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Interview mit Produzentenlegende Günter Rohrbach: „Ich sehe prinzipiell im Fernsehen keine Filme“

Interview mit Produzentenlegende Günter Rohrbach : „Ich sehe prinzipiell im Fernsehen keine Filme“

Die Produzentenlegende über seine alte Heimat Neunkirchen, sein „Boot“, die „Tatort“-Inflation und einen wütenden Herbert Grönemeyer.

Günter Rohrbach (89) ist ein TV-Pionier und als einer der wichtigsten Filmproduzenten eine Legende. Er hat „Das Boot“ produziert, auch Publikums-Renner wie „Schtonk!“ oder „Ödipussi“, zugleich boxte er unbequeme Fassbinder- oder Rosa-von-Praunheim-Filme durch. Im Saarland nahm man den gebürtigen Neunkircher erst wahr, als seine Heimatstadt 2011 den „Günter-Rohrbach-Filmpreis“ erfand. Die SZ traf ihn am Rande der diesjährigen Gala: einen liebenswürdigen, überaus agilen Mann, der sichtlich Spaß hat am Erzählen.

Nach dem Skandal um Harvey Weinstein kommt man nicht umhin, einen Filmproduzenten nach seiner Besetzungscouch zu fragen.

ROHRBACH Das ist einer der wenigen Bereiche, in denen ich ein völlig reines Gewissen habe. Ich will mich da nicht mit einer besonderen Moral brüsten, aber man braucht für einen Film ja die beste Besetzung – und nicht die, die einem vielleicht gefällig war. Harvey Weinstein ist offenbar krank. Dass es in unserer Gesellschaft immer noch eine männliche Dominanz gibt, dass sich Männer manchmal benehmen, als hätten sie eine gewisse Verfügungsgewalt, das ist ein allgemeines Problem – aber kein Problem nur dieser Branche.

Sie sind sehr früh aus dem Saarland weggezogen – warum?

ROHRBACH Ich habe mein Leben in dieser Stadt als eng empfunden, die Bewegungsmöglichkeiten waren begrenzt – es war ja schon ein ziemlicher Aufwand, nach Saarbrücken zu kommen. Man war auch gefangen in einem sehr provinziellen Dialekt.

Haben Sie Heimat als Defizit erlebt?

ROHRBACH Ja, als ich zum Studium nach Bonn kam und die Leute da ganz anders gesprochen haben, fühlte ich mich unsicher. Mir war klar: Wenn Du im Leben irgendwie was werden willst, dann musst Du auch mal raus und die Welt sehen.

Das klingt nach einem Wackelkontakt zum Saarland. Sie haben auch nie eine Serie oder einen Film hier gemacht. „Rote Erde“ etwa hätte man auch hier drehen können.

ROHRBACH Es gibt Themen im Saarland und gute Autoren – aber der Gedanke ist mir nie gekommen. Aber so plant man Filme ja auch nicht, dass man denkt, ich muss jetzt was über München oder Köln machen, weil ich dort lebe. Oder über Neunkirchen, weil ich dort gelebt habe.

Haben Sie je darüber spekuliert, was aus Ihnen geworden wäre, wenn Sie hier geblieben wären?

ROHRBACH Nein, es gab mindestens 20 Situationen, in denen sich mein Leben so oder ganz anders hätte entwickeln können. Die Völklinger Hütte, wo mein Vater arbeitete, hatte damals eine Werkszeitung und bot mir an, ob ich sie als Redakteur übernehmen will. Darüber habe ich sehr ernsthaft nachgedacht. Hätte ich es getan, wäre mein Leben anders verlaufen.

Sie haben nie Regie geführt – hat Ihnen das nicht gefehlt?

ROHRBACH Nein, das war nie ein wirkliches Thema. Es war toll, mit interessanten Autoren und Regisseuren zu arbeiten. Natürlich denkt man da manchmal, dies oder das hättest du als Regisseur besser oder anders gemacht. Aber ob das dann auch so gewesen wäre? Ich bin da durchaus kritisch mit mir umgegangen.

Ihre Zeit beim WDR erscheint wie eine Blütezeit des Senders und auch des Fernsehens allgemein.

ROHRBACH Die Zeit war anders. Wir hatten nicht diesen Quotendruck. Den Intendanten ist heute ja vor allem wichtig, dass die politischen Sendungen gut sind, dass es keinen Ärger gibt. Die Fernsehspiele sollen möglichst nicht zu viel Anspruch haben. Das war damals anders. Da konnten wir die Filme machen, die wir für richtig hielten, und hofften auf ein Publikum.

