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Zum Tanken nach Luxemburg: Steht der Tanktourismus jetzt vor dem Aus?

Schwierige Lage im Großherzogtum : Schnell mal für billiges Benzin nach Luxemburg: Steht der Tanktourismus jetzt vor dem Aus?

Der einst erfolgsverwöhnte Sektor der Luxemburger Tankstellen hat derzeit mit einem schwierigen Umfeld zu kämpfen. Die Regierung will die Branche trotz coronabedingter Einbrüche nicht wieder ankurbeln. Steht damit der Tanktourismus vor dem Aus?

Im Grenzraum zu Luxemburg ist der Tanktourismus ein wichtiger Wirtschaftsfaktor für das Großherzogtum. Doch daran könnte sich etwas ändern: Bis 2030 soll der Verkauf von Kraftstoffen stark schrumpfen, damit das Land seine CO2-Ziele erreichen kann. Im Sektor hat man sich mittlerweile mit dem eingeschlagenen Weg abgefunden. Die Suche nach einem Geschäftsmodell für die Zukunft läuft.

2020 war kein einfaches Jahr für die Betreiber von Tankstellen. Um mehr als die Hälfte waren die Verkäufe von Kraftstoffen allein in den Monaten Februar, März und April eingebrochen. Doch während diese Monate die „dramatischsten“ für den Sektor waren, so wurde auch das gesamte Jahr mit einem Minus abgeschlossen. Es wurden 23 Prozent weniger Benzin und 21 Prozent weniger Diesel als im Jahr 2019 verkauft.

„Am schlimmsten betroffen waren die Tankstellen an den Autobahnen und an den Grenzen, so Romain Hoffmann, Präsident des Branchenverbandes „Groupement pétrolier luxembourgeois“ (GPL), gegenüber dem luxemburgischen „Tageblatt“. „Manche mussten teilweise geschlossen werden. Viele machten 70 bis 80 Prozent weniger Umsatz als im Normalfall. Teilweise lag es an den geschlossenen Grenzen, teilweise an den, wegen Homeoffice, weggebliebenen Grenzgängern.“ 

Im Jahr 2021 haben die Verkäufe von Benzin nun wieder um rund 20 Prozent zugelegt. Auf fast das gleiche Niveau wie vor Corona. Die Verkäufe von Diesel sind jedoch nur um sechs Prozent gestiegen. Noch sehr weit entfernt vom Niveau von 2019. Romain Hoffmann erklärt diesen Unterschied mit zwei Faktoren: einerseits mit der gefallenen Beliebtheit von Diesel-Fahrzeugen nach dem Diesel-Skandal, andererseits mit weniger tankenden Lastwagen. Letzteres erklärt er mit zwei Ursachen: Weniger Transporte bedingt durch weniger Arbeit wegen fehlender Rohmaterialien. Und mit dem durch die neue CO2-Steuer bedingten Preisanstieg. „Wir sind teurer geworden. Die CO2-Steuer hat den Preis für einen Liter um 6 Cent erhöht. Für LKW  haben wir vor allem gegenüber Belgien und Frankreich an Wettbewerbsfähigkeit verloren. Deutschland hat selbst eine CO2-Steuer eingeführt.“

Die Stimmung im Sektor sei dementsprechend „nicht gut”, sagt er. Sie sei aber auch nicht ganz schlecht. Immerhin sei man bei der Pandemie noch „nicht allzu schlecht davongekommen“. Andere Sektoren seien noch heftiger getroffen worden. „Hilfreich waren die Shops an den Tankstellen. Auch und gerade während Corona“, sagt er. „Es sind kleinere Geschäfte. Gute Lage, schneller Zugang, nah bei der Straße. Es gibt alles dort zu kaufen, doch weniger Menschen als in den Supermärkten“, erklärt er den Erfolg. „Der Kunde kommt schnell rein – und schnell wieder raus.“

„Der Umsatz der Shops war 2020 so gut wie im Jahr zuvor“, so der Branchenvertreter weiter. An den Autobahnen und an der Grenze hätten zwar auch die Shops gelitten – im Inland hätten sie sich aber teilweise sogar besser entwickelt als im Vorjahr. Angekurbelt durch Corona, Zigaretten und Lebensmittel. Wie viele andere in seiner Branche auch macht sich Romain Hoffmann Gedanken über das Geschäftsmodell der Zukunft. Im Rahmen des Kampfes gegen den Klimawandel wird seine Branche mit an der vordersten Front der Veränderungen stehen. Der Verkauf von Diesel und Benzin ist ein Geschäftsmodell mit Ablaufdatum.

