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Saarland: Frauenarzt über Hilfe nach Vergewaltigung - „Gibt zwei Formen von Spuren“

Vertrauliche Spurensicherung im Saarland : Hilfe für Frauen nach einer Vergewaltigung: „Es gibt zwei Formen von Spuren“

Vergewaltigungen werden selten angezeigt. Im Saarland gibt es für Frauen, die sexualisierte Gewalt erlebt haben, die vertrauliche Spurensicherung. Im SZ-Interview erklärt Frauenarzt Dr. Klaus-Henning Kraft aus Dudweiler das Hilfsangebot.

Herr Dr. Kraft, Sie bieten Opfern sexualisierter Gewalt in Ihrer Praxis in Dudweiler eine vertrauliche Spurensicherung an. Was ist darunter zu verstehen?

KLAUS-HENNING KRAFT Wir sichern die Spuren eines Gewaltgeschehens für Frauen, die sich hierfür nicht an Polizei oder Staatsanwaltschaft wenden. Das Angebot richtet sich an Frauen, die diese Untersuchung im vertraulichen, geschützten Bereich haben möchten, ohne sofort ein Strafverfahren in Gang setzen zu wollen.

Sie begegnen den Betroffenen in der Regel unmittelbar nach der Tat. Wie läuft Ihre Arbeit unter diesen Umständen ab?

KRAFT Die Betroffenen werden an uns vermittelt oder nehmen telefonisch zu uns Kontakt auf. Wir versuchen, zeitnah einen Untersuchungs- und Gesprächstermin zu vereinbaren, möglichst tagesgleich. Dafür muss ein zeitlicher Freiraum von zirka einer Stunde geschaffen werden, was innerhalb einer Klinik oder in einer Praxis nicht immer sofort möglich ist.

Wissen Sie, wie die Frauen auf Sie aufmerksam werden?

KRAFT Die Frauen werden entweder durch eine Beratungsstelle wie den Frauennotruf im Saarland oder die Leitstelle des Notrufs an uns verwiesen, gelegentlich auch durch eine Anwältin. Manche finden die Adressen auch im Internet oder über das deutschlandweite Hilfetelefon Gewalt gegen Frauen.

Was geschieht mit den Spuren, die Sie sichern?

KRAFT Es gibt zwei Formen von Spuren: Zum einen hat die Patientin die Möglichkeit zu schildern, was sie erlebt hat. Das ist für eine eventuell sich anschließende Gerichtsverhandlung wichtig. Denn wenn es erst nach Monaten zu einem Verfahren kommt, ist die Erinnerung oft nicht mehr so präsent. Wir sichern die Schilderung des Erlebten, indem wir sie dokumentieren, aufnehmen, schriftlich fixieren. Zum anderen gibt es Gewaltspuren wie Verletzungen oder Hämatome, also blaue Flecken, im Einzelfall auch DNA-Spuren nach einer Vergewaltigung.

Was sind die Motive der Betroffenen, nicht zur Polizei zu gehen, aber Beweise durch Sie sichern zu lassen?

KRAFT Eine Vielzahl von Gewaltvergehen gegen Frauen geschieht im sozialen Nahfeld. Das heißt, die Täter sind Partner oder ehemalige Partner, Familienangehörige. Eine Anzeige bei der Polizei birgt da ein hohes Konfliktpotenzial. Das spielt insbesondere eine große Rolle, wenn Kinder da sind. Oder wenn Frauen zunächst keine Möglichkeit sehen, sich in Schutz zu bringen. Dann brauchen sie einfach länger Zeit. Bei der vertraulichen Spurensicherung werden die Spuren zwar gesichert, aber der Betroffenen steht es frei, wann sie für sich Konsequenzen zieht.

Wie können Sie Opfern helfen, die erst mit einem größeren zeitlichen Abstand zu Ihnen kommen?

KRAFT Viele brauchen erstmal psychologische Unterstützung. Die können wir als Frauenärzte nur in einem eingeschränkten Maß leisten. Für eine Erstversorgung werden wir in Fortbildungen geschult. Ansonsten geben wir den Frauen Sicherheit, indem wir sie untersuchen und ihnen bestätigen, dass keine nachhaltigen Verletzungen entstanden sind. Das Wichtigste ist jedoch, einfach zuzuhören, den Hilfsbedarf zu erspüren und die Frauen an das entsprechende Hilfesystem zu verweisen.

Was müssen die Frauen an persönlichen Informationen über sich preisgeben?

KRAFT Wenn ich Beweismaterial sammele und es im Sinne der Betroffenen verwertbar sein soll, muss ich natürlich wissen, um wen es sich handelt. Das heißt, ich brauche zumindest den Namen, Vornamen und das Geburtsdatum. Als Mediziner bieten wir den Vorteil, dass wir der ärztlichen Schweigepflicht unterliegen. Das sagen wir auch der Betroffenen. Das heißt: Alles, was wir über sie, von ihr oder auch an Spuren sichern, das bleibt in der Arztpraxis oder im Untersuchungsbereich einer Klinik. Und ist für Fremde nur dann zugänglich, wenn die Betroffene uns tatsächlich von der Schweigepflicht entbindet.

Wie viele Frauen haben sich in den vergangenen Jahren an Sie gewandt?

KRAFT Wir haben im Saarland das System, dass wir einige Kliniken haben, die rund um die Uhr zur Verfügung stehen, und in jedem Landkreis zwei bis drei Praxen, die die vertrauliche Spurensicherung anbieten. Pro Praxis bewegt sich das in einem kleinen einstelligen Bereich. Das heißt, es ist da und dort nur eine Untersuchung, an anderen Stellen sind es zwei bis vier, in einzelnen Kliniken bis zu zehn.

Wissen Sie, ob es in einem der Fälle später zu einer Anzeige gekommen ist?

KRAFT Wenn Spuren gesichert werden, gehen diese im Rahmen der ärztlichen Schweigepflicht zur Aufbewahrung an die Gerichtsmedizin in Homburg. Dort lagern die sogenannten Spuren-Kits, kleine Kisten, ungefähr in der Größe eines Leitz-Ordners. Die werden dort abgerufen und den Ermittlungsbehörden zugänglich gemacht, wenn die Patientin die Strafverfolgung einleitet und den Arzt von der Schweigepflicht befreit. Es gibt immer wieder Fälle. Mal war die Betroffene nach drei Tagen soweit, dass sie sich zu einer Anzeige entschlossen hat. Mal dauert es ein halbes oder ein ganzes Jahr. Manchmal kommt es nie zu einer Anzeige.