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So erlebte die Polizei im Saarland die Terror-Nacht von Paris

Prozess der Pariser Anschläge beginnt heute : Zeitdruck und Terrorgefahr: Rückblick auf einen besonderen Polizeieinsatz an der Grenze

Am heutigen Mittwoch beginnt der Prozess gegen Attentäter und Helfer der Pariser Anschläge. Welche Auswirkungen die Terrornacht von November 2015 an die deutsch-französische Grenze hatte, erzählt ein Bundespolizist, der in dieser Nacht im Einsatz war.

Ein Freitagabend Mitte November: Die Menschen freuen sich aufs Wochenende, gehen essen, feiern – ausgelassene Stimmung trotz klirrender Kälte. Zu gleicher Zeit rüsten sich islamistische Terroristen mit Maschinengewehren und Sprengstoffgürteln aus, um aus Paris in dieser Nacht einen Albtraum zu machen. Davon ahnen die Männer und Frauen in den Kneipen, Restaurants oder im Konzertsaal Bataclan noch nichts. Auch für den saarländischen Polizeihauptkommissar Karsten Eberhardt läuft der Abend bisher ganz normal. Er hat Nachtschicht, ist nach Bexbach gefahren, wo die Bundespolizei im Saarland ihren Sitz hat. „Es war ein ganz normaler Dienst, insgesamt wenig los, nichts Besonderes dabei“, erinnert er sich. Doch die Ruhe hält nur kurz an. Bald stehen die ersten Kollegen aus der Leitstelle vor seiner Tür. Sie haben im Fernsehen verfolgt, dass es in Frankreich Anschläge gegeben hat – genau gesagt in Paris. Bevor die ersten Anweisungen aus Berlin kommen, stehen bei den saarländischen Beamten alle Signale auf Rot. „Dass Terroristen nach einem Anschlag versuchen, das Land so schnell wie möglich zu verlassen, ist wahrscheinlich. Und wer aus Paris Richtung Ausland fliehen will, fährt möglicherweise vier Stunden später über die Goldene Bremm“, sagt Eberhardt. Genau das befürchten auch die Polizeikollegen hinter der Grenze in Forbach. „Sie riefen direkt bei uns an und wollten sofort an der Goldenen Bremm kontrollieren“, erzählt er. Die gemeinsame Kontrollstelle ist schnell eingerichtet. „Im gemeinsamen Kommissariat arbeiten deutsche und französische Kollegen Tisch an Tisch, im ICE nach Paris fahren wir gemeinsam Streife. Wir kennen uns gut und wissen genau, wen man wo erreicht und wer wofür zuständig ist“, sagt er. In einer Ausnahmesituation wie dieser und unter hohem Zeitdruck – zweifellos von Vorteil. Durch die Unterstützung aus Deutschland können gleich Dutzende von Beamten an den verschiedenen Grenzübergängen zwischen Lothringen und dem Saarland postiert werden. Die französischen Kollegen wiederum bekommen schneller Informationen, die noch nicht über alle Hierarchiekanäle bis nach Saarbrücken durchgedrungen sind. „Wir hatten sehr schnell ein mögliches Personenprofil und wussten, nach welchen Fahrzeugen wir fahnden mussten“, so Eberhardt.

Grenzkontrollen, auch wenn diese seit dem Schengener-Abkommen nicht mehr systematisch durchgeführt werden, gehören zum Alltag der Bundespolizisten. Dennoch ist dieser Einsatz besonders. „Wir wussten, dass wir es hier sozusagen mit ‚Profis’ zu tun haben, die gut organisiert und schwer bewaffnet sind. Und die nicht davor zurückschrecken werden, Polizisten anzugreifen“, sagt Polizeidirektor Ralf Leyens, der heute die Bundespolizei in Bexbach leitet und 2015 in Kaiserlautern ebenso an dem Einsatz beteiligt war.  Auch Karsten Eberhardt und seinen Kollegen an der Goldenen Bremm ist das bewusst. Die Abläufe haben sie schon sehr oft geübt. Doch auf einmal ist es kein Training mehr.  „Bei der Herangehensweise an die Fahrzeuge und beim Absichern der Kollegen: Alle waren noch vorsichtiger als sonst.“

Auch logistisch stellt diese Schicht eine Herausforderung dar. „An jeder Kontrollstelle mussten wir mehrere Kollegen abstellen. Bei Minusgraden und für einen Einsatz, von dem uns schnell bewusst war, dass er über mehrere Stunden bis Tage andauern würde“, sagt Leyens. Warme Getränke, Toiletten, Licht, und warme Einsatzkleidung müssen so schnell wie möglich organisiert werden. Ebenso Verstärkung aus anderen Bundesländern angefordert werden, um die saarländischen Polizisten in den kommenden Tagen abzulösen. Und die Kollegen aus ganz Deutschland werden gebraucht, denn der Einsatz an der Grenze dauert fast eine komplette Woche, bis die Attentäter und ihre Helfer in Frankreich und Belgien festgenommen werden. Zwar fährt in dieser Nacht kein Terrorist über die deutsch-französische Grenze. Auch an den Tagen danach nicht. Doch die Anschläge von Paris haben gezeigt, der Terror war auf einmal ganz nah. „Seitdem werden solche Szenarien noch öfter geübt. Und wir haben feste Partner für die Logistik, die in einer solchen Situation umgehend einsatzbereit sind“, berichtet Leyens. Und es sollte nicht der letzte Einsatz dieser Art bleiben. Drei Jahre nach der Horrornacht von Paris standen deutsche und französische Polizisten in einer kalten Winternacht wieder Seite an Seite an der Goldenen Bremm. Eine Stunde zuvor hatte ein Attentäter einen Anschlag auf dem Straßburger Weihnachtsmarkt verübt.