1. Saarland
  2. Blick zum Nachbarn
  3. Rheinland-Pfalz

Missbrauchsskandal im Bistum Trier: Wie Eltern zu den Vorwürfen schwiegen

Missbrauchsskandal im Bistum Trier : „Was nicht sein durfte, war nicht“: Wie Eltern zu Missbrauchsvorwürfen schwiegen

Ein Messdiener erzählt seinen Eltern vom Missbrauchsversuch des Pfarrers einer saarländischen Gemeinde und wird abgewimmelt. Der Vater bereut dies heute. Nun hat er Briefe an zwei Bischöfe geschrieben. Die Geschichte der Vorfälle ist ergreifend.

Es ist draußen schon dunkel, als ein junger Mann sein Auto zuhause in der Garage parkt. Schnurstracks geht er ins Schlafzimmer seiner Eltern, weckt sie und sagt ihnen, was sie lange verdrängen werden: Pfarrer M. habe versucht, ihn zu missbrauchen. An diesem Sonntag hatte der Teenager wie so oft die Messe gedient. Aus dem Frühschoppen danach war ein Besäufnis mit dem Pfarrer geworden. Die Eltern schicken den Sohn mit dem Satz, „Du hast ja ein bisschen was getrunken und wer weiß, was da war?“, ins Bett und schlafen weiter. Auch sein zweiter verzweifelter Versuch am Frühstückstisch Gehör zu finden, verhallt. Zu diesem Zeitpunkt hatte der beschuldigte Pfarrer schon angerufen und sich nach dem Messdiener erkundigt. Familienvater Herbert D. versichert dem Geistlichen, es sei alles in Ordnung. Seinen richtigen Namen möchte Herbert D. nicht in der Zeitung lesen, der Name ist ein Pseudonym.

Rund ein Vierteljahrhundert und viele Berichte in den lokalen und überregionalen Medien über mögliche Verbrechen von Pfarrer M. später, bricht in Familie D. auf, was jahrelang gärte. Der Sohn bricht sein Schweigen, sagt gegenüber dem Bistum Trier und einem befreundeten Priester, was im Pfarrhaus geschehen sein soll - und er redet noch einmal mit seinen Eltern. Seitdem sprechen Vater und Sohn oft über jene Nacht in den 90er Jahren. Heute plagen Herbert D. tiefe Schuldgefühle. „Der Vorfall geht mir Tag und Nacht nach, ich träume nachts davon“, sagt er im Gespräch mit unserer Zeitung. Die Erinnerung quäle ihn. „Ich war damals nicht soweit. Ich hätte näher hinschauen müssen.“ Wiedergutmachung gebe es nicht, nur den Versuch.

Wie bereits erwähnt, Herbert D.s Sohn ist nicht der einzige, der dem Pfarrer einer saarländischen Gemeinde, die zum Bistum Trier gehört, versuchten Missbrauch und Missbrauch vorwirft. Seit 2006 gehen Staatsanwälte und später Kirchenrichter der Frage nach, was in den Jahren 1982 bis 2015 passiert ist. Der Missbrauchsbeauftragte des Bistums Trier hatte das Protokoll des Gesprächs mit D.s Sohn an die Staatsanwaltschaft Saarbrücken geschickt. Achtmal wurde der Pfarrer bis heute wegen angeblichen Missbrauchs angezeigt, einmal ging es um unerlaubten Waffenbesitz. Alle Verfahren wurden eingestellt, meist wegen Verjährung. Gegen die Einstellung des letzten Verfahrens, hat die Anwältin des Betroffenen im Frühjahr dieses Jahres Beschwerde eingelegt. Erst 2016 hat das Bistum Trier Pfarrer M. aus dem Verkehr gezogen. Vor dreieinhalb Jahren wurde im Auftrag der vatikanischen Glaubenskongregation ein Strafverfahren am Kirchengericht des Erzbistums Köln eingeleitet, es läuft noch.

Die Fälle fallen in die Amtszeit zweier Bischöfe: Kardinal Reinhard Marx, heute Erzbischof von München-Freising und Vertrauter des Papstes, war bis 2008 Bischof von Trier. Sein Nachfolger Bischof Stephan Ackermann ist Missbrauchsbeauftragter der Deutschen Bischofskonferenz, deren Vorsitzender Marx war. Verzweifelt hat Herbert D. sich im Mai dieses Jahres an Marx und Ackermann gewandt. Mehr dazu später.

