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Corona: Impfgegner-Plakate in Losheim und Merzig – wer dahintersteckt

Über Nacht angebracht : Wirbel um Impfgegner-Plakate in Merzig und Losheim – was man über die Hintermänner weiß

In Losheim und Merzig sind am Wochenende Parolen gegen Corona-Maßnahmen und das Impfen aufgehängt worden. Was ist über mögliche Hintermänner bekannt?

Am Samstagmorgen fanden sich an zahlreichen Schaufenstern in der Merziger Fußgängerzone in der Poststraße unvermittelt Plakate, auf denen die Wirkung von Impfstoffen und der Sinn der Corona-Schutzimpfung in Frage gestellt werden. Diese Plakate, nach SZ-Informationen rund 30 an der Zahl, müssen in der Zeit zwischen Freitagabend und Samstagfrüh aufgehängt worden sein, hieß es von Seiten der Stadt Merzig.

Wer steckt hinter den Corona-Plakaten in Merzig?

Auf einem der Plakate war etwa zu lesen: „Kinder brauchen ein gesundes Immunsystem & kein Genexperiment in Form einer mRNA-Impfung.“ Auf einem anderen wird die Behauptung verbreitet, Kinder seien durch die Impfung gefährdet für Herzinfarkte, Erblindung und Autimmunerkrankungen. Die Parolen ähneln jenen, die schon seit längerem in sozialen Netzwerken kursieren. Wer hinter der Aktion steckt, ist unklar. Auf einigen der Plakate fand sich der Twitter-Hashtag #ichmachdanichtmit. Wer nach diesem Hashtag im Internet sucht, gelangt auf eine Seite des in Köln lebenden Schriftstellers und Publizisten Gunnar Kaiser. Er bietet über seinen Internet-Auftritt T-Shirts, Jutetaschen, Aufkleber und Fußmatten mit dem Slogan an. Der Hashtag wird seit Monaten bei Protestaktionen und Kundgebungen gegen Corona-Maßnahmen in ganz Deutschland verbreitet.

 Die Parolen auf den Plakaten ziehen den Sinn und Nutzen von Corona-Schutzimpfungen in Zweifel.
Die Parolen auf den Plakaten ziehen den Sinn und Nutzen von Corona-Schutzimpfungen in Zweifel. Foto: Porz

Kaiser hat 2018 ein Buch veröffentlicht und arbeitet laut eigener Auskunft seit 2001 als freier Journalist im Bereich Literatur, Kultur und Philosophie. Daneben gilt er als einer der führenden Köpfe und Vordenker in der Szene der Corona-Skeptiker und -Verharmloser. Seit 2016 betreibt er einen eigenen Blog und Youtube-Kanal, die auf große Resonanz stoßen. Seit Beginn der Corona-Pandemie kritisiert Kaiser dort regelmäßig die Verhältnis- und Rechtmäßigkeit von Kontakteinschränkungen, Schulschließungen und Lockdowns und moniert weitreichende Grundrechtsverletzungen. Außerdem stellt er die wissenschaftlichen Grundlagen von Anti-Corona-Maßnahmen wie PCR-Tests oder Impfungen infrage. Er ist als Redner auf Querdenker-Kundgebungen aufgetreten. Auf seinen Internet-Kanälen interviewt er regelmäßig namhafte Köpfe der Szene wie den emeritierten Mikrobiologie-Professor Sucharit Bhakdi oder den Arzt und früheren SPD-Bundestagsabgeordneten Wolfgang Wodarg.

Plakate in Losheim noch drastischer – Bhakdi-Verein als Urheber

Diese beiden Namen spielen auch eine Rolle bei einigen der Plakate, die im Losheimer Ortskern am Freitag bevorzugt an Bushaltestellen und an Schaufenstern von in diesem Fall leer stehenden Geschäften aufgetaucht sind. Manche sind identisch mit denen in Merzig, aber es gibt welche mit abweichendem Inhalt. Hier ist die Rhetorik schärfer, es werden auf einem Plakat Analogien zwischen den Vorgaben der 2G-Regelungen und dem Holocaust hergestellt. „2G ist Rassismus in einer besonders abscheulichen Form“ heißt es da, und wenige Sätze später: „Lasst es nicht soweit kommen, dass sich die deutsche Geschichte wiederholt!“ Die 2G-Regel diene ausschließlich dazu, bislang Ungeimpfte zur Corona-Schutzimpfung zu zwingen, heißt es.

