Kraut & Rüben : Alles nur für die Insekten

Manchmal, wenn man nur lange genug Geduld hat, wendet sich das Blatt. Und was mal verpönt war, wird auf einmal richtig löblich.

Das mit den Blühwiesen, die jetzt in den Städten und Gemeinde aus dem Boden schießen, das finde ich eine super Sache. Natürlich in erster Linie, weil das nun wirklich nicht nur viel schöner aussieht, als so ein ständig auf Golfrasenniveau geschnittenes Stück Rasen, sondern natürlich auch – der Hauptgrund, ich weiß – tatsächlich hilft, das Insektensterben einzudämmen. Es hat aber auch noch einen wunderbaren zusätzlichen Nebeneffekt. Nehmen wir beispielsweise mal bei mir zu Hause. Da ist echt viel Wiese/Rasen/Gras rund ums Haus. Und dann gibt es da noch den Rasenmäher. Für den besitze ich gerade mal einen Akku und keine Nachkauf-Möglichkeit, nirgendwo. Viel Rasen – wenig Mähzeit, Sie verstehen: Sisyphus lässt grüßen. Da wird man nie, wirklich nie, niemals fertig. Ein bisschen neidisch blickte ich da immer schon auf den ein oder anderen Rasen im Umfeld, der regelmäßig wie mit der Nagelschere geschnitten aussieht (das macht der nicht wirklich, sieht nur so aus). Wie der ein oder andere Liebhaber englischen Grüns zurückblickt, kann man sich denken. Dass man irgendwann zum personifizierten schlechten Gewissen wird, auch.

Doch dann wurde das Insektensterben immer mehr zum Thema. Jedem Ort seine Blühwiese, mindestens. Und alles wurde anders. Gut, natürlich hat sich mein Mäh-Problem nicht gelöst: immer noch viel zu viel Rasen für viel zu wenig Akku. Doch wenn jetzt Sumpfdotterblume und Habichtskraut, Klee und Wiesen-Flockenblume, Gänseblümchen und Günsel, Hahnefuß, Klatschmohn und Distel ganz freiwillig und ohne Mühe zwischen dem Grün gedeihen, kann ich mich nicht nur ganz unbefangen dran freuen. Ich kann auch hocherhobenen Hauptes nach leer gemähtem Akku auf dem Liegestuhl inmitten all der unbeschnittenen Schönheiten die Sonne genießen, ohne schlechtes Gewissen, ohne Kopf schüttelnde Spaziergänger – ist doch alles nur für die Insekten, ehrlich.