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Infektion gilt im Saarland nicht als Booster - Kritik von Jürgen Rissland

Streit um Nachteil bei Test-Pflicht : Warum eine Infektion von Geimpften im Saarland nicht als Booster zählt

Für dreimal Geimpfte entfällt im Saarland derzeit die Testpflicht. Wer sich nach einer doppelten Impfung infiziert hat, gilt aber nicht als geboostert. Die Unterscheidung ist bei Experten durchaus umstritten – und ärgert nicht nur die IHK. Sie könnte aber fallen.

Es war für viele Saarländer eine Enttäuschung, als das Land Anfang Dezember seine in Aussicht gestellten Erleichterungen der Corona-Regeln präzisierte: Zwar braucht, wer eine Booster-Impfung erhalten hat, seit 11. Dezember bei 2G-Plus-Events keinen tagesaktuellen negativen Corona-Test. Saarländer, die nach einer doppelten Impfung eine Corona-Infektion durchgemachten haben, mussten aber erfahren: Ihre Erkrankung zählt nicht als Boosterung, ihr positiver PCR-Test ist kein Freiticket bei 2G-PLus. Sie müssen weiter einen Test machen, bevor sie Sport in der Halle betreiben, zum Friseur, in die Kneipe oder in die Oper gehen.

Eine Entscheidung, die manchen irritiert, wie auch Leser-Anfragen an unsere Zeitung zeigen. Schützt nicht gerade eine überstandene Krankheit vor dem Virus? Misslich zudem: Wer gerade Corona hatte, soll nach aktuellen Empfehlungen des Robert-Koch-Instituts (RKI) erst nach sechs Monaten eine Auffrischungs-Impfung erhalten. Also ein weiteres halbes Jahr Testpflicht bei 2G-Plus – trotz Doppelimpfung und überstandener Erkrankung? Auch die IHK im Saarland forderte am Freitag, diese Schlechterstellung zu beenden, damit mehr Menschen die Gastronomie und körpernahe Dienstleistungen ohne Aufwand nutzen können.

Experten gaben andere Empfehlung

Die Entscheidung, im Saarland so zu verfahren, war wohl eine politische. Ein Experten-Gremium, das die Landesregierung vor der Lockerung für Geboosterte zu Rate gezogen hatte, hielt es nach Informationen der Saarbrücker Zeitung durchaus für vertretbar, einen positiven PCR-Test bei Doppelt-Geimpften als Boosterung anzuerkennen. Dem Vernehmen nach spielte bei der Entscheidung der Landesregierung Anfang Dezember aber eine Rolle, dass Rheinland-Pfalz bereits eine Bonus-Regel für Dreifachgeimpfte hatte, die Genesene nicht erfasste und über die man nicht hinausgehen wollte. Stichwort: Kein Flickenteppich bei Corona-Regeln. Zudem sollte wohl auch der Gesundheitsministerkonferenz nicht vorgegriffen werden, die sich am vergangenen Dienstag traf und mit dem Thema beschäftigte.

Virologe Rissland: Infektion gleichwertig

Der Homburger Virologe Dr. Jürgen Rissland, der zu den Beratern der Landesregierung gehört, erläuterte auf Anfrage der SZ, ihm selbst falle es aus „immunologischer und aus infektionsepidemiologischer Sicht schwer, einen Unterschied zwischen Dritt-Impfung und Durchbruchsinfektion“ in Bezug auf die gegenwärtig noch vorherrschende Delta-Variante zu erkennen. Entscheidend sei die Zahl der „Immunisierungsereignisse“, von denen mehrere erforderlich seien, um einen ausreichenden Schutz zu erhalten. Das könnten sowohl Impfungen als auch natürliche Infektionen sein. Die Immunantwort bei einer natürlichen Boosterung durch Infektion sei vielleicht im Mittel nicht höher, aber breiter als bei einer Impfung, da diese nur an bestimmten Stellen des Corona-Erregers ansetze. Genesene hätten zudem in der Regel einen niedrigeren Antikörper-Titer als Geimpfte, bei Letzteren nehme er aber im Schnitt tendenziell schneller ab.

Restrisiko bleibt

Allerdings räumte Rissland ein, dass bei einer Infektion die Virusmenge, mit der der Körper konfrontiert werde, nicht standardisiert – die Datenlage zur Wirkung der Infektion daher schwächer als bei der Impfung sei. Trotz des verbundenen Restrisikos sei eine Gleichbehandlung beider Gruppen aber vertretbar. Immerhin können sich auch Dreifach-Geimpfte infizieren und das Virus übertragen, wenn sie ungetestet zu 2GPlus-Events gingen – zudem böten auch die Schnelltests keine absolute Sicherheit. In der Epidemie zählten nicht die einzelne Maßnahme, so Rissland, sondern Maßnahmenpakete, um das Übertragungsrisiko insgesamt zu verringert – vor allem das Maskentragen.

RKI und Stiko sollen Regelung überprüfen

Rissland kann sich vorstellen, dass die Ständige Impfkommission (Stiko) die Gleichbehandlung einer Durchbruchsinfektion mit einer Booster-Impfung befürworten wird. Auf die Stiko und das RKI verweist auch das Land. Eine endgültige Stellungnahme von dieser Seite sei notwendig, damit die Genesung nach Grundimmunisierung als „Booster“ anerkannt werden könne, so das saarländische Gesundheitsministerium. Eine solche Stellungnahme stehe derzeit noch aus. Eine Klärung hat am Dienstag auch die Gesundheitsministerkonferenz der Länder auch vom Bundesgesundheitsministerium erbeten. Die Prüfung laufe noch, hieß es dort am Freitag auf Anfrage.

Privileg nicht gesichert

Allerdings können sich auch die durch Impfung Geboosterten ihres Test-Privilegs nicht auf Dauer sicher sein. „In Abstimmung mit Experten und auf Grundlage der aktuellen Erkenntnisse des RKI und der Stiko“ soll auch geprüft werden, wie lange eine Testbefreiung für Personen, die eine Booster-Impfung erhalten haben, epidemiologisch möglich ist, teilte das Saar-Ministerium mit. Auch GMK-Chef Klaus Holetschek (CSU) stellte nach der Ministerrunde am Dienstag klar: „Wenn sich – etwa im Hinblick auf Omikron – neue Erkenntnisse ergeben, werden wir den heutigen Beschluss auf den Prüfstand stellen. Spätestens in acht Wochen werden sich Bund und Länder noch einmal über die Regelung austauschen und sie dann an die neue Lagedynamik anpassen.“