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Urwald Saarbrücken als Vorbild: Grüne wollen Wildnisgebiet in Perl

Nach dem Vorbild des Urwalds vor Saarbrücken : Grüne wollen den Wald in Perl sich selbst überlassen

Die Grünen im Perler Gemeinderat wollen rund 360 Hektar Wald zwischen Sehndorf und Wochern als Wildnisgebiet ausweisen. Dies soll dem Schutz und der Vielfalt von Tieren und Pflanzen dienen. Doch die Fraktionen von CDU und SPD sehen Probleme – mit Buchen, Wild und einigem mehr.

Zwischen den Perler Ortsteilen Sehndorf und Wochern liegt das Waldstück, das sich die Perler Grünen als Wildnisgebiet ausgeguckt haben. Auf den rund 360 Hektar soll der Mensch nicht mehr gestaltend eingreifen dürfen, sondern nur noch Gast sein und die Natur sich selbst überlassen – ein Vorschlag von Grünen-Fraktionschef Christian Schramm, über den künftig der Zukunftsausschuss diskutieren wird. Mit 22 Ja-Stimmen gegen zwei Nein-Stimmen vertagte die Mehrheit des Gemeinderates das Thema in den Ausschuss.

Als Beispiel für ein solch gelungenes Projekt nennt der Grünen-Fraktionschef Christian Schramm den Urwald vor den Toren Saarbrückens: Entwurzelte Bäume, Sumpflandschaften, Seen und Tiere wie Feuersalamander, Hirschkäfer und Co. prägen nach Darstellung der Betreiber den Saarkohlenwald, in dem bis Ende des 19. Jahrhunderts Holzkohle für die Eisen- und Glashütten gewonnen wurde. Nach Schramms Worten straft das 1011 Hektar große Stück Natur auch das Argument Lügen, dass ein Wildnisgebiet in einem dicht besiedelten Raum mit vielen Ortschaften wenig Sinn macht. Das Terrain werde von Camphausen, Herrensohr, Malstatt, Riegelsberg sowie der Autobahn A 1 und A 623 nahezu eingeschlossen. Die Landeshauptstadt liege in unmittelbarer Nähe.

„Wir sind uns durchaus bewusst, dass wir mit unserem Antrag, ein Wildnisgebiet auszuweisen, eine völlig andere Sichtweise auf das Thema Wald werfen, quasi eine Revolution zur Erhaltung der Biodiversität in Perl ausrufen“, sagt Schramm. Dies sei man aber der Vielfalt der Pflanzen- und Tierarten, den Ökosystemen sowie dem Klimaschutz schuldig. „Zielsetzungen in einem Forstbetriebswerk können und müssen geändert werden, auch wenn diese einstimmig vor 15 Monaten für einen Zehnjahreszeitraum beschlossen wurden.“ Die bisherige Bewirtschaftung des öffentlichen Waldes sei durch die jüngsten Entwicklungen hinfällig geworden und müsse überdacht werden, sagt er mit Blick auf den miserablen Zustand des Waldes und hier insbesondere die massiven Schäden durch den Borkenkäfer. Durch die Dürre in den Vegetationszeiten 2018 bis 2020 warfen die Bäume vorzeitig die Blätter ab. Bei der Fichte begünstigte die Trockenheit, dass sich Borkenkäfer weiter massenhaft vermehren. Im Vergleich zum Vorjahr ist die Absterberate 2020 nochmals gestiegen. „Es gilt, nun unseren Gemeindewald nicht weiter vorrangig als Einnahmequelle zu betrachten, sondern den Waldschutz zu priorisieren“, fordert er.

Ökosystem Wald statt Interessen der Holzwirtschaft

Die Befürchtung, dass sich die wirtschaftlichen Einnahmen des Forstbetriebes verringerten, wie in der Tischvorlage zu lesen, ist nach seiner Ansicht falsch. Statt die Interessen der Holzwirtschaft zu bedienen, sollte der Wald als Ökosystem akzeptiert werden, „dessen klimaschützende Wirkung wir dringend benötigen“. Jegliche ökonomische Nutzung habe sich dem unterzuordnen. Als weiteres Beispiel für seine Forderung führt er die Untersuchung in Mecklenburg-Vorpommern an, die das Landwirtschaftsministerium in Auftrag gegeben hatte. Die Expertise kam laut Schramm zu dem Ergebnis, dass Ökosystemleistungen des Waldes einen doppelt so hohen Wert haben wie die Erträge aus dem Holzverkauf.

Zwar fällt die Errichtung von Wildnisgebieten laut Schramm als Aufgabe Ländern und Bund zu. Jedoch müssten Kommunen wie Perl als Eigentümerinnen die Flächen zur Verfügung stellen. Vorzugsweise gelte eine Größe von mindestens 1000 Hektar, Kleinere Flächen leisteten ebenfalls einen wertvollen Beitrag. „Die Gemeinde stellt keine Flächen von circa vier Millionen Euro zur Disposition! Sondern schützt eine Fläche von unschätzbarem Wert gegen die Folgen des Verlustes der Biodiversität“, wirbt er für seinen Vorstoß.

