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Corona im Saarland: 1000er-Inzidenz bei Ungeimpften? Jetzt kommen Zweifel auf

Corona im Saarland : Inzidenz bei Ungeimpften „deutlich über 1000“? Warum jetzt daran Zweifel aufkommen

Die Inzidenz bei Ungeimpften im Saarland liege „deutlich über 1000“, sagt Ministerpräsident Tobias Hans (CDU). Doch bei genauerem Blick erscheint die Datenbasis für diese Zahl wackelig.

Es sind Zahlen, die scheinbar für sich sprechen. Mehrfach verglich der saarländische Ministerpräsident Tobias Hans (CDU) zuletzt die Inzidenzen von Geimpften und Ungeimpften. Seine Regierung veröffentlichte die Daten auch in den sozialen Medien – übertragen in bunte Balken. Sie zeigen einen massiven Unterschied, der deutlich machen soll, wie wichtig das Impfen gegen Covid-19 in der vierten Welle der Pandemie ist. Das gilt als weithin unbestritten, eine neue Studie der Berliner Humboldt-Uni kommt zu dem Ergebnis, dass Ungeimpfte an acht von zehn Infektionen beteiligt sein sollen. Aber weiß Hans, wie wackelig die Datenbasis für seinen Vergleich zwischen Geimpften und Ungeimpften ist? Bei den meisten Corona-Fällen im Saarland ist der Impfstatus offenbar unklar.

Hans: Inzidenz bei Ungeimpften „deutlich über 1000“

Das Coronavirus breite sich „in aller erster Linie bei den Nicht-Geimpften“ aus, sagte er vergangene Woche in seiner Regierungserklärung vor dem Landtag. Das untermauerte Hans mit aktuellen Zahlen: „Bei den Geimpften und Genesenen liegt die Sieben-Tage-Inzidenz im Saarland bei etwa 80, bei den Nicht-Geimpften beziehungsweise den Personen, deren Impfstatus nicht bekannt ist, bei über 1200.“ Im SR-Fernsehen erklärte der 43-Jährige noch am Donnerstag, die Inzidenz der Ungeimpften liege „bei deutlich über 1000“. Ein enormer Wert, der die Inzidenzen für Ungeimpfte übertrifft, die das Robert Koch-Institut (RKI) für ganz Deutschland angibt. Diese bewegen sich in den einzelnen Altersgruppen zwischen 135 und 380.

Der Saar-Regierungschef stützt sich auf Daten des Landeskompetenzzentrums für Infektionsepidemiologie, kurz: LKI. Dort berechnen Experten regelmäßig die Sieben-Tage-Inzidenzen für Geimpfte oder Genesene auf der einen, für Ungeimpfte auf der anderen Seite. Aber das LKI liefert noch eine dritte Zahl, nämlich die Inzidenz der „ungeimpften Personen bzw. Personen, deren Impfstatus nicht bekannt ist“. Am 28. November wies das LKI für immunisierte Personen eine Inzidenz von 62,72 aus. Dagegen fiel die Inzidenz bei Menschen ohne Impfschutz mit 278,92 deutlich höher aus. Die von Hans zum Vergleich herangezogene Inzidenz von 1211,13 entfällt jedoch auf die dritte Gruppe, die auch Personen umfasst, deren „Status unbekannt“ ist.

Impfstatus bei den meisten Corona-Fällen im Saarland „unbekannt“

Um eine kleine Gruppe handelt es sich nicht. „Status unbekannt“ – das gilt offenbar für mehr als die Hälfte der Neuinfizierten im Saarland. Bei ihnen wissen die Behörden nicht, ob sie geimpft sind oder nicht. Darunter könnten auch Menschen fallen, die sich das Virus trotz Impfung eingefangen haben. Das Gesundheitsministerium erklärt auf Nachfrage, dass in der Woche vom 22. bis 28. November insgesamt 4354 Infektionen bekannt geworden seien. Eine Impfung wurde bei etwas mehr als einem Fünftel registriert, in 18,69 Prozent der Fälle ist dokumentiert, dass die Infizierten „sicher ungeimpft“ waren. Bei der „Masse aller Fälle“ sei der Impfstatus in der Meldesoftware jedoch nicht erfasst worden, heißt es aus dem Ministerium.

Es geht also, in Zahlen ausgedrückt, um 60,8 Prozent der nachgewiesenen Ansteckungen mit dem Coronavirus, in denen der Impfstatus unklar ist. Was bedeutet, dass die Regierung im Saarland die Inzidenz der Geimpften einer Ansteckungsrate gegenüberstellt, die beim genaueren Hinschauen wenig belastbar erscheint – weil es an Daten mangelt. Zum Vergleich: Auch das RKI weist jeweils Inzidenzen für Immunisierte und Personen ohne Impfschutz aus. Allerdings fehlen der Bundesbehörde nach eigenen Angaben nur zu 15 Prozent der symptomatischen Fälle von Covid-19 ausreichende Angaben zum Impfstatus. Fälle mit unklarer oder unvollständiger Impfung fallen beim RKI aus der Statistik.

Dass solche Daten grundsätzlich Schwächen aufweisen, machen die verantwortlichen Stellen immer wieder transparent. So mussten sich aufgrund der 3G-Regel ungeimpfte Personen regelmäßig testen lassen, während Geimpfte bis zur neuesten Verschärfung der Corona-Regeln in vielen Bereichen keinen Nachweis benötigten. Das kann zu Verzerrungen führen, weil Ansteckungen unentdeckt bleiben. Doch bei den Inzidenzen nach Impfstatus geht es um die Frage, welche Angaben überhaupt erfasst werden – und wie die Politik mit unsicheren Zahlen hantiert.

Streit in Bayern um Inzidenz bei Ungeimpften

In Bayern entbrannte in den vergangenen Tagen ein Streit um den statistischen Vergleich zwischen Geimpften und Ungeimpften. Auch im Freistaat ist der Impfstatus der Neuinfizierten in den meisten Fällen nicht bekannt, nach einem Bericht des Bayerischen Rundfunks betraf das Ende November rund 79 Prozent der gemeldeten Infektionen – erheblich mehr als im Saarland. Das in Bayern zuständige Landesamt für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit schlägt Personen mit unbekanntem Impfstatus den Ungeimpften zu. Anders als im Saarland weist die Behörde also nicht noch eine dritte Inzidenz für diejenigen aus, deren Impfstatus größtenteils nicht dokumentiert ist. So kommt Bayern bei den Ungeimpften auf eine Inzidenz von 1616 (Stand: 2. Dezember).