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2G Plus: Gastgewerbe und Veranstalter im Saarland bangen um Existenz

Härtere Corona-Regeln im Saarland : Wirte und Gastronomen über 2G-Plus: „Die Situation ist einfach nur zum Kotzen“

Ohne tagesaktuellen Test können auch Geimpfte und Genesene im Saarland nicht mehr ins Restaurant oder in ein Café, die Clubs sind geschlossen und über Hotels fegt eine Stornowelle hinweg. Das sorgt für Frust und Verzweiflung bei Wirten, Hoteliers, Gastronomen, Kulturschaffenden und Veranstaltern. Was ihnen jetzt helfen könnte.

Schnell ein Mittagessen im Restaurant oder nur kurz auf einen Kaffee ins Bistro. Ohne tagesaktuellen Corona-Test ist das im Saarland nicht mehr möglich. Clubs und Diskotheken sind geschlossen, Veranstalter müssen wieder Konzerte verschieben, und wenn bei Hoteliers das Telefon klingelt, kommen meist nur Absagen. „Die Situation ist belastender als im Vorjahr. Jetzt haben wir auf, aber es kommt niemand, und die Hilfen werden auch noch gekürzt“, sagt Justin Jakob, Inhaber von JJ’s Pub in St. Wendel. Der Zustand gleiche einer psychischen Achterbahnfahrt. „Die Situation ist einfach nur zum Kotzen“, macht sich Jakob seiner Verzweiflung Luft.

„Ich bin enttäuscht, sauer und habe keinen Bock mehr zu arbeiten“, gibt Jan Willem Fluit unumwunden zu. Fluit ist Inhaber der Finetime GmbH, betreibt also die Gastronomien im Schwimmbad „Blau” in St. Ingbert, am Flughafen Ensheim sowie im Staatstheater und in der „Alten Feuerwache“ in Saarbrücken. Die Gäste seien auch müde, sich ständig auf neue Regelungen einzustellen. „Die Frequenz ist deutlich reduziert. Wir haben in diesem Jahr nur einen Monat mit normalem Betrieb gehabt, das war der Oktober, alle anderen konnte man vergessen“, erklärt Fluit.

2G-Plus-Regel kommt gefühltem Lockdown gleich

So wie Jakob in St. Wendel und Fluit in Saarbrücken geht es der Gastgewerbe- und der Veranstaltungsbranche im ganzen Saarland. „Wir werden gerade mit Fach- und Sachfragen und großen Nöten bezüglich der 2G-Plus-Regel bestürmt“, konstatiert Frank C. Hohrath, Hauptgeschäftsführer des Deutschen Hotel- und Gaststättenverbands (Dehoga) im Saarland. Und es herrscht wirklich Krisenstimmung mit betretenen Gesichtern und eindringlich-verzweifelten Appellen, als der Dehoga am Freitag zu einer Pressekonferenz lädt, bei der Wirte, Hoteliers, Gastronomen, Kulturschaffende und Veranstalter aus dem Saarland darlegen, wie sie mit der 2G-Plus-Regel klarkommen. Nämlich gar nicht. Die neue Maßnahme hake an mehreren Ecken gewaltig, wie die Unternehmer darlegen. Denn die Vorboten von sich verschärfenden Maßnahmen, steigende Inzidenzen und damit mehr Angst, bekämen sie schon seit der vergangenen Woche zu spüren.

„Ich kämpfe und akzeptiere, dass wir Leben schützen müssen, aber dass all das noch einmal auf unseren Rücken ausgetragen wird, geht nicht“, sagte Michael Buchna, seinerseits Dehoga-Präsident im Saarland und Inhaber des Hotels zur Saarschleife in Orscholz. Es gehe jetzt auch um wirtschaftliche Existenzen. „Wir sind in einem Rabatt-Lockdown, in einem gefühlten Lockdown, und werden mit den staatlichen Hilfen nicht auskommen“, ließ Buchna seinen aufgestauten Frust ab. Im Dezember gehe er mit mehr als 100 000 Euro in Verlust – die finanziellen Hilfen des Staates schon eingerechnet. „Das ist nicht mehr zu ertragen“, sagte Buchna. Wenn er im Normalfall an einem Tag 15 000 Euro umsetzte, seien es am ersten Tag mit 2G-Plus jedoch kaum 800 Euro gewesen.

