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Uni Saarland: Ältester Student der Uni erzählt, er ist im 38. Semester

Der älteste Student der Saar-Uni : Rudolf Britzen ist der älteste Student im Saarland

Kein Student der Saar-Uni ist älter als Rudolf Britzen. Der 85-Jährige schrieb sich vor 20 Jahren in Saarbrücken ein. In einem Alter, in dem andere längst in Rente gehen. Was treibt ihn an?

Es war sein Wunsch unruhig zu bleiben und er blieb es. Im Jahr 2000 ging Rudolf Britzen in Rente, aber nicht in den Ruhestand. „Ich muss immer etwas zu tun haben. Das ist mein Naturell“, sagt Britzen über sich. Mittlerweile ist er 85 und wieder und noch immer Student an der Saar-Uni. Im 38. Semester. Der älteste Student an der Saar-Uni.

„2001 habe ich erstmals Kurse in Englisch und Französisch an der Uni besucht“, erzählt Britzen. Er und seine Frau Gerlinde reisen gerne. Mehrmals im Jahr. In Europa, nach Amerika oder auch nach Afrika. „Individualreisen“, sagt Britzen bestimmt. Er legt großen Wert darauf, die Dinge selbst in die Hand zu nehmen, sei es die Reiseplanung, sei es die Verständigung mit den Menschen im Urlaubsland.

Es bleibt nicht bei den Sprachkursen. „Ist man einmal auf dem Campus, weitet sich der Blick“, meint Britzen. Für ihn wird wenig später das Treffen mit einem Dozenten zum Schlüsselerlebnis, wie er sagt. Britzen lernt Konrad Schön kennen. Schön war von 1974 bis 1977 Finanzminister des Saarlandes, seit 1978 Professor für Politikwissenschaft an der Uni und vor allem „ein kluger Mann, ein großer geistiger Gewinn“, sagt Britzen.

Über Schön entdeckt Britzen seine Liebe zur Philosophie, schreibt sich bei Schön in den Kurs „Politische Philosophie“ ein. „Eigentlich seltsam, wenn man bedenkt, dass ich in den 50er Jahren, als ich studierte, in der Philosophie-Vorlesung regelmäßig eingeschlafen bin.“

Der Kurs von Schön jedenfalls fesselt nicht nur Britzen. Die Vorlesung sei mit 70 bis 80 Teilnehmern regelmäßig eine der meistbesuchten des Zentrums für lebenslanges Lernen an der Saar-Uni gewesen. „Wir alle hingen an seinen Lippen. Egal, ob es um tagesaktuelles Geschehen, Hegel oder Europa ging“, erinnert sich Britzen. Ihn beeindruckt das „universale Wissen“ des Dozenten, seine politische Erfahrung, mit der er Aktuelles analysiert.

Weil sie die einstündigen Vorlesungen so interessieren, verabreden sich stets bis zu 20 der Vorlesungbesucher, essen gemeinsam und beratschlagen. Mehrere Stunden lang.

Als im vergangenen April Schön stirbt, enden auch die Treffen. „Ich vermisse alles sehr“, sagt Britzen. Schöns Tod erschüttert ihn. Für kurze Zeit spielt der Senior mit dem Gedanken aufzuhören. Seine lange glückliche Wiederkehr an die Uni zu beenden – ja, Wiederkehr.

Britzen wächst nach dem Krieg im Saarland auf. Seine Familie ist arm. Britzen muss als Bäcker im Familienbetrieb anfangen. Statt im Gymnasium Aufgaben zu lösen, knetet Britzen Brotteig. „Der Mensch lebt nicht mit der Zeit, sondern in der Zeit“, zitiert der 85-Jährige.

Mit 24 Jahren macht Britzen schließlich sein Abitur. Und stürzt sich ins Studium: Er studiert Lebensmittelchemie und Betriebswirtschaftslehre an der Universität des Saarlandes. Der junge Mann will Lehrer werden. „Ich erinnere mich genau daran, als mein Berufsschullehrer Herr Woll, den ich aus meiner Ausbildung zum Bäcker kannte, zu mir sagte: Dann kannst du ja mal mein Nachfolger werden“, sagt Britzen.

Tatsächlich. Britzen ist 28, das Studium absolviert und nach seiner Referendarszeit erhält der frische Berufsschullehrer seine erste Assessorenstelle in Dillingen. Eben die Stelle, die Woll einst hatte.

Auf sein Studium blickt Britzen mit gemischten Gefühlen zurück. Zielstrebig und schnell habe er studieren müssen. Zeit, um sich wie mancher Kommilitone in den ersten zwei Semestern umzutun, es ruhig angehen zu lassen, blieb ihm nicht. „Auch heutzutage sind die jungen Leute genötigt, ihr Studium von Beginn an zielstrebig anzugehen“, sagt Britzen.

Im Vergleich zu früher habe sich die Qualität eines Studiums nicht wesentlich verändert. Eine Bereicherung für Vorlesungen seien Medien. Vor allem in der Corona-Zeit. Nie zuvor hatte Britzen an einer Video-Vorlesung teilgenommen. „Viele Senioren hatten wie ich Startschwierigkeiten mit der neuen Technik. Jetzt, da ich es kann, ist es einfach“,
sagt der 85-Jährige. Die Brücke zu jüngeren Generationen konnte aber auch die moderne Technik nicht bauen. „Bekanntschaften, sogar Freundschaften sind während der vielen Uni-Jahre entstanden“, erzählt Britzen. Vor allem aber zu älteren Vorlesungsbesuchern.

In der Zeit vor der Pandemie waren jährlich rund 600 Gasthörer neben den über 17 000 Studenten an der Saar-Uni eingeschrieben. Aktuell sind 245 von den 16 799 Studenten 50 Jahre alt oder älter. Dass jüngere Menschen das Gespräch nicht so sehr zu suchen scheinen, ist für den Senior aber kein Drama. Er genießt seine Freiheit. „Ein Ruheständler hat immer frei und viel Zeit.“ Wenn Britzen nicht gerade dem Radio lauscht, Tennis spielt oder dem Unkraut im Garten auf die Pelle rückt, besucht er weitere Kurse bei Bildungseinrichtungen in Saarlouis und Dillingen.

„Ich gebe zu, ein umtriebiger unruhiger Mensch zu sein. Manchmal zum Leidwesen meiner Frau.“ Lernhungrig sei er aber nicht. Britzen hält es mit der Metapher, wer rastet, der rostet. Genießt es, Zeit mit gleichgesinnten wissensdurstigen gebildeten Menschen zu verbringen. „Mit Beginn der Rente ist man irgendwie weg von der Bühne“, sagt Britzen nachdenklich.

Hier passt ein weiteres Motto des Seniors, angelehnt an ein Zitat des Philosophen Jean-Paul Sartre: „Der Mensch wird unfreiwillig geboren, aber ist zur Freiheit verurteilt.“ Wie seine Freiheit aussieht, ist für den 85-jährigen Renter seit Jahren klar. „Ich bin ein überdurchschnittlich allseits interessierter Mensch.“ Es wartet das 39. Semester.