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Studenten an Saar-Uni und HTW, die in ihrem Studium die Ausnahme sind

HTW und Saar-Uni : Sie sind die Ausnahme in ihrem Studiengang

Wir haben mit Studenten und einer Dozentin gesprochen, die in ihrem Fach zur Minderheit gehören. Was sie alle eint: Leidenschaft und Überzeugung für das, was sie machen.

Anne-Cathrin Reiter hat einen Traum: Eines Tages selbst ein Auto zu bauen. „Mich fasziniert es, wie aus Kleinem etwas Großes entsteht“, sagt Reiter. Die 25-Jährige studiert im vierten Semester Maschinenbau an der Hochschule für Technik und Wirtschaft (HTW) in Saarbrücken und ist eine der wenigen Frauen in ihrem Studiengang. „Sieben Frauen und ungefähr 50 Männer sind in meinem Jahrgang“, sagt die Studentin. Reiter studiert, was viele mit einem typischen Männerberuf gleichsetzen.

„Meine Leidenschaft für Autos, Motoren und deren Aufbau habe ich als Kind entdeckt. Mein Bruder, der ebenfalls Ingenieur geworden ist, hat auch Anteil daran“, sagt Reiter. Fühlt es sich seltsam an, unter lauter Männern zu studieren? „Ganz ehrlich, das macht keinen Unterschied.“ Früher hätten vielleicht einige Menschen jemanden wie Reiter für ihre Studienwahl als „Mannsweib“ beschrieben, meint die Studentin. Wie falsch sie doch lägen.

 Anne-Cathrin Reiter
Anne-Cathrin Reiter Foto: Mats Karlsson/HTW/Mats Karlsson

„Ich mache meine Haare, lackiere die Nägel... wer mich sieht, wird wahrscheinlich nicht denken, dass ich Maschinenbau studiere“, sagt Reiter, lacht und sagt dann in ernstem Tonfall, dass man Menschen so nicht beurteilen dürfe. „Studium hat nichts mit dem Geschlecht zu tun. Es kommt allein aufs Interesse an.“ Und das hat Reiter: „Ich könnte mir nicht vorstellen, etwas anderes zu machen.“

Donatien Levaillant ist auch einer unter vielen „anderen“ Studenten. Der 23-Jährige studiert Soziale Arbeit und Pädagogik der Kindheit an der HTW. Ein Studiengang, in dem zu drei Viertel Frauen studieren. „Klar, soziale Berufe traut man eher Frauen als Männern zu“, sagt Levaillant. Auch sein Vater sei zunächst voreingenommen gewesen: „Er hat mich nicht kritisiert, meinte aber, dass die Sozialwissenschaften im Vergleich zu Physik oder Mathematik schwächere Wissenschaften seien.“

 Donatien Levaillant
Donatien Levaillant Foto: Privat

Levaillant nahm es ihm nicht übel. Er wusste, dass sein Vater Unrecht hatte. „In meinem Studium steht der Mensch mit seinen Fähigkeiten im Zentrum. Ob ich als Mann oder als Frau studiere, macht keinen Unterschied.“ Im Studium hat Levaillant gelernt, Mensch und Zuschreibungen zu trennen. Jemand, der viel Alkohol trinke sei für ihn kein Alkoholiker, sondern ein Mensch mit einem Alkoholproblem.

Levaillant kann sich vorstellen, nach seinem Studium im Kinder- und Jugendschutz tätig zu werden, Schulsozialarbeit oder auch transnationale Soziale Arbeit zu leisten. „Ich habe das Glück, in einem Berufsfeld arbeiten zu wollen, das junge motivierte Menschen braucht“, sagt der 23-Jährige.

Ein Blick auf die Seite der Dozierenden: Kathrin Flaßkamp hat an der Universität des Saarlandes eine Professur für Modellierung und Simulation technischer Systeme mit der Fachrichtung Systems Engineering. Systems Engineering umfasst verschiedene Bereiche der Ingenieurswissenschaften, es geht etwa um Robotik oder intelligente Fahrzeuge. Typisch männerbesetzte Themen.

 Kathrin Flaßkamp
Kathrin Flaßkamp Foto: Thorsten Mohr/UDS/Thorsten Mohr

„Dennoch ist es ein Studiengang, der sehr gut zur weiblichen Denkweise passt“, erklärt Flaßkamp. „Man muss unterschiedlichste Bereiche von Beginn an ganzheitlich denken.“

Die Professorin, die eine der wenigen Dozentinnen des Fachs in Deutschland ist, setzt sich dafür ein, dass junge Frauen, die sich für einen Beruf in diesem Feld interessieren, ein Studium beginnen. „Das Argument, nicht zu studieren, weil man allein unter Männern wäre, ist keines“, sagt Flaßkamp.

Nichts im Studiengang sei geschlechterspezifisch angelegt. „Ich rate jedem, das zu studieren, was ihn begeistert. Systems Engineering ist kein einfacher Studiengang, aber er ist machbar. Und gerade Frauen dürfen diesem Berufsfeld nicht verloren gehen.“

Vanessa Traut studiert an der Saar-Uni Systems Engineering. Sie ist mittlerweile die einzige studierende Frau in ihrem Jahrgang. Dass die 24-Jährige auch außerhalb des Studiums die Herausforderung sucht, zeigt sich in ihrem Einsatz fürs Evoracing-Team.

