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Rivenich/A1: Das passiert nachts auf dem Sex-Parkplatz an der A1

Ortsbesuch auf dem Sex-Parkplatz : Was passiert nachts am Rastplatz der einsamen Herzen an der A1?

Nachts treffen sich Leute auf einem Parkplatz an der Autobahn 1 bei Rivenich. Ist es nur die Suche nach Sex mit Fremden, die sie hierher führt, oder etwas anderes? Ein Besuch an einem Sommerabend.

Leise klackern die Stöckelschuhe über das Pflaster. Mit dem Handy am Ohr spaziert eine Frau über den Rastplatz in Rivenich. Lange Haare, löchrige Jeans, Lederjacke. Sie ist einige Meter von den Bänken am Toilettenhäuschen entfernt, meinem Posten für heute Abend. Kurz schaut sie auf und lächelt mich an. Ich lächle zurück, sie dreht sich um.

Von ihrem Telefongespräch kann ich nichts verstehen. Das Rauschen der Autobahn schluckt fast jedes Geräusch. Auch gegen 22 Uhr gibt es hier an der A 1, zwischen den Ausfahrten Föhren und Salmtal, noch viel Verkehr. Und damit ist, wie man so hört, nicht nur der Straßenverkehr gemeint.

Denn nachts, heißt es, sollen sich hier am Autobahnparkplatz Menschen zum Sex treffen. Zum sogenannten „Cruising“, wie es in der Szene heißt. Der Begriff kommt aus dem Seefahrerjargon und bezeichnet das Umherfahren mit dem Schiff. Heute geht es aber nicht um die Suche nach einem Ankerplatz, sondern nach einem Partner für die Nacht.

Und da kommt schon der erste Wagen. Der Mann hinter der Fensterscheibe schaut sich kurz um, dreht den Kopf nach links und rechts. Dann braust er am Klohäuschen vorbei in Richtung Picknick-Platz. Der liegt etwas oberhalb des Toilettenhäuschens, eine Schotterfläche im Wald. Dorthin also verschlägt es die Suchenden?

 Auch von drinnen wirkt der Lokus wenig einladend.
Auch von drinnen wirkt der Lokus wenig einladend. Foto: TV/Christian Altmayer

Die Knie schlottern, als ich dem Auto nachgehe. Nur die Scheinwerfer leuchten den dunklen Ort aus. Drumherum: Schwärze. Ich bleibe erstmal stehen und warte, ob sich der Mann nähert. Nach einigen Minuten dann rollt er tatsächlich zu mir her. Ganz langsam, Schritttempo. Der Herr, er ist vielleicht Mitte 20, kurbelt das Fenster runter. Und schnurrt mich an wie eine Katze: „Rrr, Miau.“ Ich schaue nicht auf, zucke aber zusammen. Da gibt er plötzlich Gas und zieht an mir vorbei, mit Affenzahn weg vom Parkplatz.

Hab ich was falsch gemacht? Die Zeichen falsch gedeutet? Ich stapfe jedenfalls zurück zu meiner Bank. Und sehe unterwegs einen weiteren Wagen. Er steht im Wald hinter der Toilette. Standlicht an. Ich kann es nicht mit Sicherheit sagen, bekomme aber das Gefühl, dass die Augen des Fahrers mich verfolgen. Es passiert: nichts.

Doch es dauert keine zehn Minuten, bis die nächste Karosse kommt. Sie hält vor dem WC und lässt das Fernlicht brennen, den Motor röhren. Fünf Minuten vergehen, bald zehn, der Fahrer steigt nicht aus. Immer wieder blickt er aber zu mir rüber, wie ich da so auf meiner Bank warte. Doch er kommt nicht her, spricht kein Wort.

Immerhin: Eine Ratte leistet mir Gesellschaft. Ich sehe im Neonlicht, wie das Tier herumläuft, hier und da schnuppert. Ob auch sie einsam ist, frage ich mich, wie diese Männer, die sich mitten in der Nacht heimlich auf einem Rastplatz verabreden? Schließlich gäbe es doch romantischere Treffpunkte für ein Rendezvous.

Tatsächlich ist der Parkplatz Rivenich ein Ort, den die meisten auch tagsüber meiden. Allein die nach Urin und Kot stinkenden, gefliesten Toilettenräume, die mit Graffiti beschmierten Wände. „Fickt alles“, steht dort blau auf weiß. Eine Aufforderung oder eine Bewerbung?

Der Mann, langer Bart, etwa Mitte 40, hat inzwischen den Motor ausgestellt und geht Richtung Klo. Ob er vielleicht doch nur mal muss? Vor dem Eingang zum Lokus dreht er sich jedenfalls zu mir um. Und schaut mir lange in die Augen, bevor er die Tür langsam zuzieht, aber einen Spaltbreit offen lässt.

Deutlicher geht es wohl ohne Worte nicht. Und das scheint mir typisch zu sein für diese Welt hinter dem blauen Autobahnschild: die kleinen, geheimen Zeichen. Die Eroberung wird so zum Katz-und-Maus-Spiel. Auch, weil vieles wohl unausgesprochen bleiben soll. Die Familie zu Hause? Der Freundeskreis, der nichts von den eigenen Vorlieben weiß? Der besondere Fetisch? Oder will man einfach nur ohne großes Geplänkel zur Sache kommen, dafür keine Zeit verschwenden?

