommt in der SPD an. Was viele nicht wissen: Scholz kann lustig und unterhaltsam sein, er hat einen Sinn für Selbstironie. In Interviews oder bei Parteitagsreden bringt er das selten rüber.

In den Sondierungen muss er jetzt empathisch bleiben, spüren, wo was geht und wo nicht. Als langjähriger Hamburger Bürgermeister kennt er sich mit zähen Verhandlungen auf Bund-Länder-Ebene bestens aus. „Pragmatismus und Führungskunst“ seien jetzt gefragt, „Ruhe und Klarheit“ sagt er. Basta kann er aber auch. „Wer bei mir Führung bestellt, bekommt sie“, sagte Scholz mal.

Privat dominiert Politik. Mit der Brandenburger Bildungsministerin Britta Ernst ist Scholz seit 1998 verheiratet. Sie sei die Liebe seines Lebens. Zuhause nahe der Havel in Potsdam (oder wahlweise im Stammsitz in Hamburg-Altona) bilden sie ein mächtiges Küchenkabinett. Sie radeln gern zusammen. Sie brachte ihn vor 20 Jahren zum Joggen, weil er ein paar Kilo zu viel angesetzt hatte. Nun ernährt er sich bewusster, verzichtet auf Alkohol und Zucker. Als eine „Brigitte“-Wahlkampf ihn im Wahlkampf fragt, ob seine Frau im Falle seiner Kanzlerschaft weiterarbeitet, fährt Scholz aus der Haut: "Das ist eine Frage, die mich empört. Ich weiß nicht, ob die auch Männern gestellt wird, die Ehegatten sind." Seit Juso-Zeiten sei er Feminist.