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Corona: Vergleiche mit NS-Opfern sind „haarsträubender Humbug und gefährlich“

Gastbeitrag von Frank-Matthias Hofmann : Corona: Vergleiche mit NS-Opfern sind „haarsträubender Humbug und gefährlich obendrein“

Der Sprecher der Landesarbeitsgemeinschaft Erinnerungsarbeit im Saarland, Frank-Matthias Hofmann, setzt sich mit der selbst gewählten „Opfer-Attitüde“ mancher Corona-Leugner auseinander. Was sagt Hofmann zu den Vergleichen mit Nazi-Opfern, die diese Querdenker wählen?

Bei einer Anti-Corona-Demonstration in St. Wendel 2020 trägt ein Mann nachweisbar einen gelben Stern mit dem Aufdruck „ungeimpft“.

Ein AfD-Vorsitzender aus dem Saarland läuft in der ersten Reihe bei einer Anti-Corona-Demo in Berlin mit und heftet sich eine „weiße Rose“ ans Revers.

Auf einem Flugblatt eines sogenannten „Bundes gegen Anpassung“, das in Saarbrücken diese Woche in den Briefkästen in der Bayernstraße verteilt wurde, heißt es, dass „Impfskeptikern“ der Zugang zu öffentlichem Leben erschwert oder gar versagt werde, was „dem klassischen Judenstatus zumindest verdammt ähnelt.“ Der Impfnachweis wird als „zeitgemäßer, als elektronische Fußfessel fungierender „Arier“-Nachweis“ tituliert.

Das Infektionsschutzgesetz der Bundesregierung wird mit dem Ermächtigungsgesetz der Nationalsozialisten, mit dem sich Hitler 1933 die uneingeschränkte Macht sicherte, auf eine Stufe gestellt.

Bundesweit bekannt geworden sind zwei Beispiele für missbräuchliche Vergleiche mit Opfern des NS-Regimes: Die 22-jährige Jana aus Kassel, die auf einer Rede bei einer Querdenker-Demo in Hannover behauptet, sie sei im Widerstand und fühle sich wie Sophie Scholl. Bei einer anderen Veranstaltung gleicher Couleur sagt ein elfjähriges Mädchen, sie habe bei ihrem Geburtstag aus Angst, von den Nachbarn verpetzt zu werden, heimlich gefeiert: „Ich fühlte mich wie bei Anne Frank, wo sie mucksmäuschenstill sein mussten, um nicht erwischt zu werden.“

Es ist furchtbar, dass jemand, der wie Jana gerade lauthals seine Meinung öffentlich kundtut, sich überhaupt mit einem NS-Opfer vergleicht. Sophie Scholl gehörte wie Willi Graf aus Saarbrücken zur Widerstandsgruppe „Weiße Rose“, die ab 1942 an der Münchner Universität mit Flugblättern zum Widerstand gegen den Nationalsozialismus aufgerufen hatte. Die Mitglieder wurden denunziert, verhaftet, zum Tode verurteilt, im Gefängnis München-Stadelheim grausam hingerichtet.

Das jüdische Mädchen Anne Frank hatte sich im von Deutschland besetzten Amsterdam monatelang zusammen mit ihrer Familie in einem Hinterhauszimmer versteckt, bis sie entdeckt und im KZ Bergen-Belsen ermordet wurde.

Was passiert in allen diesen Beispielen, die sich beliebig verlängern ließen? Solche Vergleiche sollen suggerieren, dass die coronabedingten Einschränkungen zum Schutz der Gesundheit der Bevölkerung eine „Corona-Diktatur“ zur Folge hätten, die Menschen genauso zu Opfern mache wie die Verfolgungs- und Vernichtungspolitik der Nazis. Durch den Vergleich mit NS-Opfern stilisiert man sich selbst als Opfer, versucht auf diese Weise, Aufmerksamkeit zu erheischen.

Das alles ist haarsträubender Humbug und gefährlich obendrein: Es stellt eine erschreckende Verhöhnung der NS-Opfer dar, bedient antisemitische Klischees, verharmlost die Nazi-Verbrechen. Diese – nicht nur, aber vorwiegend – rechte Szene versucht, die Ereignisse, die historisch einzigartig sind, und die Gräueltaten und schwersten Verbrechen in der NS-Zeit, aus dem Zusammenhang zu reißen und zu relativieren.

Der unbestreitbar nach demokratischen Spielregeln zu führende politische Diskurs über in dieser gesellschaftlichen Krisensituation geeignete Maßnahmen zur Pandemiebekämpfung wird radikalisiert. Die gesellschaftliche Spaltung der Gesellschaft wird so ohne Not vertieft, ohne dass es ein sinnvoller Beitrag zu einer vernünftigen Diskussionskultur wäre, der versöhnend wirken könnte.

Der Historiker Jens-Christian Wagner sieht auch in der Erinnerungskultur Defizite: Man habe sich zu sehr „auf die Identifikation mit den NS-Opfern beschränkt, statt danach zu fragen, warum diese Menschen zu Opfern wurden.“ Man müsse verstehen, was die Täter antrieb „und warum die meisten Deutschen im Nationalsozialismus bereitwillig mitmachten“. Auch das trage dazu bei, dass sich jemand wie die junge Jana aus Kassel derartig mit den Opfern identifiziere oder sich selbst als Verfolgte sehe.

Hieran weiter zu arbeiten ist Aufgabe auch der Landesarbeitsgemeinschaft Erinnerungsarbeit im Saarland die seit Herbst 2018 besteht. Einstweilen aber gilt die schlichte wie eingängige Faustregel: Bitte alle NS-Vergleiche nicht nur in der derzeitigen Krisensituation unterlassen. Weder Sophie Scholl noch Anne Frank haben als NS-Opfer etwas mit Corona zu tun. Rauben wir ihnen nicht auch noch posthum ihre Würde.

Frank-Matthias Hofmann ist Sprecher der Landesarbeitsgemeinschaft (LAG) Erinnerungsarbeit im Saarland und evangelischer Kirchenrat