Ich finde erstmal keine Antwort. Und weiß auch die Zeichen dieser Männer nicht zu deuten. Anders geht es dem Typen im Trainingsanzug, schätzungsweise Mitte 30, der seinen BMW vor dem Klo parkt. Und auch Mitte 40, langer Bart, ist jetzt wieder zurück von der Toilette und sitzt im Wagen. Der jüngere Mann schlendert am Fenster vorbei, sagt nichts. Doch keine Minute später steigt der andere aus und sie gehen gemeinsam ins Häuschen. Und kommen dort auch die nächsten gut 20 Minuten nicht raus.

Ob sie sich vorher schon auf einem der einschlägigen Internetportale verabredet haben? Seiten mit vielsagenden Namen wie poppen.de oder sexkontakt.net bieten genau für solche Anbahnungen jedenfalls Foren. Auch unter dem Beitrag über den Parkplatz von Rivenich, von dem es heißt, er sei „abgeschirmt und nicht einsehbar“, melden sich beinahe täglich Interessierte.

Sie schreiben unter anonymen Spitznamen Dinge wie: „Heute Abend noch jemand da?“, „Aussehen wirklich egal. Bin sauber und gesund. AV nur mit Gummi. Darf auch was härter sein.“ Oder auch: „Hey, ist heute jemand da? Ich bin ein unterwürfiger Sklave und möchte gerne benutzt werden.“ Mehr als 50 Männer und auch Frauen haben bei „poppen.de“ angegeben, dass man sie in Rivenich regelmäßig antrifft.

Ich habe außer der Dame mit den Stöckelschuhen allerdings noch keine gesehen. Und die hängt immer noch am Telefon. Da hält das nächste Auto und es steigt doch noch eine junge Frau aus. Die will aber nur aufs Klo, wie sich gleich zeigt. Ihr Freund bleibt auf dem Fahrersitz.

Nach wenigen Sekunden stürmt sie aber schon wieder raus. „Ekelhaft“, sagt sie und schneidet eine Grimasse. Er lacht und beide steigen aus, um wenigstens noch eine zu rauchen. Sie schauen sich um, er sagt irgendwas von „Schwuchteln“.

Vielleicht liegt es an dieser Feindseligkeit, dass sich die Männer hier in den Schatten herumdrücken. Dass sie meinen, sich verstecken zu müssen. Während das Paar plaudert und qualmt, ist niemand sonst mehr zu sehen. Die zwei wirken wie Fremdkörper an diesem geheimen Platz.

Als sie endlich wieder fahren, kommen denn auch die beiden Herren wieder aus dem stillen Örtchen. Sie wechseln kein Wort miteinander, setzen sich beide hinters Steuer ihrer Wagen und düsen ab. Der eine stammt laut Kennzeichen aus der Vulkaneifel, der andere aus der Pfalz. Der Zufall hat sie hier zusammengebracht, zumindest für eine Nacht. So wie alle anderen, die abends aus dem Saarland, von der Mosel, dem Hunsrück oder Nordrhein-Westfalen anreisen. Zu diesem stinkenden Klo, auf den Rastplatz der einsamen Herzen.

Wie ich mir darüber so den Kopf zerbreche, merke ich gegen 23.30 Uhr mal wieder die Augen im Rücken. Jemand scheint mich zu umschleichen wie ein Raubtier. Es ist die Dame, sie hat ihr Telefonat beendet. Und steht nun vor mir. „Hallo“, sage ich. „Hey, wie geht’s?“, fragt sie mit einem leichten, schwer zu definierenden Akzent. „Ganz gut. Was machst du hier so?“, spiele ich den Ball weiter. „Ich schaue, was noch so kommt“, sagt sie. Sie sei zum ersten Mal hier und „auf der Suche nach ein bisschen Spaß“. Als ich nichts Sinnvolles erwidere, tritt sie einen Stück näher. Ihr süßes Parfüm steigt mir in die Nase. „Hast du Angst vor der Transe?“, fragt sie und streicht mir mit den Fingerspitzen über die Wange: „Darfst gerne probieren.“

„Danke für das Angebot“, sage ich: „Aber lieber nicht“, und gehe zurück zum Wagen. Sie stolziert in die andere Richtung davon. „Musst du wissen“, sagt sie noch. Dann setz ich mich ins Auto und fahre weg. Genug für heute.

Am nächsten Morgen ist die Dame verschwunden. Und auch sonst alles, was daran erinnern würde, was hier die vergangene Nacht los war. Ich treffe einen LKW-Fahrer. Vergangenen Abend war er noch nicht hier und hat auch nichts mitbekommen: „In diesem Teil von Deutschland bin ich nur selten und jetzt auch gerade nur auf Durchreise.“

Oberhalb, auf dem Picknick-Platz, steht die Müllabfuhr. Zwei Männer machen die Eimer leer und lesen auf, was auf dem Boden herumliegt. Keine Kondome dabei? „Nee, wieso Kondome?“, fragt der Mitarbeiter. Vom Sex-Parkplatz habe er nie gehört: „Und das interessiert mich auch nicht. Ich mach hier nur sauber.“