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Oskar Lafontaine: Corona-Thesen im Faktencheck – was ein Impf-Experte sagt

Acht Corona-Behauptungen unter der Lupe : Faktencheck: Was ein Experte zu Oskar Lafontaines Thesen über die Impfung sagt

Die Aussagen von Oskar Lafontaine zu Corona-Impfungen lösen im Landtag regelmäßig hitzige Debatten aus. Die SZ hat einem Forscher acht seiner Thesen zum Fakten-Check vorgelegt.

Oskar Lafontaines Aussagen zur Corona-Impfung schlagen hohe Wellen. Wirtschaftsministerin Anke Rehlinger (SPD) warf ihm vor, Verschwörungstheorien zu verbreiten. Die Linksfraktion forderte Rehlinger daraufhin in einem offenen Brief auf, Belege dafür vorzulegen. Lafontaine selbst hielt den Medien vor, „Haltungsjournalismus“ zu betreiben und unliebsame Argumente in Sachen Corona-Impfung zu verschweigen.

Wir haben daher die mit Impf-Fragen befasste wissenschaftliche Fachgesellschaft, die Deutsche Gesellschaft für Immunologie (DGfI), gebeten, einige Impf-Thesen Lafontaines einem Fakten-Check zu unterziehen. Dies tat für die DGfI Carsten Watzl, der in den USA und in Heidelberg forschte und seit 2011 Professor für Immunologie an der TU Dortmund ist.

Die Wirkungsweise der aktuell zugelassenen Impfstoffe wurde massiv überschätzt.

WATZL Nein, die Impfstoffe tun aktuell immer noch genau das, was sie tun sollen: Sie schützen vor einem schweren Verlauf, auch noch mehr als sechs Monate nach der Impfung. Es gibt Studien, dass sie das wahrscheinlich auch ein Jahr nach der zweiten Impfung noch tun. Was nachlässt, ist der Schutz vor der reinen Infektion. Das war allerdings der Bonus, der oben drauf kam, auch wenn das manchmal nicht so kommuniziert wurde.

 Carsten Watzel, Professor für Immunologie und Impf-Experte, widerspricht dem Linken-Politiker entschieden und rät: Auch 30-Jährige sollten sich unbedingt impfen lassen.
Carsten Watzel, Professor für Immunologie und Impf-Experte, widerspricht dem Linken-Politiker entschieden und rät: Auch 30-Jährige sollten sich unbedingt impfen lassen. Foto: dpa/-

30-Jährige haben in der Regel keinen schweren Krankheitsverlauf.

WATZL Das ist richtig. Aber auch 30-Jährige können an Corona erkranken und sogar daran sterben. Die Fallsterblichkeit bei einem 30-Jährigen liegt ungefähr bei 0,03 Prozent. Das ist umgerechnet einer von ca. 3000 Infizierten. Demgegenüber sind die Nebenwirkungen der Impfung deutlich geringer. Die Herzmuskelentzündung tritt bei 30-jährigen Männern ungefähr bei einem von 20 000 Geimpften auf, wenn es hochkommt. Das sind meist milde Fälle, die mit ein bisschen Ruhe und Ibuprofen weggehen. In der Risikoabschätzung ist es für einen 30-Jährigen deshalb viel sicherer, sich impfen zu lassen, als sich dem Risiko der Infektion auszusetzen. Diese positive Risikoabschätzung gilt für alle Altersgruppen ab zwölf Jahren.

Die Immunreaktion, die nach einer Infektion erworben wird, ist bei jungen Menschen besser als nach einer Impfung.

WATZL Nein, das stimmt so nicht. Die Antikörper, die Menschen nach einer Infektion machen, sind sehr variabel. Bis zu 20 Prozent der Menschen machen nach einer Infektion gar keine Antikörper. Es gibt auch Leute, die nach einer Infektion mehr Antikörper machen als zweimal Geimpfte. Im Mittel ist es so, dass Genesene geringere Antikörper haben als Geimpfte. Daher sind die Geimpften auch besser geschützt. Es kann sein, dass die Antikörper bei den Genesen etwas langsamer abfallen als bei den Geimpften. Das heißt, dass man als Genesener etwas weniger, aber dafür etwas länger geschützt ist. Fairerweise muss man sagen: Der beste Schutz, den wir aktuell kennen, ist die Kombination aus Infektion und Impfung. Man kann also auch Menschen, die eine Infektion durchgemacht haben, nur empfehlen, sich rund sechs Monate danach impfen lassen.

Die in Deutschland verimpften Impfstoffe sind nur bedingt zugelassen und genbasiert.

WATZL Richtig. Die bedingte Zulassung geht noch bis Januar, und dann werden sie normal zugelassen. Es gibt keinen Grund, dass es diese normale Zulassung nicht geben wird, weil die Impfstoffe mittlerweile oft verimpft wurden und wir viele Daten darüber haben. Die mRNA-Impfstoffe sind wie auch Vektorimpfstoffe genbasiert, weil sie auf Gentechnik beruhen. Auch der Hepatitis-B-Impfstoff oder Insulinspritzen sind genbasiert. Das ist nichts Schlimmes!

Das Argument, eine höhere Impfquote hätte Deutschland vor einer vierten Welle geschützt, ist durch die Entwicklung in Ländern mit höherer Impfquote wie Island, Dänemark und Irland oder Schweden (Impfquote etwas niedriger als in Deutschland, Inzidenz 60) mehr als in Frage gestellt.

