1. Saarland
  2. Landespolitik

„Mammutprojekt“: Startschuss für den digitalen Unterricht im Saarland

Tablets für Sechstklässler : „Mammutprojekt“: Startschuss für den digitalen Unterricht im Saarland

Die Zeit der klassischen Schulbücher ist bald vorbei. Bis zum Schuljahr 2022/23 sollen alle saarländischen Schüler ab der dritten Klasse und Lehrkräfte mit Tablets ausgestattet sein. Welche Schulen wann starten, wie der Unterricht abläuft – und wo es derzeit noch hakt.

Abdullah weiß genau, was er machen muss. „Zuerst logge ich mich hier mit einem Passwort ein“, erklärt er und zeigt, wie einfach das geht. Auf dem Bildschirm erscheint eine Übersicht, ein digitales Schulbuchregal. Darin stehen virtuell das Mathebuch, das Deutsch- und das Englischbuch. Die analogen Schulbücher liegen derweil hinter Abdullah in einem Spint. Der 14-Jährige braucht sie nur noch selten – ab kommendem Schuljahr im besten Fall gar nicht mehr. So zumindest das Ziel von Saar-Bildungsministerin Christine Streichert-Clivot (SPD).

Die landesweite systematische Medienausleihe Saar, kurz LSMS 2.0, soll ab 2022/23 die herkömmliche, analoge Schulbuchausleihe ersetzen. Alle Schülerinnen und Schüler ab der dritten Klasse – insgesamt rund 90 000 –, aber auch die Lehrerinnen und Lehrer sollen flächendeckend mit Tablets und digitalen Lerninhalten ausgestattet werden. Die Kosten: 50 Millionen Euro. Ein „Meileinstein“, aber auch ein „Mammutprojekt“, sagt Streichert-Clivot. Jetzt ist die Pilotphase der Medienausleihe gestartet. Bis spätestens nach den Herbstferien sollen zunächst alle rund 8300 Sechstklässler der Gemeinschaftsschulen und Gymnasien im Saarland ein Endgerät erhalten. Für die Ausstattung sind die Landkreise als Schulträger verantwortlich. Abdullah und seine Mitschüler der Gemeinschaftsschule Neunkirchen-Wellesweiler haben bereits vergangene Woche ihre Tablets bekommen und legen am Montag los.

Es ist kurz nach neun Uhr. Englischlehrerin Andrea Kockler steht vor ihrer Klasse. Hörverstehen ist angesagt. Über Lautsprecher hören die Schüler eine Geschichte auf Englisch. Parallel dazu müssen sie auf ihren Tablets ein Quiz bearbeiten. Es sind Multiple Choice-Fragen – die Schüler können immer zwischen zwei Antworten wählen. Liegen sie falsch, wird ihnen das direkt angezeigt.

Mit Fingern tippen und wischen, statt mit Stiften kritzeln und radieren. „Das ist viel besser als vorher“, sagt Abdullah. „Das Tablet lässt sich einfacher bedienen.“ Einfacher ist für Abdullah besonders wichtig. Er hat eine Sehschwäche, normale Schriftgrößen in Büchern und auf Arbeitsblättern kann er nicht deutlich erkennen. Seine Lehrer haben ihm vorher die Unterrichtsmaterialien immer in größerer Schrift ausgedruckt. „Jetzt kann ich selbst mit zwei Fingern auf dem Tablet ‘ranzoomen“, freut sich der 14-Jährige und vergrößert mit einer schnellen Handbewegung den Text. Lernen und arbeiten mit dem Tablet – das ermögliche auch eine „sehr individualisierte Form des Unterrichts“, betont Bildungsministerin Streichert-Clivot, die am Montag in der Schule zu Besuch war.

„Mammutprojekt“: Startschuss für den digitalen Unterricht im Saarland
Foto: MBK/Cuvée

Die Geräte und die digitalen Medien seien für viele Kinder und Jugendliche nichts Neues. Und so kämen sie „insgesamt auch gut klar damit“, sagt Lehrerin Kockler. „Es ist auch spannender für sie. Sie haben mehr Lust, etwas zu machen.“ Es sei ein „unheimlich motivierendes Medium, mit dem die Schüler total gerne arbeiten“, ergänzt Ulrike Rothermel, stellvertretende Schulleiterin.

Und für die Lehrer? Kockler und ihre Kollegen haben sich im Rahmen eines pädagogischen Tages intensiv mit den neuen Geräten und Anwendungen auseinandergesetzt. „Vieles funktioniert über Ausprobieren. Learning by doing, sozusagen.“ Das Quiz zum Hörverstehen hat Kockler zum Beispiel selbst entwickelt. Das digitale Schulbuchregal, der Grundstock, läuft über das landeseigene Bildungsportal Online-Schule Saarland (OSS). Zum digital gestützten Unterrichten mit der Cloud bietet das Landesinstitut für Pädagogik und Medien (LPM) Fortbildungen an.

Noch haben nicht alle der 9400 Lehrinnen und Lehrer im Saarland ihr Endgerät. Das soll bis spätestens Ende der Herbstferien erfolgen. Die Verzögerung ist in Teilen auch einer Dienstvereinbarung geschuldet, die die Hauptpersonalräte aller Schulformen nach intensiver Diskussion am 23. September unterzeichneten. Darin geregelt sind rechtliche Fragen zur Einführung dienstlicher E-Mailadressen sowie zu den Leihgeräten.

Verhandlungen mussten auch mit den Schulbuchverlagen geführt werden. Am 29. September wurde eine entsprechende Kooperationsvereinbarung mit dem Verband Bildungsmedien für dieses Schuljahr getroffen, damit die Schulbücher digital mit und ohne eine Internetverbindung in der OSS abrufbar sind. Eine Vereinbarung für das Schuljahr 2022/23 sei in Arbeit. Immerhin geht es hier auch um die Kostenfrage für die Eltern. Keine Preissteigerung im Vergleich zur analogen Schulbuchausleihe ist das Ziel.

Auch wenn es toll sei, dass „Schüler nun mit allen Sinnen lernen können“, sagt Neunkirchens Landrat Sören Meng (SPD). So sei für seinen Landkreis als Träger die Ausstattung der Schulgemeinschaft doch durchaus „eine Herausforderung“. Bis zum kommenden Schuljahr müssen im Kreis rund 4300 Geräte ausgegeben werden. Für Administration, Wartung und Support der Geräte richten die Landkreise eigene Kompetenzzentren ein, genannt Komsa. Acht Personen bilden aktuell das Team im Landkreis Neunkirchen, das eng mit den Schulen zusammenarbeite, sagt Meng. Es ist bei Problemen erste Anlaufstelle.

Ein Problem – die Internetverbindung. „Wenn wir alle gleichzeitig die Tablets nutzen, ist das Internet etwas langsam“, sagt Abdullah. Tatsächlich dauert es etwas, bis am Montagmorgen bei allen Schülern die Verbindung steht. Die Schule ist noch nicht an das Glasfasernetz angeschlossen. Für den Anschluss der Schulen an das Netz im Rahmen des Gigabit-Paktes ist aber die Staatskanzlei zuständig. Deren Ziel: Bis Ende 2022 sollen alle Schulen gleich schnell unterwegs sein.