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Ausstellung in der Städtische Galerie Neunkirchen mit Stefanie Gerhardt : kopfüber himmelwärts

Städtische Galerie Neunkirchen : Zwischen den Welten und Zeiten

„Kopfüber himmelwärts“: Bis 20. Februar zeigt die Städtische Galerie Neunkirchen 35 zum Teil raumgreifende Werke von Stefanie Gerhardt.

Unglaublich. Es ist schon wieder passiert! Immer, wenn man denkt, die letzte Ausstellung ist ja nun wirklich nicht so schnell zu toppen, diesmal lassen sie es etwas ruhiger angehen, wird man eines Besseren belehrt. Aktuell ist es also Stefanie Gerhardt und dass man in der Städtischen Galerie die Möglichkeit bekommt, in ihre herrlichen Arbeiten „kopfüber himmelwärts“ einzutauchen, kann man ruhigen Gewissens eine vorgezogene Bescherung nennen.

Erwartet die Besucher doch nichts weniger als eine „künstlerische Reise in eine Welt jenseits der rein materiellen Realitätswahrnehmung“, wie Galerieleiterin Nicole Nix-Hauck bei der Eröffnung ankündigte. Und was für eine: Da hängen über 40 unleidliche Neugeborene an ihren Nabelschnüren kopfüber von der Decke, verschmilzt ein Mädchen langsam mit der Wand, „schwimmen“ geschlechtslose Körper über den Galerieboden … alles so unerwartet wie ästhetisch vollkommen. Daran sieht man sich so schnell nicht satt. Sollte man auch nicht, weil es so viel zu entdecken gibt, folgt man der Einladung und „betritt“ die Ideenwelt der Freiburger Künstlerin.

In der dreht sich viel um Lebensphasen und zeitliche Handlungsabläufe, um Veränderungen der physischen Existenz oder den Wechsel von einem Ort zum nächsten. „Es sind die Zustände des Übergangs, welche die Künstlerin besonders interessieren. Stefanie Gerhardt setzt sich mit Wandlungsprozessen auseinander, mit dem Werden und Vergehen, dem Auftauchen und Verschwinden. Es sind die flüchtigen und schwer zu fassenden Momente des Daseins, denen sie nachspürt, verschwindende Augenblicke zwischen dem „Nicht-Mehr“ und dem „Noch-Nicht“, die sie im kleinformatigen Ölgemälde auf Aluminium ebenso eindrucksvoll in Szene zu setzen vermag wie in der raumgreifenden Installation“, so Nicole Nix-Hauck.

Schon die Logistik war nicht ohne, um 35 Werke aus zehn Jahren zeigen zu können – darunter Leihgaben der Staatsgalerie Stuttgart. Noch kniffliger wurde die Bestückung der Galerieräume. Alleine die Hängung der Aquarell-Babys kostete Tage. Die lebensgroße Skulptur eines Kindes aus weißem Acrylharz scheint sogar zu schweben. Hier schließt der Titel „Auf der Suche nach dem Wunderbaren“ die Frage des Betrachters ein, wie diese Installation praktisch realisiert worden ist. Ein anderes Kind sitzt auf einer Schaukel, die, bewegt von einem 25-Kilogramm-Motor an der Hallendecke, kaum merklich schwingt. Kind Nummer drei thront über allem auf einer Stange.

Einen weiteren Schwerpunkt bilden Personen am Ende ihrer Biographie. Für die Arbeit „Passe 2“ malte Stefanie Gerhardt kleinformatige Ölporträts alter Menschen in der Rückenansicht auf Glasplatten. In einem Wandbord archiviert, erinnern sie an eine medizinische Laborvorrichtung. Jeweils zwei Glasträger pressen die Farbe zusammen, die teilweise ausfranst und brüchig erscheint. Von allen Figuren ist, egal von wo aus man sie betrachtet, immer nur der Hinterkopf zu sehen, ein „Sinnbild für Weltabgewandtheit und den Rückzug nach innen“.

