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Corona im Saarland: Intensivmediziner über die vierte Welle

Corona-Kolumne : Zusammenhalt kann die vierte Welle verhindern

Über ein halbes Jahr berichtete Klinikpersonal aus dem Saarland in der „Corona-Visite“ über den Alltag in der Pandemie. Im vorerst letzten Teil unserer Kolumne wagt Intensivmediziner Konrad Schwarzkopf einen Ausblick auf die nächsten Monate.

Seit Frühjahr 2020 haben wir im Klinikum Saarbrücken mehr als 1200 Corona-Patienten behandelt, fast 300 davon auf unseren Intensivstationen. Wir haben mehr gesehen als jedes andere saarländische Haus. Aktuell müssen nur noch wenige beatmet werden, die dritte Welle ebbt jetzt also ab. Auch außerhalb des Krankenhauses stehen die Zeichen in Bezug auf die Pandemie auf Entwarnung. Wir alle können auf einen eher entspannten Sommer hoffen. Was heißt das für unser Personal? Sonderurlaub? Erholung? Nein, leider nicht. Wir werden uns vielmehr jetzt damit beschäftigen, den Berg an nicht erledigten, weil in Coronazeiten nicht dringlichen Operationen abzutragen: Hüftprothesen, Knieprothesen, Materialentfernungen nach geheilten Knochenbrüchen, kieferchirurgische Eingriffe – einfach all das, was nicht dringlich ist, den betroffenen Patienten aber durchaus Lebensfreude nimmt, bis die Behandlung abgeschlossen ist.

Wie geht es nach dem Sommer mit Corona weiter? Die indische Variante ist auf dem Weg, die britische Variante abzulösen. Auch unter Viren gilt das Darwinsche Diktum vom „Survival of the fittest“. Irgendwo auf der Welt baut die Natur schon an der Variante, die dann die indische Mutante ablösen wird… Um den Teufelskreis der Neumutationen zu brechen, brauchen wir eine durchgeimpfte Bevölkerung.

Was bedroht unseren Impferfolg? Das Problem „Mangel an Impfstoff“ wird sich in einigen Wochen dank eigener innovativer Impfstoffforschung und -produktion in Deutschland von selbst lösen. Hoffentlich steht uns unsere Bequemlichkeit nicht im Weg: Hält die hohe Impfbereitschaft an, wenn die Inzidenzen im Sommer fallen? Hier muss sich jeder an die eigene Nase fassen: Lassen wir uns impfen!

Fake News aus Russland und China, die weltweit die Qualität von Impfstoffen von Biontech und Moderna in Misskredit bringen wollen, helfen da leider nicht. Impfen mache Männer impotent und Frauen gebärunfähig, eine erfolgte Corona-Impfung sei Voraussetzung für eine Abschiebung als Asylbewerber – auch bei uns verbreiten sich leider diese Lügen unter Migranten. Jeder von uns kann sich zu Wort melden, wenn in seiner Gegenwart solche Lügen verbreitet werden. Lassen wir uns unsere Impfkampagne nicht kaputtmachen!

Das führt unmittelbar zu der Frage, ob es eine vierte Welle geben wird. Meiner Meinung nach wird das der Impffortschritt entscheiden. Wenn es eine vierte Welle geben wird, wird es eine Welle sein, die sich aus den städtischen Wohngegenden mit niedrigen Impfraten speisen wird. Deshalb wird eine vierte Welle, wenn sie denn kommt, den gesellschaftlichen Zusammenhalt viel mehr auf die Probe stellen als alles, was wir in den drei vergangenen Wellen erlebt haben. Sorgen wir deshalb dafür, dass sich jede und jeder impfen lassen kann. Das sind wir unserer freien Gesellschaft schuldig.

PD Dr. Konrad Schwarzkopf ist stellvertretender Ärztlicher Direktor des Klinikums Saarbrücken und Chefarzt der Klinik für Anästhesiologie und Intensivmedizin.