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Streit um Gender-Sprache in der Politik im Saarland

Streit um Gender-Sprache in der Saar-Politik : Kleiner Stern mit gro?em Konfliktpotenzial

Gender-Sprache h?lt in der Saar-Politik Einzug, eine Vorreiterrolle ?bernimmt ausgerechnet ein CDU-Politiker. Auch an der Saar-Universit?t wird das Thema forciert ? mit mancher Stilbl?te.

Wenn das saarl?ndische Bildungsministerium die Corona-Schnelltests an Grundschulen erkl?rt, dann liest sich das in etwa so: ?rzt*innen und Apotheker*innen nehmen bei den Sch?ler*innen den Abstrich vor. Der Stern, der als kurze Pause gesprochen wird, steht f?r Personen, die sich in der Einteilung der Menschheit in Mann und Frau nicht wiederfinden ? und er ist in der amtlichen Kommunikation auf dem Vormarsch.

In der Landespolitik gendert niemand so konsequent wie Ministerpr?sident Tobias Hans (CDU), selbst auf dem linken Fl?gel der Gr?nen d?rfte sich kaum jemand finden, der ihm diesbez?glich Konkurrenz macht. Wenn er spricht, wimmelt es nur so von Grenzg?nger*innen, Patient*innen, Wissenschaftler*innen und Minister*pr?sidentinnen (konsequenterweise m?sste es allerdings Minister*innenpr?sident*innen hei?en). ?Ich wollte nie nur zu M?nnern reden und Frauen einfach ungesagt mitmeinen?, sagt Hans. Vereinzelt ?bertreibt er es allerdings auch, etwa als er vor einem Jahr nicht nur die Mitglieder seines Digitalisierungsrates lobte, sondern auch die ?Mitgliederinnen? ? wo doch ?das Mitglied? weder m?nnlich noch weiblich ist.

Gendern ist zu einem Symbol in einem Kulturkampf geworden, der auch die Landespolitik l?ngst erreicht hat. Die AfD-Fraktion im Landtag fordert in einem Antrag die Regierung auf, komplett auf Gendersprache zu verzichten. Ihre Begr?ndung: ?Sich in die L?nge ziehende Satzbilder und st?ndig wiederholende Doppelnennungen wie ?B?rgerinnen und B?rger?, aber auch das ?ndern in Wortkonstruktionen wie ?B?rgerInnen?, ?B?rger/Innen? oder ?B?rger*innen? verletzen nicht nur sprachliche Grundregeln, sie erschweren dar?ber hinaus auch die Verst?ndigung und den Spracherwerb.?

Die AfD-Fraktion will, dass der Staat grunds?tzlich das ?generische Maskulinum? verwendet, bei dem die weibliche Form stets mitgemeint ist. Lehrer schlie?t in diesem Fall also auch Lehrerinnen mit ein. Im allt?glichen Sprachgebrauch ist das ?generische Maskulinum? weit verbreitet, ebenso im Journalismus.

Hans wei?, dass auch viele in der CDU ? vermutlich nicht nur dort ? das Gendern ?f?r den Ausdruck eines linken Zeitgeists? halten und die Augen verdrehen. Das sei aber selbst im CDU-Milieu die Minderheit, vermutet er. ?Weil man ein Gender-Sternchen schreibt, ist man nicht gleich ein Linker. Sprache ist nicht links oder rechts. Sie soll Frauen und M?nner gleicherma?en ansprechen.?

Verzichtete die Landesregierung auf jegliche gendergerechte Sprache, wie es die AfD fordert, w?rde dies dem Landesgleichstellungsgesetz widersprechen. Dieses Gesetz schreibt vor, dass die Verwaltung bei Rechtsvorschriften, auf Formularen, in Schreiben oder in der ?ffentlichkeitsarbeit geschlechtsneutrale Bezeichnungen w?hlen muss (also etwa Person, Studierende oder Lehrkr?fte), hilfsweise die weibliche und die m?nnliche Form (Lehrerin und Lehrer).

Selbst der konservative Innenminister Klaus Bouillon (CDU) l?sst in Mitteilungen seines Hauses konsequent gendern (?Polizist*innen?), auch wenn das Gesetz Wort-Kreationen mit Stern nicht verlangt. In amtlichen Mitteilungen finden sich allerdings auch immer noch Verst??e gegen die gesetzlich vorgeschriebene sprachliche Regel, etwa wenn von ?Pendlern? oder von ?Haus?rzten? die Rede ist, wo auch Frauen mitgemeint sind. Hans sprach k?rzlich, im Einklang mit dem Gesetz, von ?Pendelnden?.

Das Thema wird insbesondere an den Hochschulen forciert, weil dort zunehmend die Ansicht vorherrscht, dass eine v?llige Gleichstellung erst m?glich ist, wenn sich die Sprache ge?ndert hat. Auch an der Saar-Uni gibt es einen ?Leitfaden f?r eine geschlechtersensible Sprache? mit Empfehlungen.

Allerdings polarisiert das Thema auch an den Hochschulen stark. Der von Uni-Pr?sident Manfred Schmitt unterzeichnete Leitfaden listet ?Argumente gegen die g?ngigsten Vorurteile in Bezug auf gendersensible Sprache? auf. Auf den Einwand, dass auch viele Frauen die gendersensible Sprache ablehnen, wird mit der Aussage reagiert, das sei kein Argument; nat?rlich gebe es auch Frauen, ?die patriarchale Strukturen? bejahen.

Der Leitfaden empfiehlt, beide Geschlechter zu nennen (?ein/e Student/in?), das Binnen-I zu nutzen (?wissenschaftliche MitarbeiterInnen?) oder neutrale Begriffe wie? ?Studierende? (statt Studenten), ?Lehrende? (statt Lehrer) oder ?wissenschaftlich T?tige? (statt Wissenschaftler). In der Uni-Praxis jedoch haben sich solche Begriffe ? abgesehen von den??Studierenden? ? bisher nicht durchgesetzt.

Statt ?Die Teilnehmer der Konferenz? soll man besser schreiben: ?Alle, die an der Konferenz teilnehmen?. Das nach ?Mann? klingende W?rtchen ?man? l?sst sich aus Sicht der Uni umgehen, indem man ?mensch? oder ?frau? nutzt. Bei akademischen Graden oder Titeln kann das weibliche Geschlecht sichtbar gemacht werden mit Abk?rzungen wie Prof.in und Dr.in, aber auch Prof*in oder Dr_in. Die Nutzung des Gendersternchens wird vom Gleichstellungsb?ro der Saar-Universit?t zwar gern gesehen, ist an der Uni aber kein Muss.

Was sich in Teilen der Landespolitik und den Hochschulen zeigt, ist sprachlich gesehen allerdings ein Paralleluniversum. Im amtlichen Regelwerk der deutschen Sprache sind Sternchen gar nicht vorgesehen. Der Rat f?r deutsche Rechtschreibung ? die oberste Sprach-Instanz ? urteilte erst im M?rz, ihre Nutzung beeintr?chtige die Verst?ndlichkeit, Vorlesbarkeit und automatische ?bersetzbarkeit sowie vielfach auch die Eindeutigkeit und Rechtssicherheit von Begriffen und Texten.

Der Rat will die weitere Entwicklung allerdings beobachten ? und ?pr?fen, ob und inwieweit verschiedene Zeichen zur Erf?llung der Kriterien geschlechtergerechter oder -sensibler Schreibung geeignet sein k?nnten?.