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Frankreich: AKW Cattenom wohl bis mindestens 2035 am Netz

Frankreichs AKW dürfen länger am Netz bleiben : Atomkraftwerk Cattenom wohl bis mindestens 2035 am Netz

Die Atomaufsicht ermöglicht eine Laufzeit der alten Meiler von bis zu 50 Jahren.

Alte Kernkraftwerke dürfen in Frankreich in Zukunft länger am Netz bleiben. Die Atomaufsicht des Landes hat die Verlängerung der möglichen Laufzeit der Meiler von 40 auf 50 Jahre freigemacht. Zur Bedingung machte die Autorité de Sûreté Nucléaire allerdings eine Reihe von Reparaturen, um die Sicherheit zu erhöhen und das Risiko von Nuklearunfällen bei den 32 ältesten Reaktoren so weit wie möglich zu minimieren.

Bei den betroffenen Reaktoren handelt es sich um die sogenannte 900-MW-Baureihe. Nach Angaben von Greenpeace haben bereits 13 von ihnen das Höchstalter von 40 Jahren überschritten, das die mehrheitlich staatliche Betreibergesellschaft Electricité de France (EDF) ursprünglich vorgesehen hatte.

In Frankreich müssen die Atommeiler alle zehn Jahre einer Sicherheitsüberprüfung unterzogen werden. Nur wenn die Technik nicht beanstandet wird, darf das AKW weiter am Netz bleiben. „Die vierte periodische Überprüfung ist von besonderer Bedeutung, da bei ihrer Auslegung von einer 40-jährigen Betriebsdauer ausgegangen wurde“, schreibt die Atomaufsicht in einer Mitteilung am Donnerstag. Weiter erklärt die Behörde, dass bei entsprechenden Sicherheitsvorkehrungen und Reparaturen ein Weiterbetrieb dieser Reaktoren auch nach 40 Jahren und einer erfolgreichen Überprüfung möglich ist.

Die französische Regierung hatte bereits im April 2020 den Weg für die Laufzeit-Verlängerung freigemacht. Das Land ist auf Kernkraft angewiesen, da es rund 70 Prozent seines Stroms aus der Atomkraft bezieht. Die Verlängerung betrifft unter anderen das Atomkraftwerk Bugey östlich von Lyon, das seit Ende der 70er Jahre in Betrieb ist. Betroffen sind auch die Reaktoren in Dampierre südlich von Paris und Tricastin nördlich von Avignon, die seit Anfang der 80er Jahre Strom produzieren. Frankreich hatte sein ältestes Atomkraftwerk in Fessenheim am Oberrhein unweit von Freiburg im Breisgau im Juni des vergangenen Jahres endgültig abgeschaltet. Das AKW war seit 1977 am Netz und damit das älteste noch laufende Kernkraftwerk Frankreichs. Kritikern gilt es schon seit Jahrzehnten als Sicherheitsrisiko. Das Datum der endgültigen Abschaltung der Reaktoren war mehrmals verschoben worden.

Angesichts der Entscheidung der Autorité de Sûreté Nucléaire ist die Hoffnung mancher Atomkraftgegner endgültig verpufft, dass Frankreich angesichts von vielfältigen Problemen bei den Kernkraftwerken den Einstieg in den Ausstieg aus der Kernenergie schneller vorantreiben würde. Im Gegenteil: Paris will sich sogar mehr Zeit lassen. Noch 2015 hatte der damalige Präsident François Hollande angekündigt, innerhalb von zehn Jahren den Atomstrom-Anteil am Energiemix von fast 75 auf 50 Prozent zu senken und zugleich in erneuerbare Energien zu investieren. Doch unter Präsident Emmanuel Macron wurde diese Frist auf 2035 verschoben. Bis zu diesem Zeitpunkt sollen 14 von insgesamt 58 Reaktoren heruntergefahren werden.

Selbst Meiler, die wegen Pannen immer wieder Schlagzeilen machen, sollen weiter betrieben werden. So gibt es offensichtlich keine Pläne, das Atomkraftwerk im lothringischen Cattenom vor 2035 vom Netz zu nehmen. Im Moment ist der dritte Reaktor für Wartungsarbeiten heruntergefahren. Grund ist die Zehnjahresrevision. Mit den Arbeiten soll der Reaktor für eine weitere Laufzeitverlängerung fit gemacht werden.

Ein Argument in Frankreich für das Festhalten an den AKW ist, dass Strom aus Kernenergie dem Land zu einer CO2-freien und billigen Energie verhelfe. Kritiker halten das für eine Milchmädchenrechnung. Der Grund: immer häufiger stehen einzelne Meiler wegen Pannen still oder sie müssen wegen ihres Alters überholt werden. Zudem sind im aktuellen Strompreis die kaum zu kalkulierenden Kosten für den Rückbau der Atomkraftwerke nicht enthalten. Auch die Probleme mit der Stromversorgung in den immer heißer werdenden Sommern bleiben unberücksichtigt. Wegen der ungewöhnlichen Hitzewellen musste nach Angaben des französischen Netzbetreibers RTE die Leistung der französischen Reaktoren immer wieder gedrosselt werden. Das warme Flusswasser durfte nicht mehr zur Kühlung der Anlagen benutzt werden. Teilweise musste Strom importiert werden.