 Auf diesem Plakat wird ein Zusammenhang mit   dem Holocaust hergestellt.
Auf diesem Plakat wird ein Zusammenhang mit dem Holocaust hergestellt. Foto: Werner Krewer

Als Urheber eben dieses Plakates wird der Verein „Mediziner und Wissenschaftler für Gesundheit, Freiheit und Demokratie“ (MWGFD) genannt. Der Verein ist im bayrischen Passau ansässig, und eines seiner Gründungs-Mitglieder und amtierender Vorsitzender ist eben jener bereits erwähnte Sucharit Bhakdi. Auch Wolfgang Wodarg soll dem Verein angehören oder angehört haben, ebenso wie der zwischenzeitlich ausgeschiedene HNO-Arzt Bodo Schiffmann. Schiffmann gilt ebenfalls als führender Kopf der Querdenker-Bewegung, hat sich als Anhänger der QAnon-Verschwörungstheorie hervorgetan und steht wegen des Verdachts, falsche Atteste zur Umgehung der Maskenpflicht ausgestellt zu haben, im Zentrum staatsanwaltschaftlicher Ermittlungen.

Der Verein MWGFD ist während der Pandemie als Kritiker von Schutzmaßnahmen wie Maskentragen in Erscheinung getreten und zweifelt bis heute die Gefährlichkeit von Covid-19 und die Wirksamkeit von Schutzimpfungen an. Im Oktober vergangenen Jahres wurde ihm vom Finanzamt Passau die Gemeinnützigkeit entzogen. Ob tatsächlich der Verein mit der Aufhängung der Plakate in Losheim zu tun hat, ist noch unklar, auf eine Anfrage unserer Redaktion an die Pressestelle des Vereins ist noch keine Antwort eingegangen.

Ärger um Plakate: „Das ist eine echte Unverschämtheit“

In beiden Fällen sind die Plakate jedenfalls widerrechtlich angebracht worden, es gab vorher keine Anfragen bei den zuständigen Ordnungsämtern der betroffenen Kommunen. Der Losheimer Bürgermeister Helmut Harth äußerte sich auf SZ-Anfrage empört über die Aktion: „Das ist eine echte Unverschämtheit“, erklärte Harth am Samstag. Es habe „natürlich keine Anfrage oder Genehmigung dazu“ bei der Gemeinde gegeben. „Wir lassen dies entfernen“, kündigte Harth an, tatsächlich waren am Samstagmorgen die meisten Plakate nicht mehr zu sehen.

Auch der Merziger Bürgermeister Marcus Hoffeld hat rasch reagiert: „Unser Ordnungsamt weiß Bescheid und ist dabei, diese Dinge zu entfernen“, sagte er am Samstag unserer Redaktion. Die Stadt werde die wilde Plakatierung auch zur Anzeige bringen, kündigte Hoffeld an. Am Sonntag gibt es in Merzig einen verkaufsoffenen Sonntag. Vor Öffnung der Geschäfte werde die Stadt nochmals kontrollieren, ob nicht wieder über Nacht neue Plakate aufgehängt worden sind.

Für den Merziger Rathauschef ist die Aktion „mehr als ärgerlich“. Hoffeld betonte, er habe „Angst vor einer Spaltung der Gesellschaft“. Weiter sagte er: „Die ganzen Monate waren für keinen von uns einfach. Aber es geht doch nur gemeinsam durch diese Situation.“ Die Gesellschaft sei mit der Pandemie bislang nur deswegen zurechtgekommen, „weil wir Zusammenhalt praktiziert haben“, befand Hoffeld. Dieser drohe nun zusehends verloren zu sehen.

Ihn erinnere das an den Fanatismus von Fußballfans, nur in ungleich schärferer Form, ergänzte der Verwaltungschef. „Der Hass wird immer schlimmer, gerade in den sozialen Medien.“ Aktionen wie jene in Merzig oder Losheim verschärften die Spaltung nur noch mehr. Weiter gab Hoffeld zu bedenken: „Die Wissenschaftler sagen uns, dass wir der Corona-Pandemie nur mit Schutzmaßnahmen und Impfungen begegnen können, denen muss man doch mal vertrauen.“ Die meisten von uns würden ja auch andere Medikamente zu sich nehmen, „denen vertrauen wir doch auch“, sagte Hoffeld.