Test-Infrastruktur ist nicht überall gut

Nicht nur zu wenig Hilfen und verunsicherte Gäste, sondern auch verunsichertes Personal: Buchna gab auch noch zu bedenken, dass der Branche 170 000 Mitarbeiter verloren gegangen seien, und es nun wieder Abwanderungen in andere Branchen geben werde.

Irakli Gogadze, Regionaldirektor von Victor’s Residenz Hotels in Saarbrücken, wies darauf hin, dass die Möglichkeiten für Tests nicht ausreichend seien. „Wir wissen gar nicht, wo wir die Gäste zum Testen hinschicken sollen. Und dann kommen sie nach drei, vier Stunden wieder, oder auch gar nicht.“ Wenn die Politik Regeln wie 2G-Plus aufstelle, solle sie Tests zur Verfügung stellen. Schließlich seien die Kosten für Schnelltests enorm gestiegen, falls es überhaupt noch welche gebe. Die aus der Not geborene Idee, die Tests im Hotel anzubieten, ließe sich demnach nicht umsetzen.

Stornowelle dauert schon jetzt bis Ende März

Für die Veranstaltungsbranche wird es noch enger. Bei Großveranstaltungen gilt 2G und es dürfen nur bis zu 50 Prozent der Kapazität genutzt werden, Clubs und Diskotheken haben seit Donnerstag auf unbestimmte Zeit zu. „Unsere Erfahrung zeigt, dass 85 bis 90 Prozent der Gäste sowieso geimpft waren, deswegen ist 2G aus unserer Sicht nicht nötig“, sagt Jens Spallek, einer der beiden Leiter der der Arbeitsgemeinschaft Veranstaltungswirtschaft des Verbands beim Poprat Saarland. Mit 2G habe die Stornowelle eingesetzt. Als einer der beiden Geschäftsführer der hb Veranstaltungstechnik in Neunkirchen bilanziert er, „wir haben eine Absagequote zwischen 95 bis 96 Prozent, nicht nur im Dezember, sondern bis Ende März“. Und erklärt direkt, was das in der Praxis bedeutet: „Im Konzert- und Clubbereich generieren wir unsere Umsätze und Gewinne hauptsächlich im November, Dezember und Januar, um so über das Jahr zu kommen.“ Da helfe auch keine angekündigte Fixkostenerstattung.

Heiko Renno, Geschäftsführer des Veranstalters Saarevent in Saarbrücken, der am Donnerstag wieder die Garage schließen musste, fragt nach einer dauerhaften Lösung. „Was ist denn im nächsten Winter? Werden wir im Herbst immer zugemacht und sind dann arbeitslos?“ Das könne nicht die Lösung sein.

Es braucht eine Neuauflage der November-Dezember-Hilfe

Und nun? Die, die sonst dafür sorgen, dass Saarländerinnen, Saarländer und deren angereiste Gäste jenseits der guten Stube eine gute Zeit haben – verwöhnt werden, neue Dinge erleben oder es sich einfach nur gut schmecken lassen –, stehen vor der Perspektivlosigkeit. Schon wieder. Als Unternehmer, die all das schon einmal durchlebt haben, wissen sie, was ihnen helfen würde. „Wir brauchen dringend Hilfen, die so ausgestaltet sind wie die November-Dezember-Hilfe im vergangenen Jahr, denn diese hat Umsätze erstattet“, erklärt Buchna.

Dehoga-Hauptgeschäftsführer Hohrath stellt klar, dass das Gastgewerbe seine Türen offen lassen wolle, aber dafür brauche es auch die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen. „Die haben wir bei 2G-Plus nicht, solange wir keine ausreichende Teststruktur haben, die Angst da ist und wir keine passgenauen Hilfen haben.“ Passgenau hieße demnach: mindestens die Fixkosten zu 100 Prozent zu übernehmen, weiterhin eine gesetzliche Aufstockung des Kurzarbeitergeldes und umsatzbezogene Hilfen.