WATZL Nein, es gibt diese Korrelation ganz klar. Man muss nicht auf die gesamte Impfquote schauen, sondern auf die Impfquote unter den Vulnerablen und den über 60-Jährigen. Und man muss berücksichtigen, dass sich in Schweden doppelt so viele Menschen infiziert haben und leider auch doppelt so viele Menschen gestorben sind wie in Deutschland. Das heißt, sie haben viel mehr Menschen mit einer natürlichen Immunität. Ich finde erstaunlich, dass Herr Lafontaine Länder mit hoher Impfquote wie Portugal oder Spanien nicht erwähnt. Die haben zwar aktuell auch wieder steigende Inzidenzen, aber keinen wirklichen Anstieg in der Belastung der Intensivstationen. Nur eine hohe Impfquote hätte die vierte Welle verhindern können. Wir sehen das ganz klar, wenn wir uns die Krankenhausbelegung und schweren Fälle aufgeschlüsselt nach Geimpften und Nicht-Geimpften anschauen. Hätten wir nur noch Durchbruchsinfektionen bei Geimpften, wäre die vierte Welle vorbei.

Über mögliche Spätfolgen der Corona-Impfungen ist zu wenig bekannt. Das RKI schreibt in seinem „Impfbuch für alle“ vom Mai 2021 selbst: „Noch länger dauert die Beobachtung möglicher Spätfolgen. Denn natürlich kann man bei einer Impfung, die erst seit ein paar Monaten verabreicht wird, noch nicht wissen, ob und welche Spätfolgen nach ein paar Jahren auftauchen.“

WATZL Immer noch auf Spätfolgen rumzureiten, ist nicht seriös. Oskar Lafontaine weiß selbst, dass das falsch ist. Eine fehlgeleitete Immunreaktion auf den Impfstoff kann einen Schaden verursachen, das sehen wir zum Beispiel bei der Herzmuskelentzündung oder der Sinusvenenthrombose. Die Immunreaktion auf die Impfung ist aber nach wenigen Wochen abgeschlossen, der Impfstoff ist dann aus dem Körper verschwunden. Das heißt: Jegliche Nebenwirkung oder jeglicher Schaden passiert innerhalb weniger Wochen. Manchmal kann es etwas länger dauern. Bei einem sehr seltenen Schaden kann es auch viel länger dauern, bis man ihn entdeckt, weil man erst genügend Leute impfen muss. Genau das meint das RKI mit dieser Stellungnahme. Die Impfstoffe gegen Corona sind aber schon so oft verimpft, dass wir selbst die seltensten Nebenwirkungen, die nur eine von 200 000 Personen betreffen, kennen.

Die Wissenschaft ist sich nicht einig, wie sich die Corona-Impfung auf die Bildung möglicher Virusmutationen auswirkt. Eine ganze Reihe renommierter Wissenschaftler geht davon aus, dass die Impfung zu neuen Varianten führen wird, die die jetzige Impfung umgehen und dann noch gefährlicher sein können.

WATZL Die meisten renommierten Wissenschaftler, die ich kenne, behaupten genau das Gegenteil. Es gibt Daten, die sehr schön zeigen, dass Länder mit einer hohen Impfquote eine geringere Mutationshäufigkeit beim Coronavirus haben als Länder mit einer geringeren Impfquote. Das Schlimme ist ja: Wenn man diese These ernst nehmen würde, dürften wir gar nicht mehr impfen, damit wir keine Mutationen entstehen lassen. Damit würden wir uns komplett durchinfizieren, wären danach immun und dann würden auch wieder Mutationen entstehen, um dieser Immunantwort zu entgehen. Das Argument ist deshalb nicht zielführend.

Die Bundesregierung und die europäische Zulassungsbehörde EMA sind dafür verantwortlich, dass viele, die sich mit einem herkömmlichen Impfstoff impfen lassen würden, auch nach einem Jahr noch kein entsprechendes Angebot bekommen haben, da beispielsweise der chinesische Impfstoff CoronaVac immer noch nicht zugelassen ist, obwohl er weltweit milliardenfach verimpft wird.

WATZL CoronaVac ist ein Impfstoff, der auf abgetöteten Coronaviren beruht. Das Zulassungsverfahren bei der EMA ist noch nicht abgeschlossen, weil noch Daten fehlen. Der Impfstoff ist wahrscheinlich ähnlich sicher wie die anderen. Wir wissen aber, dass er deutlich schlechter schützt. Es gibt Länder, in denen CoronaVac eingesetzt wurde und schon im Sommer klar war, dass zwei Impfungen nicht reichen werden. Wenn Herr Lafontaine sagt, dass die zugelassenen Impfstoffe nicht so gut wirken und dann einen Impfstoff propagiert, der noch schlechter wirkt, finde ich das schon bemerkenswert. Wenn alle Daten vorliegen, kann es zu einer Zulassung durch die EMA kommen. Dann werden die Leute merken, dass sie mit diesem Impfstoff schlechter geschützt sind als mit mRNA-Impfstoffen. Aber ehrlich gesagt ist es mir lieber, wenn sich eine Person, die sich sonst gar nicht impfen lassen würde, mit CoronaVac oder anderen abgetöteten Viren impfen lassen würde. Jeder Impfschutz ist besser ist als gar kein Impfschutz.