SPD: Einige Argumente sprechen dagegen

Dem gibt SPD-Fraktionschef Michael Fixemer einen Dämpfer: Seine Fraktion sehe keinen besonderen Handlungsbedarf, mindestens 365 Hektar in ein Wildgebiet umzuwandeln. „Der Einschlag ist geringer als die Flächen, die aufgeforstet werden, und die Mischung des Waldbestandes ist sehr gut, da nur ein Viertel der Waldfläche aus Nadelhölzern bestehen“, führt er als Argument an. Ein weiteres: Aus dem 1100 Hektar großen Gemeindewald seien 265 Hektar aus der Bewirtschaftung herausgenommen und als geschützte Flächen zertifiziert worden. Auch handele es sich bei den gemeindeeigenen Waldflächen oft um kleine Parzellen. „Die Auswirkungen eines Wildgebietes auf die Jagd sind aus unserer Sicht von besonderer Bedeutung, da diese Einfluss auf den Wildbestand und damit auf das natürliche Gleichgewicht haben.“ Nach den Worten von Fixemer könnte dies zu einer Zunahme von Wildschäden führen und zu Konflikten mit landwirtschaftlichen Betrieben und den Bewohnern angrenzender Wohngebiete.

Auch die Mindestfläche von 365 Hektar spreche gegen eine Ausweisung. „Wir sind auf einem guten Weg in Perl. Wenn ein Klimamanager eingestellt ist, kann man gemeinsam mit den Betroffenen, der Gemeinde, den Waldnutzern und den Jagdpächtern über eine geeignete, ergänzende Fläche des kommunalen Waldbestandes gesprochen werden. Ob dann ein Wildnisgebiet gefunden werden kann, wird sich zeigen“, sagt Fixemer. Er ist sich sicher, dass ein solches eine Errungenschaft für die Gemeinde sein kann. Vorgesetzt seien eine angemessene Größe und eine breite Akzeptanz.

CDU: Angedachte Fläche ist zu klein

„Herr Schramm hat wohl eine Null bei seiner Definition des Wildnisgebietes vergessen, auch sonst scheint es wohl seine eigene Definition zu sein“, kommentiert CDU-Fraktionsmitglied Walter Follmann den Vorschlag der Grünen. Nach Definition der Nationale Biodiversitätsstrategie der Bundesrepublik Deutschland Flächen müssten die Flächen mindestens 1000 Hektar groß sein und weitgehend unzerschnitten. Die Mindestgröße von Auwäldern und Mooren liege bei 500 Hektar. „Bei ausgewählten Gebieten in Perl handelt es sich um mindestens fünf Flächen, welche durch Wege und Straßen getrennt sind und insgesamt nur eine Fläche von 360 Hektar aufweisen.“

Dass der Urwald bei Saarbrücken ein Motor für den Tourismus sei, stellt er in Frage. Auch habe sich der Wald nicht zum Positiven entwickelt. Der Förster, mit dem er gesprochen habe, sei bereit, den Gemeinderat durch den Urwald zu führen sowie Vor- und Nachteile zu erläutern. Dass ohne menschlichen Einfluss ein Waldgebiet dem Artensterben entgegenwirkt, entspricht laut Follmann nicht der Wahrheit. „In unseren Wäldern haben sich Flora und Fauna auf die seit Jahrhunderten stattfinde Bewirtschaftung eingestellt“, sagt er und verweist auf einen Beitrag des Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung, Biodiversität und Wald. Eine Änderung der Nutzung würde die vorhandene Flora und Fauna stark beeinträchtigen. Als Beispiel nennt er die Buche, die unsere Region dominiere. Da sie andere Baumarten unterdrücke, entstehe ein lichtarmer Wald. Baumarten, die Licht liebten, würden verdrängt. Als Beispiel nennt Follmann die heimischen und klimastabilen Stiel- und Traubeneichen, Kirschen, Hainbuchen oder Eschen. Pflanzen wie der Blaustern und viele Tierarten wie Schmetterlinge und Wildbienen würden verschwinden, da der Wald keine blühenden Pflanzen hervorbringe.

„Das Helmholtz-Zentrum hat festgestellt, dass seit Jahrhunderten forstwirtschaftlich genutzte Nieder- und Mittelwälder in Frankreich die größte Artenvielfalt hervorbringen“ sagt er. „Wer glaubt, dass durch die Waldflächenstillegung mehr Artenvielfalt entsteht, der irrt.“

Auch könne ein ungestörter Kreislauf nur eine geringe Menge an CO2 speichern. Die Bäume speichern nach seinen Worten „eine gigantische Menge an CO2“. Würden die Bäume nicht an die Holzwirtschaft geliefert werden, verrotteten sie im Wald und setzten wieder CO2 frei. Denn nur geringste Mengen werden laut Follmann bei der Humusbildung im Boden gespeichert.

Den Vorschlag, dass der Zukunftsausschuss über die Ausweisung eines Wildnisgeländes berät, nennt Bürgermeister Ralf Uhlenbruch eine gute Sache. Nach seiner Einschätzung sollte noch einer mitreden können: der Förster.