Wie lebt man denn so in München, geht man mit Senta Berger Kaffeetrinken? Wie eingebunden sind Sie noch in die Film-Community?

ROHRBACH Ich gehe regelmäßig ins Kino, meistens mit meiner Frau, gerade habe ich „Blade Runner 2049“ gesehen. Mit unseren Freunden gehen wir gerne essen, in der Regel mit einem Paar, nicht in der Gruppe – auch weil man mit zunehmendem Alter nicht mehr so gut hört, dann wird es schwieriger, wenn alle Leute durcheinander reden. Meine engsten Freunde sind meist keine Filmleute, mein bester Freund ist Jürgen Habermas, ein Freund aus der Studentenzeit. Ich war allerdings sehr eng befreundet mit Produzent Bernd Eichinger, mit Regisseur Helmut Dietl, mit Schriftsteller Tankred Dorst – die sind alle gestorben. Das ist das Schicksal, wenn man selber so lange lebt, dass man viele Freunde verliert.

Wird man reich als Filmproduzent?

ROHRBACH Ich jedenfalls nicht. Ich bin ja erst spät Filmproduzent geworden. Mit 50 wurde ich Geschäftsführer der Bavaria, da ist man Angestellter und wird vielleicht wohlhabend, aber nicht reich. Als Produzent danach habe ich nie als Unternehmer gearbeitet, sondern habe mir einen Filmstoff gesucht, einen Regisseur und eine Besetzung. Wenn ich das alles zusammen hatte, bin ich damit zu einem Film-Unternehmer gegangen und bin dann beim Projekt geblieben bis zum letzten Augenblick. Die Produktion hat mich bezahlt, war der Film erfolgreich, gab es eine Prämie.

Es gibt aber doch das Gerücht, dass „Das Boot“ sie fast ruinierte?

ROHRBACH Nicht mich persönlich. Aber wenn es schief gegangen wäre, hätte die Bavaria gesagt: „Herr Rohrbach, es war eine schöne Zeit mit Ihnen, aber versuchen Sie es doch bei einer anderen Firma.“

Inwieweit konnten und können Sie Publikumsreaktionen kalkulieren?

ROHRBACH Das kann man nur bedingt. Erfahrung ist nützlich und auch ein guter Instinkt. Trotzdem erlebt man natürlich Überraschungen, meist in der falschen Richtung. Etwa beim Film „Die Sieger“, den ich 1994 mit dem Regisseur Dominik Graf gedreht habe. Ich war damals zu 100 Prozent überzeugt, dass das ein Erfolg wird. Er wurde es nicht. Zwei Jahre vorher hatte ich mit dem gleichen Regisseur den Film „Die Katze“ produziert. Beide Filme waren Thriller, aber nur „Die Katze“ war erfolgreich. Allerdings spielte die Hauptrolle Götz George, der damals auf dem Höhepunkt seiner Schimanski-Popularität war. Die deutschen Kinobetreiber sind ohnehin deutschen Thrillern gegenüber skeptisch. Sie denken, das können nur die Amerikaner. Oder es ist halt Fernsehen, da wird es akzeptiert. Wie beim „Tatort“.

Die „Tatort“-Reihe haben ja Sie mit aus der Taufe gehoben. Wie gefällt es Ihnen, dass es da mittlerweile zu einer Inflation gekommen ist?

ROHRBACH Ich kann über diese Entwicklung nur staunen. Diese Marke ist gut gepflegt worden. Ich muss gestehen, ich schaue das gar nicht mehr, seit ich keine „Tatorte“ mehr produziere.

Sie können uns also gar nichts über die saarländischen „Tatorte“ sagen?

ROHRBACH Genau so ist es, es tut mit furchtbar leid. Ich sehe prinzipiell im Fernsehen keine Filme, dafür gehe ich ins Kino. Wissen Sie, ich habe nicht mehr viel zu leben. Das sind noch ein paar Monate oder ein paar Jährchen. Und mit denen gehe ich sorgfältig um. Dann setze ich mich nicht abends vor den Fernseher und frage mich: Was wird das denn jetzt wohl sein? Auf Risiko sehe ich nicht fern.

Sie wurden immer über „Das Boot“ befragt. Gibt es eine Anekdote, die Sie bisher nicht preisgegeben haben?

