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Universität des Saarlandes startet Kooperation mit Villa Vigoni

Interview mit Markus Messling von Saar-Uni : „Die Reparationsfrage charakterisiert unsere Zeit“

Europa neu denken – angesichts von Verbrechen des Kolonialismus und der Nazi-Zeit, aber auch in seiner aktuellen Rolle in der Welt. Das will die Universität des Saarlandes mit einer neuen Kooperation verstärken: Die Villa Vigoni, Deutsch-Italienisches Zentrum für den Europäischen Dialog, soll dafür die internationale Plattform stellen.

Die Universität des Saarlandes startet eine Kooperation mit der Villa Vigoni am Comer See. Mit dem „Exzellenzlabor Europa“ entsteht dabei ein internationales Diskussionsforum der Europaforschung in den Kultur- und Sozialwissenschaften, an dem vom 9. bis zum 13. September 18 Doktorandinnen und Doktoranden aus verschiedenen Ländern teilnehmen. Die Kooperation entstand durch die Initiative von Christiane Liermann Traniello, Generalsekretärin der Villa Vigoni, und Markus Messling, Professor für Romanische Kulturwissenschaft und Interkulturelle Kommunikation an der Saar-Uni. Der Vertrag wird am Samstag, 11. September auf einem Festakt unterzeichnet.

Herr Messling, die Universität des Saarlandes startet seine Kooperation mit der Villa Vigoni mit einem Festakt. Was ist so besonders an dem Deutsch-Italienischen Zentrum für den Europäischen Dialog?

MESSLING Es ist einer der wichtigsten Orte für deutsch-italienischen Austausch und eine der exzellenten Plattformen für den wissenschaftlichen Dialog auf europäischer Ebene. Der Hintergrund unseres Interesses ist, dass die Universität des Saarlandes ihren Europa-Schwerpunkt gestärkt hat. Ziel war, alle Forschungen, die sich an der Universität mit Europa beschäftigen, zu bündeln und daraus auch neue zu lancieren. Daraus hervorgegangen ist die Neugründung des Ceus, des Clusters für Europaforschung, als Zentraleinrichtung. Da ist für uns die Kooperation mit der Villa Vigoni attraktiv, um uns weiter international zu vernetzen.

 Markus Messling, Professor für Romanische Kulturwissenschaft und Interkulturelle Kommunikation, hat das diesjährige erste „Exzellenzlabor Europa“ initiiert.
Markus Messling, Professor für Romanische Kulturwissenschaft und Interkulturelle Kommunikation, hat das diesjährige erste „Exzellenzlabor Europa“ initiiert. Foto: Markus Messling

Wie haben Sie es geschafft, diese Kooperation einzufädeln?

MESSLING Ich habe selbst Tagungen dort durchgeführt und der Direktorin der Villa Vigoni im vergangenen Jahr vorgeschlagen, diese Beziehung auf eine strukturelle Ebene mit der Universität des Saarlandes zu heben. Ein Baustein ist das „Exzellenzlabor Europa“, das künftig einmal im Jahr in der Villa Vigoni stattfinden wird. Die Kooperation wird zunächst über fünf Jahre laufen.

Was soll im Exzellenzlabor erforscht werden?

MESSLING Das Exzellenzlabor ist Zukunftsthemen gewidmet, die wir im Ceus unter dem Stichwort „EuropaWelten“ formuliert haben und die Europas inneren Zusammenhang und seine Beziehungen zur Welt als verknüpft begreifen. Das Exzellenzlabor kann verschiedene Formate aufnehmen, soll aber etwa in Form von Sommerschulen insbesondere Doktorandinnen, Doktoranden und Postdocs der Kultur- und Sozialwissenschaften dienen. Das diesjährige Exzellenzlabor wird von Mario Laarmann, Carla Seemann und Laura Vordermayer konzipiert, die an der Saar-Uni promovieren.

Was erhoffen Sie sich von der Kooperation?

MESSLING Der Europaschwerpunkt bemüht sich darum, Europa kulturell und gesellschaftspolitisch neu zu denken, was eine große Aufgabe ist. Die Corona-Pandemie hat die vielen Asymmetrien in der Welt sichtbar verstärkt und nationales Denken in vielen Bereichen wieder dominant gemacht – man denke nur an die Grenzschließungen. Über solche Probleme wollen wir in dieser Kooperation nachdenken. So hoffen wir, Beiträge zum Verständnis der Zeit in die internationale Debatte einbringen zu können.

In der ersten Sommerakademie geht es um das Thema „Restitution, Reparationen, Reparation – Wege zu einer neuen Weltgesellschaft?“. Wieso dieses Thema?

MESSLING Die deutsche Gesellschaft hat, etwa durch Aufarbeitung von Museums-Sammlungen, massiv mit diesen Themen zu tun. Das ist in Italien nicht viel anders. Aber wir haben auch französische und kanadische Experten eingeladen, wollen das Thema in einem breiten Rahmen denken und uns strukturellen Fragen stellen – also, was heißt eigentlich Reparation? Es geht darum, unsere gemeinsame Zukunft aus der Tatsache der Unreparierbarkeit heraus zu denken. Denn Europa ist für geschichtliche Brüche verantwortlich, die nicht reparierbar sind. Die Frage ist, wie kann man daraus ein neues Miteinander und eine neue Gesellschaftlichkeit gestalten. Das interessiert uns nicht nur im deutsch-italienischen Kontext, sondern in Bezug auf Europa als in die Welt eingebundener Kontinent.

 Die Villa Vigoni am Comer See ist Sitz des gleichnamigen bilateralen Vereins, der 1986 durch die Bundesrepublik Deutschland und die Republik Italien gegründet wurde.
Die Villa Vigoni am Comer See ist Sitz des gleichnamigen bilateralen Vereins, der 1986 durch die Bundesrepublik Deutschland und die Republik Italien gegründet wurde. Foto: Villa Vigoni

Sind das Ansätze, die beim Thema Völkermord gedacht werden können?

MESSLING Das ist eine der großen Debatten, wie das Gedenken der Shoah mit dem Kolonialismus zusammen gedacht werden kann. In welchem Bezug stehen das Gedenken der Shoah und jenes der Kolonialverbrechen? Die Reparationsfrage scheint uns dabei – meine Kollegin Christiane Solte-Gresser und mich, die wir das Thema lanciert haben – unsere Zeit insgesamt zu charakterisieren. Nach dem Optimismus der Moderne, in der wir immer nach vorne gedacht haben – mehr Ressourcen, mehr Verbrauch, überhaupt Fortschritt auf allen Ebenen –, sind wir jetzt in einem Zeitalter, in dem wir feststellen, dass wir eine Perspektive auf die Zukunft eigentlich nur noch aus reparativen Prozessen entwickeln können. Das betrifft unser Geschichtsverständnis, unsere Lebensstile und uns selbst als Subjekte.