1. Saarland

Frauen erz?hlen, wie sie zum Thema Gleichberechtigung und Sexismus stehen

Zum internationalen Frauentag : Wie Saarl?nderinnen heute Gleichberechtigung erleben

Auch heute k?mpfen Frauen noch um Gleichberechtigung und erleben Sexismus im Alltag. Zum internationalen Frauentag erz?hlen Saarl?nderinnen aus ihrem Leben. F?hlen sie sich gleichberechtigt? Wie gehen sie mit Sexismus um? Und warum k?mpfen Frauen auch heute noch darum, denselben gesellschaftlichen Stellenwert wie M?nner zu erlangen?

Ich laufe vormittags an den Saarbr?cker Hauptbahnhof. Vorbei an einer kleinen Baustelle, von der es zu mir r?ber t?nt: ?Ey Kleines, komm doch mal her.? Kaum zu glauben, wie klischeehaft das klingt. Begleitet vom ?Hinterhergepfeife? ignoriere ich den Spruch, merke aber wie ich automatisch schneller laufe. Ist doch nichts Schlimmes, w?rden wohl einige sagen. Dennoch: Ich f?hle mich den Blicken ausgeliefert und gekr?nkt. Nicht als Mensch, sondern nur als ?K?rper? wahrgenommen. Viele solcher Situationen habe ich schon erlebt. ?Allt?glicher Sexismus ist ein Massenph?nomen?, hei?t es in einer Studie des Familienministeriums. Aktuell erleben 44 Prozent aller Frauen in Deutschland Sexismus im Alltag. Das hat auch mit unterschiedlichen Vorstellungen einer guten und richtigen Gesellschaft und den Rollenbildern darin. Genauso unterschiedlich ausgepr?gt und subjektiv sei auch die Wahrnehmung von Sexismus. Das erkl?rt, weshalb ich immer wieder zu h?ren bekomme, dass das doch ein Kompliment sei. Von M?nnern und von Frauen. Beides ? meine negative, wie auch die positive Beurteilung davon ? k?nnen auch als zwei unterschiedliche Auspr?gungen desselben Problems gesehen werden: In Deutschland ist die rechtliche Gleichstellung von Frauen und M?nnern erreicht. An der tats?chlichen, allt?glichen Gleichstellung arbeiten wir noch, schreibt die Bundesregierung.

Von penetrantem Angaffen, ?ber ?Angrapschen?, bis hin zu Schl?gen mitten auf der Stra?e (so geschehen 2017 in der Saarbr?cker Kaiserstra?e): Ich habe selbst schon diverse Formen m?nnlicher Gewalt erlebt, sobald ich mich gegen ?Eroberungsversuche? gewehrt habe. Rund jede dritte Frau gab in einer Studie des Familienministeriums an, mindestens einmal k?rperliche und/oder sexuelle Gewalt seit ihrem 16. Lebensjahr erlebt zu haben.?Die Autorin Laurie Penny zeigt wie durch eine sexistische Gesellschaft auch Krankheiten entstehen k?nnen. Seit 1999 ist die Anzahl der M?dchen, die wegen Magersucht in Kliniken m?ssen, um 80 Prozent gestiegen. Penny f?hrt dies nicht nur darauf zur?ck, dass man als Frau ?jeden Tag durch Film, Werbung, Medien oder Bekannte, mit Botschaften bombardiert wird, die uns suggerieren, dass wir nicht jung genug, schlank genug, hellh?utig genug und willf?hrig genug sind.? Eine weitere Erkl?rung findet sie in Gespr?chen, mit Anorexie-Patientinnen: ?Ich wollte nicht, dass mir M?nner auf der Stra?e hinterherschauen; ich hasste meine Br?ste und meine weichen runden, weiblichen Kurven. (?) Die Anorexie kommt von einem Ich, das mich so asexuell wie m?glich haben m?chte.? Beides verdeutlicht, wie ?normal? es in unserer Gesellschaft ist, Frauen auf ihren K?rper zu reduzieren. Und wie sich das auf Frauen auswirken kann. ?Man kommt nicht als Frau zur Welt, man wird dazu gemacht?, schrieb die Autorin und Frauenrechtlerin Simone de Beauvoir?1949.

Vor 110 Jahren wurde der Frauentag in Deutschland zum ersten Mal gefeiert. Damals k?mpften Frauen f?r das Wahlrecht und die Emanzipation der Arbeiterinnen. Erst rund 60 Jahre sp?ter, im Jahr 1977, wurde es einer Frau gesetzlich erlaubt, auch ohne Einverst?ndniserkl?rung ihres Mannes, zu arbeiten. Nochmal 20 Jahre, bis 1997, hat es dann gedauert bis Vergewaltigung in der Ehe vor Gericht als Straftat anerkannt wurde. In Deutschland gab es 2019 69 881 F?lle angezeigter Straftaten gegen die sexuelle Selbstbestimmung. Insgesamt 8 Prozent mehr als im Jahr davor. Die Dunkelziffer gilt in diesem Bereich allerdings als besonders hoch, da die Opfer oft in sozialen Beziehungen zu den T?tern stehen. Eine Umfrage des Forschungsinstituts GfS Bern (Gesellschaft f?r Sozialforschung) hat festgestellt, dass jede f?nfte Frau schon sexuelle Handlungen gegen ihren Willen erlebt hat. Nur jede zehnte geht damit zur Polizei.

Angela Merkel sagte zu ihrer Kanzlerschaft als erste Frau: ?Eine Schwalbe macht noch keinen Sommer.? ?Die Spiegel-Umfrage vom letzten Monat zeigte: 69 Prozent der Politikerinnen erlebten frauenfeindlichen Hass als Bundestagsabgeordnete. 72 Prozent erfuhren Frauenfeindlichkeit im Parlament: Wenn eine Frau rede, werde der L?rmpegel h?her, es werde gequatscht, laut und derb dazwischengerufen. Die weibliche Sitzungsleitung werde nicht begr??t, Parlamentarierinnen w?rden ungefragt geduzt. Im Plenum und selbst in den kleineren Aussch?ssen habe Sexismus und Antifeminismus eine neue Qualit?t erreicht, seit die AfD im Bundestag vertreten sei, schreibt der Spiegel. Es scheinen nicht nur l?ngst ?berholte Rollenbilder wieder zu kommen. Vor allem im Netz soll sich aktuell eine neue Dimension des Frauenhasses entwickeln. Die Soziologin Veronika Kracher, sagte dem SWR, dass der Frauenhass oft von M?nnern ausgehe, die unter starkem Selbsthass und Einsamkeit leiden. Es sei wichtig, Jungs?klar zu machen, dass es kein Anrecht auf Sex gibt und ihnen vor allem Selbstliebe beizubringen. Schwierig in einer Gesellschaft, ?die auf permanente Selbstoptimierung getrimmt ist.? Ein Blick in Online-Partnerb?rsen zeigt: Wo bei Frauen das Aussehen z?hlt, ist es bei M?nnern oft der Job, das Gehalt. Ein Druck, der aus denselben traditionellen Rollenbildern entsteht. Alltagssituationen, wie die mit dem Bauarbeiter, wirken dagegen harmlos. Sie deuten aber eine subtile gesellschaftliche Akzeptanz von Sexismus an: ?Warum kommentieren sie es immer, wenn ich hier vorbei laufe??, frage ich neulich in einer ?hnlichen Situation. ?Och Kleines, lach doch mal?, ist seine Antwort. Fast ein guter Ratschlag. Denn mehr Aufmerksamkeit als sie auszulachen, bekommen frauenverachtende M?nner von mir nicht mehr.