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Missbrauchsskandal: So läuft die Aufarbeitung in Bistümern Trier, Speyer und Mainz

Aufarbeitung in Hunderten von Fällen : Wie die katholische Kirche in der Region den Missbrauchsskandal angeht

Jahrelang wurde Missbrauch verschwiegen und vertuscht. Wie gehen die Bistümer der Region damit um?

Bernd Held hat als Kind in der Obhut der Kirche sexuellen Missbrauch erlebt. Von 1976 bis 1980 sei er Internatsschüler in Homburg gewesen, erzählt der heute 55-Jährige. „Im Alter von etwa 13 bis 14 Jahren wurde ich dort von zwei Patres mehrfach sexuell missbraucht.“ Gegen Widerstände kämpfte Held lange um Anerkennung seines Leids. Spät wurden ihm etwa Therapiekosten erstattet. Die Verantwortung für den systematischen Missbrauch von Schutzbefohlenen habe der Orden aber bisher nicht übernommen, sagt er der Zeitung „der pilger“ des Bistums Speyer.

Es seien auch diese schlechten Erfahrungen, warum er mitarbeiten will im neugegründeten Betroffenenbeirat des Bistums. „Unser Ziel ist es, Hinweise auf Tatverdächtige und Tatorte zu geben, die Aufarbeitung kritisch zu begleiten sowie Vorschläge für eine Verbesserung der Präventionsmaßnahmen zu geben.“

Die Kirche hofft auf gute Zusammenarbeit – besonders auch bei der Vorbeugung. „Wir wollen mit den Betroffenen gemeinsam am Ziel einer Kirche arbeiten, die Kinder, Jugendliche und schutzbedürftige Erwachsene wirksam vor Gewalt und Missbrauch jeder Art schützt“, erklärt Generalvikar Andreas Sturm. Doch das Bistum Speyer will nicht nur schützen, sondern auch aufarbeiten, sagt es – transparent und schonungslos. Die deutschen Bischöfe hatten 2020 ein neues Verfahren beschlossen, bei dem Opfer sexuellen Missbrauchs Zahlungen von bis zu 50 000 Euro erhalten können. Beim Bistum Speyer seien bisher 46 Anträge eingegangen, sagt ein Sprecher. Darunter seien 42 Menschen, die schon im vorherigen Verfahren beteiligt waren. Daneben prüft die Staatsanwaltschaft in Frankenthal einen Anfangsverdacht und eine mögliche Verjährung im Fall eines heute 35-Jährigen, der Vorwürfe gegen eine Nonne erhebt.

Auch das Bistum Trier holt der Skandal um sexuellen Missbrauch immer wieder ein. Dass die Aufarbeitung noch Jahre dauern und „ein schmerzlicher Prozess“ werde – da ist sich Bischof Stephan Ackermann sicher. Denn in den nächsten fünf Jahren müssten sich alle Bistümer einer unabhängigen Aufarbeitung durch eigens eingerichtete Kommissionen stellen, in der es um „Verantwortlichkeiten“ gehe – darum, wie man mit Tätern und Opfern umgegangen sei. „Da geht es auch um Personen. Und das wird schmerzlich, weil die Bilder, die man von Personen hat, die auch prägend und positiv waren, eine neue Seite hinzubekommen“, hatte der Bischof Anfang des Jahres gesagt. Da werde es „dann dunkle Flecken“ geben.

Von der Unabhängigen Kommission, in der vor allem Betroffenen und externe Fachleute sitzen, vorrangig behandelt werden sollen etwa die Vertuschungsvorwürfe gegen den früheren Trierer Bischof Bernhard Stein (1904-1993), die jüngst wiederholt Schlagzeilen gemacht haben. Stein, von 1967 bis 1980 Bischof von Trier, soll Täter gedeckt haben, indem er sie in ihren Ämtern beließ oder an andere Orte versetzte.

Der Vereinigung der Missbrauchsopfer im Bistum Trier (Missbit) liegen nach eigenen Angaben Erkenntnisse vor, dass Stein an der Vertuschung in seinem Amtsbereich beteiligt war. Sie fordert daher auch eine Umbenennung des Bischof-Stein-Platzes nahe dem Trierer Dom.

Auch ein anderer Fall, der bundesweit für Aufsehen gesorgt hat, soll in der Unabhängigen Kommission behandelt werden. Dabei geht es um den Fall eines Priesters aus dem Saarland, gegen den mehrere Vorwürfe sexueller Gewalt vorliegen. Laut „Christ & Welt“ wurde der Betreffende über Jahre hinweg nicht aus dem Amt entfernt  – obwohl es einschlägige Anzeigen gegen ihn gegeben habe. Mit der Bearbeitung des Falls war 2006, als es erstmals Berichte über den Priester gab, nicht nur der heutige Münchner Kardinal Reinhard Marx in seiner Zeit als Bischof von Trier befasst. Bischof Ackermann war damals als Weihbischof Mitglied der Personalkommission. Und der heutige Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Georg Bätzing, war 2006 als Regens Mitglied der Personalkommission im Bistum Trier und später als Generalvikar mit dem Fall betraut. „In der Tat sind im Verlauf der Bearbeitung dieses Falles Fehler passiert, sowohl im Umgang mit Betroffenen als auch in der Handhabung der Bearbeitung“, hatten die Drei Ende April mitgeteilt. Man setzte nun auf eine Empfehlung der Kommission, „wie weitere Schritte der Aufarbeitung erfolgen können und welche Konsequenzen für die Zukunft zu ziehen sind“.

In Mainz setzt sich Bischof Peter Kohlgraf, der 2017 die Führung des Bistums übernommen hatte, dafür ein, dass sich die Kirche dem Thema sexualisierter Gewalt stellt. Die bislang vorliegenden Erkenntnisse aus einer noch laufenden Studie weisen darauf hin, dass das Ausmaß sexueller Gewalt in der Diözese weitaus größer ist als zunächst gedacht. Nach Aktenprüfung und persönlichen Kontakten ging der beauftragte Anwalt Ulrich Weber im vergangenen Oktober von 273 Beschuldigten und 422 Betroffenen aus.

Nach bisherigen Ergebnissen war eine häufige Reaktion auf das Bekanntwerden von Missbrauch einzig die Versetzung von Beschuldigten gewesen. Selbst schwerer Missbrauch hätte nur zu geringen Sanktionen geführt. Bei einem Bistumswechsel habe es vielfach keine Informationen über Vorfälle gegeben. Schweigegebote gegenüber Opfern, Meldern und Beschuldigten sowie „gezielte Aktenführung“ hätten zur systematischen Verschleierung beigetragen.