1. Saarland

Karneval und Corona: Existenzen sind bedroht, erste Entlassungen gab es schon.

Kostenpflichtiger Inhalt: Corona und der Karneval : „Ich weiß nicht, wie es weitergehen soll“

Die Corona-Pandemie bedroht auch den Karneval – und damit jene, die ihn mit Kostümen und Orden versorgen. Existenzen stehen auf der Kippe, erste Entlassungen gab es schon.

Jörg Fisch aus Nalbach kann sich noch sehr gut erinnern an den Fastnachtsorden, den er 2002 für einen Karnevalsverein aus Saargemünd entworfen hat: Der gestürzte Saddam Hussein ist darauf zu sehen. Der Orden sollte an die Session 2001 erinnern, in der die Fastnacht im Januar wegen des Irakkrieges abgesagt wurde. „Das war hart, aber damals wusste man wenigstens, wo man dran ist. Aktuell ist es ein großes Zittern mit viel Hoffnung“, sagt Jörg Fisch. Das Coronavirus droht, den Karnevalisten in der kommenden Session 2020/21 im Saarland und ganz Deutschland einen Strich durch die närrische Rechnung zu machen.

Die Infektionszahlen steigen wieder, und der ein oder andere Verein hat die Session für sich schon abgeblasen. Andere Vereine hoffen und warten noch ab. Der saarländische Ministerpräsident Tobias Hans (CDU) und der Präsident des Verbandes saarländischer Karnevalsverein, Hans-Werner Strauß, werfen die Flinte noch nicht ins Korn und sagen, dass Fastnacht stattfinden kann – vielleicht in anderer und kleinerer Form. Alle sind sich einig, dass es mit riesigen Umzügen und vollgestopften Hallen ab Januar wohl nichts werden wird. Die Hardcore-Fastnachter sind wegen der Absagen jetzt schon genervt, und das partywillige Volk wird zu Beginn des kommenden Jahres wohl auch die Füße stillhalten müssen.

Aber das sind Luxusprobleme im Vergleich zu den Sorgen, die Jörg Fisch hat. Er ist einer von zwei Fastnachtsorden-Herstellern im Saarland. „Normalerweise geht es im August los mit den ersten Entwürfen und Aufträgen der Vereine. Von September bis März dreht sich bei mir alles nur um Orden, Prinzenorden und Pins“, erzählt der 53-jährige Graveurmeister. Die Fastnacht macht bei ihm drei Viertel des gesamten Jahresumsatzes aus. „So wie es jetzt aussieht, bricht alles weg. Es haben sich bislang drei Vereine gemeldet, die eventuell Anstecknadeln wollen. Einen konkreten Auftrag habe ich aber noch nicht“, sagt Jörg Fisch. Genau so sieht es bei Stefan Kayser in Rohrbach aus. Er ist der zweite große Ordenshersteller im Saarland. „Bei uns kommen auch keine Aufträge rein. Die Fastnacht macht bei uns 70 Prozent des Umsatzes aus. Wir wissen noch nicht, wie wir das auffangen sollen. Ich glaube nicht, dass die Fastnacht in diesem Jahr wie gewohnt stattfinden wird. Wir hoffen zwar noch, aber wir werden ein Problem bekommen“, sagt Kayser.

Beate Klein, Faaseboozin durch und durch, führt das bekannte Kostümgeschäft „Der kleine Pfeiffer“ in Quierschied. „Wir können es kurz machen, es geht überhaupt nichts. Ich habe im Monat mehr als 3500 Euro laufende Kosten und aktuell Einnahmen von 300 Euro. Ich weiß nicht, wie es weitergehen soll. Ich bin dabei, mir einen anderen Job zu suchen“, sagt die 55-Jährige.

Auch Jörg Fisch macht sich diese Gedanken. Genau wie Kayser arbeitet Fisch in eigenen Räumen und muss keine Miete zahlen. Dennoch ist die Zukunft ungewiss, auch für Kayser: „Ich glaube, unserer Regierung ist noch nicht bewusst, dass wir den Kampf gegen das Virus nicht gewinnen können. Daran wird auch ein möglicher Impfstoff nichts ändern. Wenn das so weiter geht, wird es noch viele Existenzen kosten.“.

Beate Klein muss in Quierschied für ihren Laden „Der kleine Pfeiffer“ Miete zahlen. Bei der Frage nach Hilfe und Unterstützung bricht sie in Tränen aus. „Nein“, sagt sie. „Ich muss alles voll bezahlen. Das Schlimme ist, dass ich eine alleinerziehende Mutter mit zwei kleinen Kindern entlassen musste. Das wollte ich alles nicht. Ich muss jetzt selber sehen, dass ich die Reißleine finde – sonst richte ich mich auch noch privat zugrunde“, sagt sie.

 Beate Klein, die Inhaberin von „Der kleine Pfeiffer“ in Quierschied.
Beate Klein, die Inhaberin von „Der kleine Pfeiffer“ in Quierschied. Foto: Heiko Lehmann
  Auch Stefan Kayser hat noch keinen Auftrag für die kommende Session.
Auch Stefan Kayser hat noch keinen Auftrag für die kommende Session. Foto: Heiko Lehmann

Der drohende Ausfall der Fastnacht im Saarland ist bei weitem nicht nur der Ausfall von tollen Tagen und vielen Partys. Es hängt viel mehr an der fünften Jahreszeit — es geht um Existenzen.