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Tücken bei 2G-Plus in der Gastronomie im Saarland: „Man braucht dafür ein Physikum“

Nachweis der Booster-Impfung : Gastronomen aus dem Saarland beklagen Ärger bei 2G-Plus: „Man braucht dafür ein Physikum“

Nach einer Booster-Impfung kann im Saarland jeder ohne Corona-Test ins Restaurant. Doch den Impfstatus ihrer Gäste zu kontrollieren, hat für Gastronomen einige Tücken. Eine Wirtin aus Merchweiler erzählt von ihrem Ärger.

Sandra Born-Fries möchte alles richtig machen. Doch wie, das weiß die Wirtin des Gasthauses Wachdersch in Merchweiler nicht immer genau. Obwohl sie die Corona-Regeln für die Gastronomie auswendig kennt. Auch andere Gastronomen im Saarland verzweifeln an den Tücken der überarbeiteten 2G-Plus-Regel. Wer eine Booster-Impfung bekommen hat, muss seit dem vergangenen Samstag in Kneipen und Restaurants keinen Corona-Test mehr vorlegen. Aber die Auffrischimpfung nachzuweisen, das kann kompliziert werden – auch für die Wirte.

Noch immer haben Gäste ihren gelben Impfpass dabei, wenn sie bei Born-Fries und ihrem Mann Christoph in der Tür stehen. Doch dieses Dokument dürfen die Wirtsleute nicht mehr akzeptieren. „Viele ältere Menschen verstehen das nicht“, sagt Born-Fries. Fälschungssicher sind die gelben Heftchen nicht, beim Online-Händler Amazon sind sie im Fünferpack für weniger als zehn Euro erhältlich. Blanko.

Der Impfnachweis muss im Saarland „in digital auslesbarer Form“ vorgezeigt werden. Darauf wies das Gesundheitsministerium in dieser Woche ausdrücklich hin. Geimpfte können sich ein digitales Impfzertifikat in die Corona-Warn-App der Bundesregierung oder in das Programm CovPass auf ihrem Smartphone laden. Dazu müssen sie einen QR-Code einscannen. In der Apotheke bekommen alle, die kein Mobiltelefon haben oder nutzen wollen, den Code auch auf Papier.

Gastronomen haben für die Kontrolle die vom Robert Koch-Institut angebotene App „CovPass Check“

Um den Impfnachweis zu kontrollieren, nutzt Born-Fries die vom Robert Koch-Institut angebotene App „CovPass Check“. Damit scannt sie die QR-Codes ihrer Gäste ein. Außerdem muss sie sich einen Ausweis zeigen lassen. Doch bei den Geboosterten steckt der Teufel im Detail: „Zertifikat gültig“ – mehr bekommt Born-Fries bei der Kontrolle nicht angezeigt. Frank Hohrath, der Haupt-Geschäftsführer des Deutschen Hotel- und Gaststättenverbandes (Dehoga) im Saarland, spricht mit Blick auf die Kontroll-App von einem „kleinen Webfehler, der einen Riesenaufwand“ bedeute. Wie soll eine Gastronomin wie Born-Fries nun feststellen, ob ihr Gast nach der Grundimmunisierung eine weitere Impfung bekommen hat?

Dazu müsste sie sich auf dem Smartphone ihres Gastes die genauen Angaben zu dessen Impfung anschauen. Aber darf sie das? Nutzer der App CovPass bekommen einen Hinweis angezeigt, falls jemand nicht nur ihr Impfzertifikat einlesen, sondern mehr erfahren möchte: „Zeigen Sie diese sensiblen Daten nicht in Gaststätten, bei Veranstaltungen oder in ähnlichen Situationen vor.“ Das verschreckt manche Menschen. „Es ist ein Riesenzeitaufwand“, sagt Sandra Born-Fries vom Gasthaus Wachdersch. „Die Leute sind verunsichert.“

Im Gesundheitsministerium in Saarbrücken weiß man, dass eine „Einsichtnahme der Daten notwendig“ werden könne. Wie sollen die Verantwortlichen in der Gastronomie mit Kunden umgehen, die zwar eine Booster-Impfung erhalten haben, aber ihre Daten nicht offenlegen möchten? „Sollte die Person dies nicht wünschen, kann alternativ auch ein Test vorgelegt werden“, erklärt eine Sprecherin von Gesundheitsministerin Monika Bachmann (CDU). Man gehe aber davon aus, dass die Apps entsprechend angepasst werden, „damit die Überprüfung einfacher wird“.

Doch im Alltag sind die Wirte noch mit einem weiteren Problem konfrontiert, wenn sie Geboosterte ohne Test empfangen wollen. Für die überwiegende Zahl der Menschen mag die Booster-Impfung die dritte Spritze gegen Covid-19 sein. Dann findet sich im Impfzertifikat auf dem Smartphone der Hinweis „Impfung 3 von 3“. Anders ist das jedoch, wenn jemand zur Grundimmunisierung den Impfstoff von Johnson & Johnson erhalten hat, für den nur ein Piks notwendig ist. Dann steht in der App nach dem Boostern korrekt „Impfung 2 von 2“. Und Menschen, die eigentlich nur ein Bier trinken wollen, müssen erst einmal die Geschichte ihrer Impfungen glaubhaft machen.

„Eigentlich kann ich jemanden abstellen, der den ganzen Tag nichts anderes macht“

„Ich bin erstaunt, wie viele Menschen mit Johnson & Johnson geimpft worden sind“, sagt Born-Fries. Unfreiwillig ist die Wirtin mittlerweile mit dem Impfschema nicht weniger Gäste bis ins Detail vertraut. Denn anders kann sie nicht in Erfahrung bringen, wer eine Auffrischung erhalten hat, obwohl weniger als drei Impfungen über das digitale Zertifikat nachgewiesen sind. Was sagt das Gesundheitsministerium zu den verwirrenden Angaben auf dem Smartphone? Die Corona-Warn-App sei ein Angebot der Bundesregierung, man sei „hier demnach nicht zuständig“.

„Eigentlich kann ich jemanden abstellen, der den ganzen Tag nichts anderes macht“, sagt die Wirtin Born-Fries über den Aufwand bei der Kontrolle der neuen 2G-Plus-Regel. Zugespitzt sagt Dehoga-Geschäftsführer Hohrath, man brauche dafür ein „Physikum“, die Zwischenprüfung im Medizinstudium. Aber eine Alternative gibt es nicht, auch wenn manche Besucher im Gasthaus Wachdersch murren. „Ich mache das nicht, um Euch zu ärgern, sondern damit wir alle gesund bleiben“, entgegnet Born-Fries dann. Trotz der Fallstricke im Alltag kann sie den Erleichterungen für Geboosterte einiges abgewinnen. „Ich glaube, dass die Leute, die geboostert sind, befreiter sind“, sagt sie. Das bedeutet auch, dass jemand spontan vorbeischauen kann, ohne einen Schnelltest einzuplanen. Deshalb findet am nächsten Sonntag im Gasthaus Wachdersch eine Impfaktion statt.