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Corona-Kolumne: Mythen und Wahrheiten von der Intensivstation

Corona-Kolumne: Winterberg-Chefarzt berichtet aus seinem Alltag : Mythen und Wahrheiten über Corona auf der Intensivstation

In einer SZ-Kolumne berichten Ärzte und Pflegepersonal aus dem Saarland von ihren Corona-Erfahrungen. Diesmal schreibt der Intensivmediziner Konrad Schwarzkopf vom Klinikum Saarbrücken über Corona-Mythen und den Alltag in der Klinik.

Ich bin Intensivmediziner und arbeite seit zehn Monaten mit Covid-19-Patienten. Wenn ich den Satz höre: „Ein Großteil der Corona-Toten im Saarland starb hochbetagt und lebte in Pflegeeinrichtungen“, sage ich: Stimmt. Trotzdem: Das Alter der zuletzt auf unseren Intensivstationen behandelten Corona-Fälle beträgt 27 Jahre, 46 Jahre, 92 Jahre, 68 Jahre, 44 Jahre, 70 Jahre, 36 Jahre, 60 Jahre, 71 Jahre – also offensichtlich nicht nur alte Menschen aus Pflegeheimen. Richtig ist, dass Corona-Tote häufig alt sind, die Intensivpatienten mit schweren Verläufen und möglicherweise lebenslangen Krankheitsfolgen aber auch aus den mittleren Altersgruppen stammen.

Manche glauben: „Nur Menschen mit Vorerkrankungen und Risikofaktoren erleiden einen schweren Verlauf.“ Wir erleben täglich das Gegenteil: Gerade die jungen Patienten haben keine Begleiterkrankungen, rauchen nicht, sind nicht übergewichtig.

„Die Corona-Pandemie ist nicht schlimmer als die jährlichen Grippewellen“ – auch das hören wir oft. Ja, es ist richtig, dass wir in jeder Grippesaison Grippefälle bei uns auf der Intensivstation haben, vier bis sechs Fälle pro Jahr, manchmal mehr, manchmal an der Herz-Lungen-Maschine. Wir haben bei uns auf Intensiv aber seit Februar mehr als 90 Corona-Patienten behandelt, die meisten davon mussten wir beatmen. An Grippe kann man sterben, ebenso wie an Corona, das ist richtig. Aber die riesigen Fallzahlen der Pandemie und die ungeheuren Langzeitschäden, die eine überlebte Corona-Infektion auslösen können, sowas kennen wir von Grippewellen nicht.

PD Dr. Konrad Schwarzkopf (54) ist stellvertretender Ärztlicher Direktor des Klinikums Saarbrücken und Chefarzt der Klinik für Anästhesiologie und Intensivmedizin. In der Kolumne „Corona-Visite“ berichten Ärzte und Pflegepersonal vom Alltag in der Pandemie.