ROHRBACH Ein schmerzvolles Thema war mein Verhältnis zum Autor, zu Lothar-Günther Buchheim. Er war eine außerordentlich starke Persönlichkeit mit der festen Vorstellung, dass alles, was er sagt, richtig ist. Das Allerschlimmste an Buchheim war, dass er an Geld nicht interessiert war, weil er genug hatte. Jeder, der Geld braucht, hat Angst, dass er bei seinen Forderungen möglicherweise überzieht. Jemand, der Geld nicht braucht, der geht mit seinen Forderungen gnadenlos um. Es gab eine lange Suche nach einem Plakat. Bernd Eichinger, unser Verleiher, fand zufällig ein Foto, das Buchheim selbst aufgenommen hatte. Buchheim wollte dafür 10 000 Mark. Über weniger war mit ihm nicht zu reden. Und es gibt da noch etwas: „Das Boot“ war ja eigentlich als sechsteilige Fernsehserie geplant. Die Verträge waren also TV-Verträge, die Gagen waren relativ niedrig. Dann haben die Schauspieler gemerkt, was sie da alles leisten müssen. Die mussten ja tagelang im Wasser stehen. Da gab es eine Palastrevolte, die wollten mehr Geld und Wiederholungshonorare, die gar nicht vorgesehen waren. Eines Tages stand eine Delegation wütender Schauspieler in meinem Büro – der Anführer war Herbert Grönemeyer.

„Das Boot“ spielt auch eine wichtige Rolle bei einer Ausstellung im Historischen Museum Saar über Saar-Prominenz. Sie zählen dazu. Wie geht es Ihnen damit, jetzt museal zu sein?

ROHRBACH Das ist sehr ambivalent. Als ich das erste Mal in Neunkirchen ankam und ein großes „Günter-Rohrbach-Preis“-Plakat sah, wäre ich am liebsten wieder umgekehrt. Ich bin auch nie bei meinen Filmpremieren auf die Bühne. Ich wollte da nicht stehen. Entweder bin ich in die Stadt spazieren gegangen oder ich habe mich zum Kinobesitzer ins Büro gesetzt.

Wie kam es dann überhaupt dazu, das Sie sich haben überreden oder überzeugen lassen, Ihren Namen für diesen Preis herzugeben?

ROHRBACH Zu meinem 80. Geburtstag hat mich Oberbürgermeister Jürgen Fried mit einem Brief eingeladen. Da habe ich gedacht: Willst du das wirklich machen?, und habe das erst Mal ein Jahr liegen lassen. Dann kam noch ein Brief, und ich bin hingefahren. Ich habe diese Stadt ja als eine ganz andere erlebt, als eine fauchende, qualmende, mit dem Eisenwerk und den Gruben, als eine lebendige Arbeiterstadt. Das alles ist nicht mehr da. Es hat mich geschmerzt, dass Neunkirchen gewissermaßen seine Seele verloren hat. Mir war klar, dass die Verantwortlichen im Rathaus, die Menschen, die hier leben, eine enorme Aufgabe haben, damit die Stadt lebenswert bleibt und dass die Menschen weiterhin ihr Geld verdienen. Das wollte ich anerkennen.

Sie mussten Ihre Filme oft verteidigen. Wollten Sie bewusst Filme machen, die anecken? Ist Aufmüpfigkeit ein Charakterzug?

 Rohrbach produzierte 1997 „Aimée und Jaguar“ mit Maria Schrader (links) und Juliane Köhler.
Rohrbach produzierte 1997 „Aimée und Jaguar“ mit Maria Schrader (links) und Juliane Köhler. Foto: senator
 Rohrbachs größter Erfolg: „Das Boot“ aus dem Jahr 1981 mit Klaus Wennemann, Jürgen Prochnow und Herbert Grönemeyer (von links).
Rohrbachs größter Erfolg: „Das Boot“ aus dem Jahr 1981 mit Klaus Wennemann, Jürgen Prochnow und Herbert Grönemeyer (von links). Foto: constantin

ROHRBACH Ich bin keiner Auseinandersetzung aus dem Weg gegangen. Nicht um des Streitens willen, aber wenn ich es für sinnvoll, für wichtig hielt. Vor allem bei Filmen, die ich für bedeutsam erachtete, zum Beispiel bei Rosa von Praunheims „Nicht der Homosexuelle ist pervers, sondern die Situation, in der er lebt“. Ich habe entschieden, den Film zu senden, und wusste, was ich damit lostrete. Im Jahr 1971! Mein Programmdirektor war verzweifelt, aber tolerant genug. Dann kam der Bayerische Rundfunk und sagte, „wenn das gesendet wird, schalten wir uns aus“, was dann auch geschah. Im Anschluss an den Film haben wir noch eine Diskussionssendung gemacht, und die war wüst, das war toll. Da flogen die Fetzen! Und genau solche Situationen habe ich geliebt.