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Atomkraftwerk Fessenheim im Elsass: Direktorin schildert, wie sie es stilllegt

Elvire Charre : Direktorin schildert, wie sie das Atomkraftwerk Fessenheim im Elsass stilllegt

Nur zwei Frauen leiten in Frankreich Kernkraftwerke. Eine davon ist Elvire Charre. Im elsässischen Fessenheim ist sie in doppelter Hinsicht eine Pionierin, denn es handelt sich um das erste französische Kernkraftwerk, das vollständig abgeschaltet wurde.

Ihre ganze Karriere absolvierte die elsässische Ingenieurin Elvire Charre in Atomkraftwerken des französischen staatlichen Energiekonzerns EdF. Nun leitet sie eine Anlage, die keinen Strom mehr produziert. Warum sie es dennoch als spannende Herausforderung ansieht, erzählt sie im SZ-Interview.

Frau Charre, Sie haben bis heute ihre ganze berufliche Laufbahn bei EdF im Bereich der Atomenergie absolviert. Wie kamen Sie dazu? Kernkraft ist nicht unbedingt das Erste, was Kindern und Jugendlichen einfällt, wenn sie nach ihrem Berufswunsch gefragt werden.

Elvire Charre: Meine Eltern sind beide Lehrer. Ich habe mich als Kind schon sehr früh für Naturwissenschaft interessiert. Erst im Studium habe ich mich aber auf den Bereich Energie spezialisiert. Ich wollte gerne in der Industrie arbeiten, weil ich finde, dass das Gemeinschaftsgefühl in der Belegschaft dort besonders groß geschrieben wird. Während des Studiums hatte ich die Gelegenheit, zwei Praktika in Atomkraftwerken zu machen. Das erste war 1990 bei einem Dienstleister von EdF und damals schon hier in Fessenheim. Ich fand das damals schon faszinierend und habe direkt nach meinem Studium bei EdF angefangen.

Darüber hinaus ist die Atomenergie ein Bereich, der bisher eher von Männern dominiert ist. Wieviele Frauen leiten heute Kernkraftwerke in Frankreich und war es für Ihre berufliche Entwicklung ein Nachteil?

Charre: Ich war tatsächlich sehr lange die einzige AKW-Direktorin. Seit ein paar Wochen hat sich das geändert. Eine Kollegin hat die Leitung des Kernkraftwerks in Chooz übernommen. Ich denke, dass meine Karriere ein guter Beweis dafür ist, dass Frauen auch in der Kernkraftindustrie eine erfolgreiche Laufbahn haben können. Ich selbst hatte immer ein respektvolles Verhältnis zu meinen männlichen Kollegen, aber ich kann natürlich nur über meine eigene Erfahrung sprechen. An Frauen, die sich für diesen Bereich interessieren, aber noch zögern, kann ich nur sagen: Es ist spannend und es lohnt sich.

 Elvire Charre ist Direktorin am elsässischen AKW Fessenheim.
Elvire Charre ist Direktorin am elsässischen AKW Fessenheim. Foto: EdF/CATHERINE KOHLER

Sie kamen 2015 nach Fessenheim. Da wurde eine mögliche Abschaltung des AKW bereits diskutiert. Jetzt sind Sie als Leiterin der Anlage dafür zuständig, diese stillzulegen. Ist es nicht ein frustrierender Job, ein AKW abzubauen, anstatt Strom zu produzieren?

Charre: Bevor ich nach Fessenheim gekommen bin, war ich an anderen Kernkraftwerken tätig wie zum Beispiel in Chinon oder Bugey, wo Strom produziert wird. Hier in Fessenheim ist es tatsächlich eine ganz neue Herausforderung. EdF hat in der Vergangenheit bereits Reaktoren abgeschaltet, aber es ist das erste Mal, dass ein ganzer Standort mit zwei 900-Megawatt-Reaktoren stillgelegt wird. Es ist eine technische Aufgabe, die sehr anspruchsvoll ist – wenn auch anders als bei der Stromproduktion. Dazu kommt noch die menschliche Komponente. Für die Mannschaft ist es nicht einfacher. Einige Mitarbeiter haben ihre ganze Karriere in Fessenheim gemacht. Sie fühlen sich mit dem Standort stark verbunden und waren von der Entscheidung, das Werk stillzulegen, sehr enttäuscht. Es ist meine Rolle als Chefin, sie auch für dieses letzte Kapitel in der Geschichte des AKWs zu motivieren. Einige Mitarbeiter werden umgeschult, die Abläufe sind nun andere, die gesamte Organisation des Werks wird auf den Kopf gestellt. Das ist besonders schwierig, da wir eben die ersten sind. Ich bin aber sehr stolz auf das Team, das die neuen Abläufe mit genauso viel Professionalität beherrscht wie seine Arbeit in den vergangenen Jahrzehnten.

Wie soll man sich die Abwicklung eines Kernkraftwerks konkret vorstellen?

Charre: Der erste Schritt, wenn die Reaktoren heruntergefahren wurden, ist die Entladung der Brennstäbe. Sie werden zuerst in ein Brennstofflager gebracht. Das ist im vergangenen Jahr geschehen. Nun werden diese für den Transport aufbereitet. Anschließend werden sie mit einem Sonderzug in die Wiederaufarbeitungsanlage von La Hague [red. im Nordwesten Frankreichs] gebracht. Solche Abläufe finden auch bei Werken, die Strom produzieren, öfter statt und zwar jedes Mal, wenn Brennstäbe gewechselt werden. Nun geschieht es in Fessenheim in einer anderen Größenordnung, da dieses Mal der gesamte Brennstoff ausgefahren wird. In diesem Jahr werden wir das Brennstofflager im Block 1 geleert haben. Nächstes Jahr werden wir das gleiche im Block 2 umsetzen. Wenn wir damit fertig sind, werden wir 99,9 Prozent der Radioaktivität auf der Anlage beseitigt haben. Das sollte bis 2023 der Fall sein. Danach muss Borsäure fachmännisch entsorgt werden. Diese wird in einem laufenden AKW gebraucht, um die Leistung der Reaktoren zu regulieren. In Fessenheim brauchen wir sie nun nicht mehr. Sie wird hier in einem Verdampfer behandelt und das Konzentrat danach in Tanks in eine Verarbeitungsanlage gebracht. Währenddessen werden auch die Turbinen abmontiert, die zur Stromerzeugung benötigt waren. Der tatsächliche Rückbau der Reaktoren, auch der Gebäude, passiert erst später. EdF beantragt diesen Abbau bei der Atomaufsichtsbehörde. Diese prüft die Rahmenbedingungen und erteilt die Genehmigung. Das sollte im Frühjahr 2025 so weit sein. Rund 15 Jahre werden dafür veranschlagt.

In Deutschland waren viele über die Entscheidung der Stilllegung sehr erleichtert. Verstehen Sie die Befürchtungen aus dem Nachbarland hinsichtlich der französischen AKWs in Grenznähe?

Charre: Es steht mir nicht zu, über Befürchtungen zu urteilen. Die Entscheidung für oder gegen Kernkraftwerke gehört zur Energiepolitik und wird von Regierungen gefällt. Die Verantwortung von AKW-Direktoren ist, dass die Stromproduktion, oder wie in meinem Fall die Stillegung, unter höchsten Sicherheitsstandards geschieht. Fessenheim wurde nicht aus Sicherheitsgründen vom Netz genommen, sondern aufgrund einer politischen Entscheidung.