Dieses ist ein Zusammenschluss der Saar-Uni, HTW und der Berufsakademie Saarland, der in wechselnder Besetzung jedes Jahr einen Rennwagen konzipiert, baut und im Juli in den Wettbewerb mit anderen Hochschulen schickt. „Ich bin im Elektronik-Team, habe zum Beispiel am Akku des Autos mitgewirkt“, sagt Traut.

Dass es noch Menschen gebe, die von Männer- und Frauenjobs oder -Studiengängen sprechen, findet Traut schlimm. „Ich weiß um meine Stärken und lasse mich nicht beeinflussen“, sagt die 24-Jährige. „Systems Engineering ist ein riesiges Berufsfeld. Viele meiner Mitstudenten wollen zur Luft- und Raumfahrt oder eigene Firmen gründen. Ich könnte mir vorstellen, im medizinischen Bereich zu arbeiten.“

Bis es soweit ist, hat Traut, die im zehnten Semester studiert, womöglich erst ein Rennen zu fahren. Sie ist als Fahrerin des diesjährigen Evoracing-Rennwagens im Gespräch.

Elena Palzer ist 22 und nicht weniger an Autos interessiert. Die 22-Jährige ist im sechsten Bachelor-Semester ihres Maschinenbau-Studiums an der Deutsch-Französischen Hochschule für Technik und Wirtschaft (DFHI), einer Kooperation der HTW und der Université de Lorraine. Palzer ist getreu dem Spruch, „100 Mann, eine Frau, das nennt man Maschinenbau“, die einzige Studentin in ihrem Jahrgang.

 Elena Palzer
Elena Palzer Foto: Privat

„Als Maschinenbauer steht man immer vor Herausforderungen, die man lösen muss. Ich bin eine gute Problemlöserin.“ Das Studieren unter lauter Männern empfindet Palzer als angenehm. „Die Jungs sind alle sehr offen und entspannt, machen hin und wieder Quatsch“, sagt die 22-Jährige.

Auch Palzer will junge Frauen motivieren, ihr Wunschstudium zu beginnen. „Dass technische Berufe nur von Männern ausgeübt werden, ist überkommen. Aber gesellschaftlich tut sich etwas. Jüngst hat die Europäische Weltraumorganisation Esa explizit auch Frauen aufgefordert, sich als Astronautinnen zu bewerben.“

Michelle Maas hat es die Fortbewegung auf der Erde angetan. Die 23-Jährige studiert Fahrzeugtechnik an der HTW, ein Studiengang, in dem laut HTW zu 95 Prozent Männer studieren. „Anfangs waren wir vier Frauen in meinem Jahrgang, jetzt sind wir zu zweit“, sagt Maas.

 Michelle Maas
Michelle Maas Foto: Privat

Als Frau habe sie sich beweisen müssen, habe zeigen müssen, dass sie sowohl Ahnung von Autos habe als auch mit dem Lernstoff klarkomme. „Mathe fiel mir in der Schule nicht leicht. Jetzt habe ich vier verschiedene Mathevorlesungen und sehr gute Noten.“

Frauen seien mindestens genauso gute Fahrzeugtechniker wie Männer. Maas interessiert sich besonders für Lkw-Technik und Unfallanalyse. „Ich möchte am liebsten später Fahrversuche machen, also in der passiven Fahrsicherheit, der Unfallforschung oder als Sachverständige arbeiten“, sagt die Studentin.

Gegenüber ihren Freunden muss sich die junge Frau für ihr Studium zu Beginn rechtfertigen: „Nicht alle haben gedacht, dass ich das schaffe. Man darf sich nicht beeinflussen lassen. Frauen machen sich oft zu viele Gedanken vorweg.“ Ihr Rat an junge Studienanfänger: „Studiert das, was ihr möchtet!“

Patrick Bickel macht genau das. Der 45-Jährige arbeitet in einer Kita in Neunkirchen und studiert berufsbegleitend im achten Semester Pädagogik der Kindheit. Ein Studiengang, den fast ausschließlich Frauen studieren: „Zunächst waren wir drei Männer im Jahrgang, jetzt sind wir noch zwei.“

 Patrick Bickel
Patrick Bickel Foto: Privat

Bickel ist seit elf Jahren in Kitas tätig, die Arbeit mit den Kindern bereitet ihm Freude. Er möchte sich einen wissenschaftlichen Hintergrund schaffen. „Ich verstehe nicht, warum nicht mehr Männer auf die Idee kommen, diesen Beruf auszuüben“, sagt Bickel.

Der 45-Jährige sieht sich eher durch sein Alter als „bunter Vogel“ im Studium als dadurch, ein Mann zu sein. „Es braucht mehr Männer in Kitas. Meiner Meinung nach, brauchen die Kinder auch männliche Vorbilder in dieser Entwicklungsphase. So wie in vielen Familien, in denen sich Frau und Mann die Erziehung der Kinder teilen.“