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Spezialeinheit übt Notfall am Atomkraftwerk Cattenom in Frankreich

Für den Ernstfall am Kernkraftwerk trainiert : Großübung in Cattenom: 24 Stunden Zeit, um Wasser- und Strom wiederherzustellen (mit Bildergalerie)

Was passiert, wenn am grenznahen Atomkraftwerk die Erde bebt? Die schnelle nukleare Einsatztruppe trainiert am grenznahen Atomkraftwerk.

Ein größeres Erbeben hat Lothringen erschüttert. Im Atomkraftwerk (AKW) Cattenom, zwölf Kilometer vom Saarland entfernt, wurden zwei Reaktoren beschädigt. Auch die Zufahrtsstraßen zur Anlage sind nicht mehr passierbar. Was sich wie der größte Albtraum vieler Menschen im Dreiländereck anhört, ist das Szenario einer Großübung, die diese Woche am lothringischen Kernkraftwerk stattfindet. 90 Männer und Frauen aus ganz Frankreich sind dafür nach Cattenom gekommen. Sie gehören zu der sogenannten schnellen nuklearen Eingreiftruppe (Farn). Gegründet wurde diese Spezialeinheit vom französischen Kernkraftbetreiber EdF als Reaktion auf den Gau von Fukushima. Sie soll in der Lage sein, innerhalb von maximal 24 Stunden die Versorgung mit Wasser, Luft und Strom bei einem havarierten AKW wiederherzustellen – egal, unter welchen Bedingungen. Dafür verfügt sie über spezielle Ausrüstung wie Boote oder einen Puma-Helikopter, um Material wie zum Beispiel Stromaggregate über mehrere Kilometer hinweg zu transportieren. „Fünf bis sechs Mal im Jahr führen wir solche mehrtägige Übungen durch. Dafür wird jedes Mal ein anderes Szenario entwickelt – von Hochwasser über einen Tornado bis zum Erdbeben“, berichtet Thierry Hugony, der die Übung leitet.

Vor dem Reaktorgebäude im Block 3 liegen rote und gelbe Wasserschläuche. „Die Röhren wurden durch das Erdbeben beschädigt, es gibt ein Leck, das die Wasserversorgung gefährdet“, schildert Hugony das Problem, das die Farn schnellstmöglich beheben muss. „Denn Wasser ist absolut notwendig, um die Brennstäbe ununterbrochen zu kühlen“, erklärt Yannick Simonet, stellvertretender Direktor am Standort Cattenom. Auch von seinem Team beteiligen sich heute rund 70 Mitarbeiter an der Übung. „Es ist wichtig, dass sie die Zusammenarbeit mit der Farn üben, damit im Ernstfall alle Abläufe stimmen und man keine Zeit verliert“, sagt Simonet. So haben seine Leute bereits Schläuche angeschlossen, die den Reaktor mit tausenden Litern Wasser aus einem eigenen Notfalltank versorgen. Bevor das ausgeschöpft ist, hat die Farn mittlerweile über zwei Kilometer ihre eigenen Wasserschläuche gelegt, die bis zum Mirgenbach-See reichen. Von dort kann weiter Wasser in die Anlage gepumpt werden. Auch am See spielt sich ein großer Teil der Übung. Sind alle Zufahrtsstraßen zur Anlage für LKWs wegen der Erdbebenschäden nicht mehr passierbar, muss die Farn einen anderen Weg finden, schweres Material wie Notstromaggregate bis zum AKW zu transportieren. „In manchen Fällen brauchen wir dafür einen Helikopter, hier in Cattenom nutzen wir Boote und bauen Schwimmbrücken auf“, sagt Hugony.

Währenddessen sind die weiteren Farn-Mitglieder dabei, die Stromleitung wiederherzustellen, die im Block 3 ebenso ausgefallen ist. Und auch im Reaktor 4 wurden nun Probleme bei den Ventilen gemeldet. Während die Farn-Einheit mit einem solchen Szenario vertraut ist, setzt es die Stammbelegschaft aus Cattenom besonders unter Druck. „Die Mitarbeiter wissen, was zu tun ist, denn wir führen regelmäßig Übungen durch. Allerdings stellen sie selten einen zeitgleichen Ausfall zweier Reaktoren dar“, erklärt Yannick Simonet.

Nicht nur mit zusätzlichen Übungen reagierte EdF auf den Unfall von Fukushima, sondern es wurden auch die baulichen Anforderungen an den Kernkraftwerken erhöht. In Cattenom wurden zwischen 2019 und 2020 vier Notstromdiesel gebaut – einer pro Block, die einspringen sollen, falls die übrigen fünf anderen Stromversorgungsquellen ausfallen. Außerdem wurden an den Reaktorgebäuden spezielle Gitterroste angebracht, die einem Sturm von bis zu 200 Stundenkilometer standhalten können.