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Bürgerinitiative Weiten will die vier Windräder im Wald verhindern

Engagement in Weiten : Bürger kämpfen für Schwarzstorch und Co.

Die Bürgerinitiative „Windkraft mit Vernunft“ will den Bau von Windrädern in der Nähe von Weiten verhindern.

Die wärmenden Sonnenstrahlen Ende August scheint der junge Schwarzstorch in vollen Zügen zu genießen. Majestätisch stolziert er über den Radweg zwischen Weiten und Taben-Rodt. Angst vor einer Kamera scheint der sonst so scheue Vogel nicht zu haben. Und so ist ein Film entstanden, den sich Mitglieder der Bürgerinitiative (BI) „Windkraft mit Vernunft“ Orscholz/Weiten/Freudenburg/Taben-Rodt immer wieder gerne anschauen. Wenige Tage nach dem Dreh hat er sich mit seinen zwei Geschwistern und den Eltern ins Winterquartier Richtung Afrika verabschiedet.

Der Spaziergang des seltenen Vogels nahe seiner Heimat in Weiten Ende August ist für die stellvertretenden BI-Vorsitzenden Bernhard Nollmeyer und Jörg Rohles sowie ihre Mitstreiter ein Ansporn, ihr Engagement zu erhöhen, um den Bau von vier Windrädern im Holscheider Wald/Wintersteinchen zu verhindern. Dass die vier Anlagen in und in der Nähe von dem intakten Waldgebiet hochgezogen werden können, hat das Landesamt für Umwelt- und Arbeitsschutz (LUA) der Firma Abo-Wind Anfang August genehmigt – die gleiche Behörde, die im April 2019 den Bau von fünf Anlagen aus Naturschutzgründen abgelehnt hatte.

„Wir sind über die Genehmigung des Landesamtes für Umwelt- und Arbeitsschutz sehr überrascht“, kommentieren Schriftführer Joachim Mohr und die beiden Mitglieder Peter Kiefer und Eva Schaller die Kehrtwende des Landesamtes. Anders als in dem Antrag, der abgelehnt worden war, hat der Projektentwickler aus Wiesbaden in diesem neuen Vorstoß vorgeschlagen, die Anlagen vom 1. März bis 31. August von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang abzuschalten. Diese Einschränkung reicht nach Ansicht der BI bei weitem nicht aus, um die Schwarzstörche und die anderen Greifvögel, wie Rotmilan, Wespenbussard und weitere Arten zu schützen.

 Die Aufnahme vom 24. Januar zeigt die ersten Kraniche, wie sie über die Konzentrationszone fliegen.
Die Aufnahme vom 24. Januar zeigt die ersten Kraniche, wie sie über die Konzentrationszone fliegen. Foto: BI

„Wir beide haben unabhängig voneinander weit nach Sonnenuntergang einen Schwarzstorch beobachtet, der aus Richtung Leukbachtal kommend und über Weiten geflogen ist – Eva Schaller vom ‚Herker’ aus, ich vom Sportplatz aus“, verrät Joachim Mohr. Er kündigt an, den Genehmigungsbescheid vom 2. August und den Ergänzungsbescheid vom 25. August genau unter die Lupe zu nehmen und die 77 Seiten akribisch zu studieren. „Sehr viele Argumente, die wir vorbrachten, finden sich zwar zu Teilen in den Erläuterungen wieder und führten dazu, dass so viele Abschaltzeiten als Auflagen enthalten sind, wie wohl noch in keinem Genehmigungsbescheid in Deutschland“, sagt Nollmeyer. Rohles kündigt an, nach der Prüfung Widerspruch auch gegen diesen Genehmigungsbescheid einzulegen. „Denn bei einer ersten Durchsicht haben wir bereits einige Fehler entdeckt, auch sind aktuelle Sachgründe nicht eingearbeitet oder sogar Sachgründe falsch dargestellt worden.“