Besonders in Luxemburg wird die Branche die Veränderungen zu spüren bekommen. Jahrzehntelang war der Verkauf von Kraftstoffen ein geschätzter Teil der nationalen Wirtschaft. Jahr für Jahr stand der Sektor für einen beträchtlichen Anteil der Steuereinnahmen. Im Namen des Kampfes gegen den Klimawandel will die Regierung nun jedoch auf diese Gelder verzichten. Doch will das Land seine Klimaziele einhalten, hat es keine andere Wahl. Dass das möglich ist, hat das Corona-Jahr 2020 gezeigt. Dank der eingebrochenen Verkäufe von Kraftstoffen konnte Luxemburg seine Klimaziele für 2020 einhalten. Ohne Covid-19 wäre das nicht der Fall gewesen. Mit der wieder anziehenden Konjunktur geht das Statistische Institut Statec davon aus, dass auch der CO2-Ausstoß wieder zulegen wird. Aufgrund der neuen CO2-Steuer werde er jedoch nur um 2,5 und nicht um 7 Prozent wachsen, so die Statistiker. Unter dem Strich sollte Luxemburg 2021 demnach seine gesetzten Klimaziele für das Jahr erreichen können.

Der Rückgang bei den Verkäufen macht sich bereits heute in den Steuereinnahmen bemerkbar. In allen großen Steuerbereichen sind die Einnahmen im ersten Halbjahr 2021, verglichen mit den beiden Jahren vor Corona, sehr deutlich gestiegen. Nur bei der „Administration des douanes et accises“ sind die Einnahmen im Vergleich mit 2019 bloß stabil (Anstieg von 0,7 Prozent) geblieben, was vor allem auf den deutlichen Rückgang der Verkäufe von Kraftstoffen zurückzuführen ist.

Dass die Entwicklung bei den Steuereinnahmen besser ausfiel als der Rückgang der Verkäufe, liegt unter anderem an der Einführung der CO2-Steuer, schreibt Statec im letzten „Conjuncture Flash“. Trotz weniger Verkäufe bleiben somit – vorerst – die Einnahmen des Staates stabil. Langfristig wird jedoch mit schrumpfenden Einnahmen gerechnet.

„Weltweit macht sich die Branche Gedanken. Aus großen Ölfirmen werden Energiefirmen“, so Hoffmann weiter. „Aber auch nach 2030 wird weiter Benzin und Diesel verkauft werden. Bis die Mehrheit des Fuhrparks umgestellt ist, wird es noch Zeit brauchen.“ Im Jahr 2020 lag der Anteil von Elektroautos an den Neuzulassungen in Luxemburg bei 5,5 Prozent – nach 1,8 Prozent im Vorjahr. Der Anteil am gesamten nationalen Fuhrpark blieb jedoch, trotz der höheren Verkäufe, verschwindend gering. Ende 2020 hat er erst die Marke von 1,03 Prozent aller Autos erreicht. Im ersten Halbjahr 2021 standen Elektroautos nun für 8 Prozent aller Neuzulassungen.

Und natürlich werde man künftig als Tankstellen auch Strom verkaufen, so Hoffmann weiter. „Ab wann sich das lohnt, ist aber noch ungewiss.“ Erst müsse die Technik sich weiter verbessern. „Vielleicht mit Schnell-Ladern. Zehn Minuten für 300 Kilometer.“ Wünschen würde er sich einen gemeinsamen Weg in Europa. „Für Luxemburg ist es ein Problem, wenn in jedem Land andere Regeln gelten – immerhin beziehen wir unsere Produkte aus den Nachbarländern.“

Der Autor des Artikels, Christian Muller, ist Redakteur beim „Tageblatt“. Der Text ist im Original hier zu finden.