Seit Beginn des Missbrauchsskandal in der katholischen Kirche vor elf Jahren berichten Betroffene immer wieder, dass Eltern ihnen nicht geglaubt haben, sie mundtot geschlagen haben oder sich verhalten haben, wie Herbert D. und seine Frau. „Was nicht sein durfte, war nicht“, sagt D.

Warum wimmelte er seinen Sohn damals ab? „Der Pastor, das war für mich ein heiliger Mann“, versucht er zu erklären. Dem Rentner kommt eine Szene als junger Pfadfinder in den Sinn. Zitternd habe er damals beim Pfarrer geklingelt, um ein Infoblatt abzuholen. Zeit, seinen Glauben zu leben, nimmt der Katholik sich seit Kindheitstagen. Auch während er sein eigenes Unternehmen mit hunderten von Mitarbeitern leitet, geht die Familie wochenends und feiertags regelmäßig in der Kirche. Zuhause wird viel gebetet. Pfarrer M. ist der Familie nah. Besonders an Silvester: Nur für Herbert D. und seine Frau sperrt M. kurz vor Mitternacht die Kirche auf. „Er kniete vor der Krippe, wir saßen in der Kirchenbank“, erzählt D. Anschließend habe er dem Pfarrer eine Flasche Champagner geschenkt. Jahreswechsel für Jahreswechsel. Herbert D. ist spendabel. Wenn der Pfarrer jammert, weil er zu wenige Spenden hat, legt er viel Geld drauf. D. vermutet, er habe das Geld für eigene Zwecke benutzt. Stolz sei er gewesen, als der Gemeindepfarrer seinen Sohn auserwählt hatte, um an Heiligabend als erster Messdiener in der vollen Kirche vornweg das Kreuz zu tragen. Das, was die Gemeinde sehen konnte, war wichtiger als der gedanklich weggesperrte Missbrauchsversuch.

Ein 33-seitiges Protokoll einer Befragung des Bistums Trier, das unserer Zeitung vorliegt, dokumentiert den Vorwurf des versuchten Missbrauchs, die große Not des ehemaligen Messdieners, weitere mögliche Missbrauchsfälle und das Nicht-Wahrhaben-Wollen von D. und seiner Frau „Das Thema habe ich schon immer in mir, ja, ich trage das auch in mir“, heißt es darin. So wie Vater Herbert D. Er versucht sein Handeln weiter zu erklären, die Kirche predige Vergebung, das habe ihn gedanklich geleitet.

Es scheint, als hole Herbert D. nun nach, was er damals versäumt hat. Er hat nun Briefe an zwei Bischöfe geschrieben. Einen an Kardinal Marx, der öffentlich eingeräumt hat, im Fall von Pfarrer M. Fehler gemacht zu haben und dessen Rücktrittsersuchen der Papst Anfang Juni verweigert hat. Unter Tränen versucht Herbert D. im Gespräch mit unserer Zeitung seinen Brief an Marx vorzulesen. „Eure Eminenz zu schreiben, hätte ich nicht hinbekommen“, sagt er, seine Stimme versagt. „Unser Sohn … ist endgültig aus der Kirche ausgetreten. Wie furchtbar! Nach dem… unsere größte Lebens-Niederlage. Aber lesen Sie selbst wie es dazu kam.“, heißt es in dem handgeschriebenen Brief. D. schreibt Marx vom Missbrauchsversuch in jener Nacht in den 90er Jahren, dem ad acta gelegten Plan seines Sohnes Pfarrer zu werden, von „psychischen Spielchen“ des Pfarrers und „Seelen-Schaden“.

Er wirft den Bistumsverantwortlichen vor, zu spät gehandelt zu haben, und dass die Bitte seines Sohnes um pastorale Hilfe bis heute ins Leere gelaufen sei. Marx ließ antworten. In dem Fünfzeiler steht, der Kardinal habe den Brief persönlich erhalten und an den Sorgen der Eltern Anteil genommen. „Gerne übermittle ich Ihnen die herzlichen Grüße und Segenswünsche von Kardinal Marx.“ Auch an Bischof Stephan Ackermann hat D. geschrieben, das Schreiben an den Kardinal beigelegt. „Er hat auf zwei Seiten sehr mitfühlend geantwortet und uns Eltern zu einem persönlichen Gespräch eingeladen.“ Das Gespräch steht noch aus. Herbert D. hofft auch mit diesem Gespräch wieder ansatzweise gutmachen zu können, was er damals versäumt hat.