2013 hat die BI nach den Worten von Mohr mit ihren Untersuchungen zur Vogelwelt begonnen und bis heute jede Menge Daten von mehreren Vogelarten gesammelt, die in der Region vorkommen. Alle Sichtungen werden laut Schaller exakt dokumentiert, um auf der sicheren Seite zu sein und einen Nachweis zu haben. „Seit Jahren wussten wir, dass es den Schwarzstorch in dem Gebiet gibt, da wir ihn öfter gesichtet haben“, sagt Vogelexpertin Eva Schaller. Nach ihren Worten zeigte sich der scheue Waldbewohner erstmals 2015 dem Heimatforscher Dr. Albert Enderlein am Wegesrand – für den Zahnarzt ein untrügliches Zeichen, dass das Nest des Vogels in unmittelbarer Nähe sein muss. „Und es wurde gefunden.“

Insgesamt 16 Junge haben die Vögel mit dem überwiegend schwarzen Gefieder, das metallisch in der Sonne glänzt, innerhalb dieses 3000-Meter-Korridors aufgezogen. 2016 und 2017 zählte die BI drei Jungvögel, 2018 einen, da zwei Tiere den damaligen Unwettern zum Opfer fielen, und in den Jahren 2019, 2020 und 2021 jeweils wieder drei. „Wir haben auch regelmäßige Transferflüge des Schwarzstorches durch die Konzentrationsfläche aus Richtung des Saartals zu den Nahrungsgewässern festgehalten“, berichtet Joachim Mohr. Als Beispiele nennt er das Leukbachtal wie Zweibach und den Weitener Dörrbach und die Teiche des Naturschutzbundes. Die Ackerkuppen westlich des Wintersteinchens dienen dem Schwarzstorch als Thermikpunkt, weiß er von Beobachtungen, die ebenfalls festgehalten worden sind.

Auch der Rotmilan sei seit Beginn der Beobachtungen 2013 als Brutvogel im Nahbereich der geplanten Vorrangfläche belegt. Wechselnde Horststandorte in den Waldflächen am Wintersteinchen und Holscheider Wald sind nach Darstellung der BI auch unterschiedlich besetzt worden. „Die offene Feldflur im Umfeld der Vorrangfläche nutzt er regelmäßig zum Jagen – ebenso die Ackerflächen und Ackersäume im Nahbereich der genehmigten WKA-Standorte, vor allem im April und Mai“, sagt Mohr.

Der Stopp der vier Anlagen von Beginn des meteorologischen Frühjahrs bis zum Ende des meteorologischen Sommers ist nach Ansicht von Rohles, Mohr und Nollmeyer die längste Zeit, in der sich die Räder nicht drehen dürfen. Zusätzliche Abschaltzeiten sind laut BI im Genehmigungsbescheid enthalten. „Sollten die Anlagen tatsächlich gebaut werden, dann müssen die Anlagen 1, 2 und 3 auch nachts ab zehn Grad plus abgestellt werden“, sagen die drei – zumindest in den ersten zwei Jahren. Als Grund nennen sie den Schutz der Fledermäuse. Dass die Kobolde der Nacht in dem Gebiet heimisch sind, ist bekannt. Aber Abo-Wind habe dem LUA die Gutachten für diese Anlagen noch nicht vorgelegt. „Wenn im Frühjahr und Herbst die Kraniche von einem Quartier ins andere wechseln, müssen die Anlagen ebenfalls stillgelegt werden – zum Schutz der Vögel“, ergänzt Eva Schaller.

Noch nicht ausreichend untersucht ist laut Joachim Mohr die Population der Wildkatzen. „Wir haben eindeutige Spuren, dass es sie in dem Gebiet lebt.“ Und noch eines bereitet der BI Sorgen: „Es gibt viele natürliche Quellen und Bäche in dem Gebiet“, sagt Peter Kiefer. „Sie könnten durch die Industrieschmierstoffe, mit denen die Windräder gewartet werden, verschmutzt werden.“ Da drei der vier Windenergieanlagen im Wasserschutzgebiet gebaut werden sollen, sieht er die Trinkwasserversorgung der Gemeinde Taben-Rodt bei einer Havarie extrem gefährdet. Der Brunnen des Wasserwerks Taben-Rodt sei nur rund 500 Meter vom Standort der Anlage 2 entfernt.