1. Saarland
  2. Blick zum Nachbarn
  3. Luxemburg

Atomkraftwerk Cattenom in Kritik: „Luxemburg wäre unbewohnbar“

Weiter harte Kritik am Atomkraftwerk : „Luxemburg wäre unbewohnbar“: Wie realistisch ist die Horror-Vision von Cattenom aus dem Arte-Film?

Im Frühsommer kam die Diskussion um das grenznahe Atomkraftwerk Cattenom neu in Fahrt: Eine Luxemburger Doku-Fiktion spielte auf Arte einen Gau und seine Folgen durch. Dann bescheinigte eine Studie, dass die Großregion ohne Cattenoms Atomstrom auskommen kann. Was seither passiert ist und warum Luxemburgs Atomkraftgegner dennoch die Hoffnung nicht aufgeben.

Es ist nun etwas mehr als vier Monate her, dass Luxemburg, Saarland und Rheinland-Pfalz eine unabhängige Studie vorgestellt haben, die zu dem Schluss kam, dass die Versorgungssicherheit auch ohne das grenznahe französische Atomkraftwerk (AKW) Cattenom gesichert wäre. Die Vorstellung der Studie fiel zeitlich mit der Ausstrahlung der Doku-Fiktion „An zéro“ („Super-Gau – Die letzten Tage Luxemburgs“) auf Arte zusammen. Der Luxemburger Film spielt durch, welche Folgen ein Gau im AKW Cattenom auf das Großherzogtum hätte, und erhielt in der Großregion einiges an Aufmerksamkeit. Im Film wird Luxemburg unbewohnbar, und eine ganze Nation muss sich in Flüchtlingscamps in andere Länder retten. Vor dem Hintergrund, dass die drei Nachbarn immer wieder die Abschaltung des Atommeilers fordern, stellt sich die Frage, was seit der Studie eigentlich passiert ist.

Die Antwort fällt aus Sicht des Luxemburger Umweltministeriums ernüchternd aus. „Die gemeinsame Studie wurde in Frankreich zur Kenntnis genommen“, teilt ein Sprecher auf SZ-Anfrage mit. Und: „Die französische Regierung hat allerdings bislang nicht offiziell darauf reagiert.“ Allgemein könne man sagen, so das Ministerium, dass Frankreich „seit Jahren auf Zeit spielt“ und sich auf seine nationalstaatlichen Souveränitätsrechte beruft, unter die eben auch die Energieversorgung fällt.

Das im Film durchgespielte, drastische Gedankenexperiment hält man trotz aller Modernisierungsaktionen und Großübungen in Cattenom für realistisch. „Luxemburg betrachtet das AKW Cattenom als eines der erheblichsten Systemrisiken überhaupt und hat deswegen einen nationalen Notfallplan“, teilt das Ministerium mit und fügt an, „ein Unfall im Atomkraftwerk könnte durchaus zur Folge haben, dass große Teile der nationalen Bevölkerung innerhalb kürzester Zeit evakuiert werden müssten und wesentliche Teile des nationalen Territoriums auf unabsehbare Zeit unbewohnbar würden“.

Paul Polfer setzt sich seit Jahren als Koordinator des Nationalen Aktionskomitee gegen Atomkraft auch für eine Abschaltung des grenznahen Meilers in Lothringen ein. Dem Aktionskomitee haben sich im Großherzogtum neben Gewerkschaften und Nichtregierungsorganisationen auch Gemeinden und Regierungsparteien angeschlossen. „Es ist einfach so, dass, wenn es zu einem nuklearen Gau in Cattenom käme, Luxemburg als Land unbewohnbar und eine ganze Nation heimatlos wäre“, sagt Polfer. „Es eine Frechheit, dass ein Land in Eigenregie entscheidet, auf Atomenergie zu setzen, was ja eigentlich ein gesellschaftliches Recht Frankreichs ist, aber dann seine gefährlichen Meiler so nah an die Grenze setzt, dass das Risiko eben vor allem die Nachbarländer tragen.“

Polfer sieht sich durch Berichte über Investitionen in die Modernisierung des AKW Cattenom, Großübungen und Sicherheitsgarantien für die Reaktoren auch bei Sturm nicht beruhigt. „Wir sehen das als Makulatur“, sagt er. Als Koordinator des Nationalen Aktionskomitees in Luxemburg hat er weiterhin mehrere Hauptkritikpunkte an dem französischen Kernkraftwerk.