 Künstlerin Stefanie Gerhardt freute sich über die Realisierung ihrer Ausstellung "kopfüber.himmelwärts" durch Nicole Nix-Hauck und ihr Team der Städtischen Galerie Neunkirchen. Foto: Anja Kernig
Künstlerin Stefanie Gerhardt freute sich über die Realisierung ihrer Ausstellung "kopfüber.himmelwärts" durch Nicole Nix-Hauck und ihr Team der Städtischen Galerie Neunkirchen. Foto: Anja Kernig Foto: Anja Kernig

Was sich in einigen Gemälden fortsetzt. „Zart und fragil und wie umfangen von einem milchigen, nebelartigen Schleier“, präsentiert sich eine Werkgruppe, darunter das Bild „Grand-Mère“. „Es wird zu dreiviertel von einer weißen Fläche eingenommen. Daneben, wie neben einer stark überbelichteten und so unsichtbar gemachten Mauer, die gebeugte Figur einer alten Frau mit Rollwagen, deren linke Körperseite schon hinter der weißen Wand verschwunden ist: Stefanie Gerhardt entwirft hier ein ebenso zurückhaltendes wie eindringliches Bild für die Vergänglichkeit und die Wandlungsprozesse, die uns vom Leben ins Verschwinden führen.“ Da schwingt viel Melancholie mit, aber hin und wieder auch eine Spur Schalk und Freude am Unverhofften. Bei „Whiteout“ tauchen aus dem Farbnebel rötliche Markierungsstangen auf, die eine Straße (ins Nichts) erahnen lassen, oder bei einem auf den ersten Blick monochromen Gemälde ein durch die Luft gleitender Vogel. Welch Kontrast zum Zentrum der Ausstellung, der Installation mit dem harmlosen Namen „Los geht’s“: In fast barocker Anmutung stürzen auf einer Gesamthöhe von fünf Metern aquarellierte Scherenschnitte in Form von Säuglingen neben und übereinander in die Welt, gezeichnet vom Geburtsvorgang und damit alles andere als niedlich. „In der Masse haben sie etwas Bedrohliches … noch halb in der Sicherheit der Vergangenheit sind sie plötzlich der Welt ausgesetzt und dazu verurteilt, sich darin zurechtzufinden, komme was da wolle“.

Was letztlich auch ein tagesaktuelles Phänomen ist. Laut Markus Müller, Geschäftsführer der gastgebenden Kulturgesellschaft Neunkirchen, taugt der Titel der Ausstellung durchaus als „Leitmotiv für den Weg von Kunst und Kultur in diesen Corona-Zeiten“. Eine Berg- und Talfahrt „zwischen Öffnungen und Schließungen, wandelnden Bestimmungen und Verordnungen“ und damit „ein Weg zwischen Verunsicherung und geboosterten Neubeginn und wieder zurück“. Was den Wert dieser und der zweiten Ausstellung im KULT nur noch steigert. Parallel eingeweiht wurde auf der Empore im 2. Obergeschoss die Sonderpräsentation zum 100. Todestag des Neunkircher Malers und Zeichners Fritz Arnold.

 An diesen Babys geht keiner so schnell vorbei.
An diesen Babys geht keiner so schnell vorbei. Foto: Anja Kernig

Geöffnet ist von Mittwoch bis Freitag 10 bis 18 Uhr, Samstag 10 bis 17 Uhr, Sonntag und Feiertage 14 bis 18 Uhr; 24., 25., und 31. Dezember sowie 1. Januar geschlossen. Führungen gibt es am Sonntag, 2. Januar, 16 Uhr, Donnerstag, 20. Januar, 17 Uhr, Donnerstag, 10. Februar, 18 Uhr, Sonntag, 20. Februar, 16 Uhr. Anmeldung zu den Führungen online auf www.staedtische-galerie-neunkirchen.de oder telefonisch unter (0 68 21) 20 25 61.