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Zahl der Kirchenaustritte von 2019 und 2020 im Saarland nimmt zu

Zahl der Kirchenaustritte nimmt zu : Saarländer verlassen das sinkende Kirchenschiff

Was die Gründe dafür sind und warum auch ein katholischer Pfarrer aus Wadgassen seine Kirche kritisiert.

Es ist eine grundlegende Frage, die sich Peter Hoffeld stellte: „Wenn Gott so wäre, wie ihn die Kirche darstellt: Warum gibt es dann Kranke?“ Wegen seiner Gesundheit musste der 29-Jährige schon als Kind und Jugendlicher häufiger ins Krankenhaus, war vor seiner Konfirmation „ziemlich religiös“, wie er sagt. Doch nach einem weiteren unerwarteten Krankenhausaufenthalt bröckelte diese Sichtweise.

Er konfrontierte seine Religionslehrer und seinen evangelischen Pfarrer mit dieser Frage, aber die konnten ihm keine befriedigende Antwort geben. Dass Gott Leid zulasse, habe mit der Erbsünde und dem freien Willen zu tun, den Gott uns Menschen gab – so die Begründung. „Aber wenn Gott eingreifen könnte, und es nicht tut, ist er irrelevant“, findet Hoffeld.

Zu seiner Konfirmation habe er angefangen, die Lehren der Kirche zu hinterfragen und dabei gemerkt, dass er nicht mehr dahintersteht. „Ich habe an jeder Ecke eine Lüge gesehen“, sagt der 29-Jährige, auch die Doppel-Moral kritisiert er. Das Predigen von Nächstenliebe, zu der die Missbrauchsfälle im Widerspruch stehen. Oder dass die Kirchensteuer direkt vom Lohn abgezogen wird. „Es ist nicht Aufgabe des Staates, das Geld für die Kirche einzusammeln“, findet er.

 Pfarrer Peter Leick aus Wadgassen
Pfarrer Peter Leick aus Wadgassen Foto: Ruppenthal

Ausgetreten ist er 2018, obwohl er schon früher darüber nachgedacht habe. „Ich wollte noch drin bleiben, falls die Frau, die ich später mal heirate, eine kirchliche Trauung will.“ Als dem nicht so war, ist er mit der Anmeldung seiner Hochzeit beim Standesamt ausgetreten. Eine Entscheidung, die er nicht bereut.

Seit Jahren nimmt auch im katholisch Bistum Trier die Zahl der Kirchenaustritte zu. So traten 2019 dort 13 850 Katholiken aus der Kirche aus, das sind 37 Prozent mehr als im Vorjahr (10 096). Im Saarland verließen 5409 Menschen das Bistum in Trier, das Bistum in Speyer verzeichnete im Saarpfalz-Kreis im Jahr 2019 insgesamt 890 Kirchenaustritte. Damit ging im Saarland die Gesamtzahl der Katholiken den Angaben zufolge um etwa 2,5 Prozent auf 549 000 zurück. Die meisten Austritte gab es im Bistum Trier bei den Jahrgängen 1990 mit 420 und 1966 mit 407. Der evangelichen Kirche kehrten 2019 im Saarland 1381 Menschen den Rücken zu.

Auch eine Saarlouiserin, die ihren Namen nicht in der Zeitung lesen möchte, ist 2019 aus der katholischen Kirche ausgetreten. „Dabei war ich sechs Jahre lang Messdienerin“, erzählt die 30-Jährige. „Mir hat die Kirche als Jugendliche viel gegeben“, sagt sie, aber als die Pfarreien zusammengelegt wurden, verlor sie den persönlichen Bezug, fühlte sich nicht mehr zugehörig. Da dachte sie erstmals über ihren Austritt nach. „Und so wie sich die Kirche entwickelt, finde ich sie nicht mehr zeitgemäß und mit meinem Leben vereinbar.“ Alte Strukturen, kein Platz für Neues. Zwar durfte sie so bei der Hochzeit ihrer Schwester keine Trauzeugin sein, doch damit habe sie sich arrangieren können. „Ich bin froh, dass ich ausgetreten bin.“

Für 2020 liegen den Bistümern und der Deutschen Bischofskonferenz noch keine aktuellen Zahlen vor. Daher hat die SZ die Zivilgemeinden im Saarland angeschrieben und um Rückmeldung gebeten. Bis Redaktionschluss antworteten 36 der 52 Kommunen. Das Ergebnis: 2020 sind demnach über 4304 Menschen sowohl aus der katholischen als auch der evangelischen Kirche ausgetreten (dabei handelt es sich um vorläufige Zahlen). 

Ein Trend, den Pfarrer Peter Leick aus Wadgassen persönlich trifft, wie er erzählt. „Jeder Austritt tut mir natürlich weh, denn ich sehe es auch als ein Scheitern der Kirche vor Ort. Ich möchte im Sinne eines Qualitätsmanagements wissen, ob wir vor Ort etwas falsch gemacht haben.“ Daher schreibt Leick ihnen Briefe und trägt diese selbst aus. „Ich kenne die Leute meist persönlich, die austreten. Da bringe ich es nicht über mich, die Briefe per Post zu schicken.“

Erst vergangene Woche war er unterwegs, will nächste Woche wieder los. Er sucht das Gespräch mit den Leuten. „Es interessiert mich zu hören, was die Menschen zu diesem Schritt bewogen hat.“ Seine Erfahrung: „Die wenigsten treten aus Glaubens- oder finanziellen Gründen aus. Das Gros der Austritte kommt wegen Kritik an der Institution Kirche.“

Eine Kritik, die der Pfarrer nachempfinden kann. „Das Kirchensteuer-System ist überholt und nicht mehr zeitgemäß“, findet Leick. „Die deutsche Kirche muss wach werden.“ Er verweist darauf, dass es nach dem Kirchenrecht zudem verboten sei, dass es einen Pflichtbeitrag gibt. Auch dass sich manche seiner Kollegen nicht an die eigenen moralischen Werte halten, sieht er als Problem. „Das Thema Missbrauch ist eine schlimme Geißel.“ Dass Leute ihm vorwerfen, in einem „Kinderschänder-Verein“ zu sein, verletze ihn als Mensch. Zeitgleich wisse er: „Es ist schwierig, gegen negative Erfahrungen anzugehen. Das kann ich nicht wegdiskutieren.“

Zeitgleich bemerkt der Wadgasser Pastor, dass sich einige trotz ihres Austritts weiter engagieren, Geld an die Kirche spenden oder in die Gottesdienste gehen. „Die Hilfsbereitschaft ist groß und das zeigt mir, dass der Bezug da ist“, sagt Leick. Ihm ist es wichtig, für die Menschen da zu ein, auch in der Not. „Da spielt es keine Rolle, ob jemand Kirchenmitglied ist oder nicht.“

Es gibt aber auch Menschen, die wieder in die Kirche eintreten. Die Gründe dafür erläutert Herwig Hoffmann, Pfarrer der Johanneskirche in Saarbrücken: „Manche fühlen sich ohne Kirche nicht wohl, haben wieder den Kontakt gefunden, wollen Taufpaten werden oder haben eine Stelle bei einem katholischen oder evangelischen Arbeitgeber gefunden.“

So zählte das Bistum Trier 2019 insgesamt 273 Wiederaufnahmen und 78 Eintritte von Menschen anderer christlicher Konfessionen, beim Bistum Speyer waren es insgesamt 18 Eintritte im Saarland. Die evangelischen Kirche zählte 183 Menschen, die wieder in den Bund der Kirche eintraten.