Zum einen seien mit den Stresstests nach dem Fukushima-Gau nicht alle Gefahrenquellen ausgemerzt worden, zumal das Werk nicht gegen terroristische Anschläge gesichert sei. „Es gibt Flugbewegungen bei Cattenom, und Greenpeace hat mehrfach gezeigt, wie einfach es ist, auf die Gelände von französischen Kernkraftwerken zu kommen, nur um Plakate aufzuhängen und ein Feuerwerk zu starten.“ Zum anderen: „Die Laufzeit kommt an ihr Ende, und trotzdem sollen diese Reaktoren nochmals verlängert werden, da haben wir Zweifel.“ Polfer glaubt auch nicht daran, dass sich Frankreichs Behörde für nukleare Sicherheit ASN (Autorité de sûreté nucléaire) mit ihren Sicherheitsauflagen gegen den Betreiber EDF (Électricité de France), die staatliche Elektrizitätsgesellschaft, durchsetzen könne. Die ASN sei zwar auf dem Papier eine unabhängige Aussichtsbehörde, aber ob sie politisch unbeeinflussbar ist, hinterfragt Polfer – weil leitende Positionen bei der Aufsichtsbehörde schon mal mit vorherigen EDF-Angestellten besetzt würden. „Es gibt zwischen Aufsicht und Betreiber keine klare Abtrennung.“ 

Dass Frankreich das AKW Cattenom komplett abschaltet, diese Hoffnung hat er aufgegeben: „Cattenom ist eines der jüngsten und leistungsstärksten AKW in Frankreich.“ Aber es gibt drei Faktoren, die Polfer und seine Mitstreiter dennoch hoffen lassen. Erstens hat sich Frankreich vorgenommen, den Anteil der Atomenergie in seinem Energiemix zu verringern, hat deswegen schon einige Atomreaktoren ausgeschaltet, weitere sollen folgen. Zweitens stehe die EDF finanziell vor dem Ruin. „Die EDF hat sich mit dem Versuch, eine neue Generation von Atommeilern zu konzipieren und zu bauen, in den Ruin getrieben und musste schon mehrfach vom französischen Staat gerettet werden“, erzählt er. „Wenn die EDF die Arbeiten, die für eine Laufzeitverlängerung notwendig sind, nicht mehr finanzieren kann, und das ist eine ganz reelle Möglichkeit, und wenn Brüssel sagt, dass diese versteckten Subventionen vom französischen Staat an die EDF aufhören müssen, stellt sich wirklich die Frage, ob die Atomindustrie in Frankreich wirtschaftlich noch zu retten ist“, sagt Polfer. Das sei der Elefant im Raum, über den in Frankreich keiner reden wolle. Drittens komme die Entscheidung über ein Endlager nicht voran. Deswegen müsse auch der Widerstand gegen das geplante Atommüllendlager im lothringischen Bure aufrecht erhalten werden. Zwar müsse man sich in puncto Lagerung auf ein Konzept einigen, aber wenn nun eine Lösung gefunden würde, wäre dies für Frankreich ein weiteres Argument, länger und umfangreicher auf Atomstrom zu setzen, fürchtet Polfer.

Das Luxemburger Umweltministerium, dessen Vertreter neben anderen Akteuren und Experten für den Doku-Anteil von „An zéro“ Interviews gegeben haben, hält es – neben der in der Großregion immer schwelenden Diskussion um das AKW Cattenom – gerade jetzt für notwendig, über Risiken und den realen Preis der Nuklearenergie zu debattieren, damit Atomenergie nicht als Lösung im Kampf gegen die Klimakrise in EU-Gesetzgebung einfließe. Die Angst vor dem atomaren Ernstfall durch das AKW Cattenom, schreibt der Sprecher noch, sei Teil der nationalen Identität. Sie erkläre auch den anhaltenden überparteilichen Konsens in der Positionierung Luxemburgs als Gegner der Kernenergie.

Unterdessen beobachtet Luxemburgs Cattenom-Opposition neugierig einen Fall aus der Schweiz. Dort wird eine Klage gegen die kontinuierlich leichte Strahlung eines französischen Kernkraftwerks vorbereitet. Ein solche ziehen auch französische Atomkraftgegner gegen das AKW Cattenom in Erwägung. „Wir wurden gefragt, ob wir uns daran beteiligen würden“, berichtet Polfer. Die Chancen abzuwägen und über eine Beteiligung an einer solche Klage zu entscheiden, ist gleich nach der Rückkehr aus der Sommerpause jetzt zur wichtigsten Frage für Luxemburgs Atomkraft-Gegner geworden.