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Geschichten und Geschichte aus Merchweiler und Wemmetsweiler

Geschichte(n) aus Merchweiler : Vom Grab des Ritters, der gar keiner war

In loser Folge werden wir Geschichte und historische Geschichten aus Wemmetsweiler und Merchweiler vorstellen, die Bürgermeister Patrick Weydmann archiviert und uns zur Verfügung gestellt hat. Heute: das Rittergrab.

(red/) Generationen von Schulklassen „pilgerten“ an diesen versteckten Ort. Zwischen Fischbachbahn und Göttelborner Grubenbahn, westlich der Tennisplätze in Merchweiler, steht an einem Feldweg, halb von Hecken und niedrigem Baumbewuchs verdeckt, ein schlichtes Kreuz aus grobkörnigem Sandstein. Im Laufe der Zeit ist es teilweise in den weichen Boden eingesunken, und heute recken sich seine Arme nur noch etwa vierzig Zentimeter aus dem Boden heraus.

Der Volksmund nennt diese Stelle das „Rittergrab“. Das ehemalige Rittergeschlecht von Kerpen, dessen Wasserburg im benachbarten Illingen stand, war der Grundherr des Gebietes. Daher mag die Bezeichnung verständlich erscheinen. Doch um die Zeit, als das Kreuz aufgestellt wurde, gab es Ritter im ursprünglichen Sinne längst nicht mehr. Es existierte zwar noch die Reichsritterschaft, die jedoch nur noch ein Interessenvertretungsverband der Nachkommen der Rittergeschlechter vor allem gegen die macht- und habgierigen Fürstengeschlechter war. Die Nachkommen der alten Ritter nannten sich jetzt „Freiherr“ oder „Baron“. Das Grab eines Ritters kann es also wohl nicht sein, zumal damals, als das Kreuz aufgestellt wurde, niemand mehr im freien Felde beerdigt wurde.

Wahrscheinlicher ist dann doch die Darstellung, die der verdienstvolle Merchweiler Heimatforscher, Hugo Schlicker, vor einigen Jahren gegeben hat. Nach dieser gab es früher in der mündlichen Überlieferung zwei Versionen über den Anlass der Aufstellung des Kreuzes. Zum einen erzählte man sich, dass der Stein zum Gedenken eines herrschaftlichen Boten errichtet worden sei, der auf dem Dienstgang von Ottweiler nach Saarbrücken in dem sumpfigen Gelände versunken sei, zum anderen wurde von einem Jagdgehilfen berichtet, der sich in der Dunkelheit verirrt und in den Sumpf geraten wäre. Letzteres wird dadurch wahrscheinlicher, dass, wie sich herausstellte, der Mann ein Merchweiler Einwohner war. Merchweiler, das damals nur aus wenigen Häusern im Tale der Merch bestand, lag zwei Kilometer von der Unglücksstelle. Das Quellgebiet des Fischbaches und das ganze Gebiet des späteren Großgemeindewaldes war das Jagdrevier der Herren von Kerpen.

Hugo Schlicker berichtete, dass von der Inschrift des Kreuzes nur noch die Jahreszahl zu erkennen sei: 1748. Nach sorgfältiger Freilegung der Schriftzeichen ist jetzt jedoch die ganze Inschrift zu lesen. Doch daraus ergaben sich neue Fragen. Dem Namen nach konnte es sich kaum um einen Deutschen handeln. Anderseits ist aber an den Schriftzeichen erkennbar, dass der Steinmetz oder Bildhauer bestimmt kein Schriftgelehrter war. Es könnten ihm also einige Schnitzer in den Namen geraten sein.

Diese Vermutung bestätigte sich, als man im Bistumsarchiv Trier lagernden Kirchenbüchern der ehemaligen Pfarrei Illingen zu rate zog. In diesen sind im Jahr 1748 für die ganze Pfarrei, zu der damals neben Illingen auch noch Wemmetsweiler, Hüttigweiler und Merchweiler gehörte, sieben Todesfälle verzeichnet, davon einer aus Merchweiler. Die Eintragung in das Sterberegister über diesen, aus dem lateinischen übersetzt lautet: „Im Jahre 1748, am 5. Juli, starb Gabriel Schram aus Merchweiler (Mergweiller geschrieben) und zwar eines plötzlichen Todes. Sein Körper wurde von mir, unterschriebenem Pastor, auf dem Friedhof der Pfarrkirche Illingen beerdigt, im gleichen Jahr wie vor, am 6. Juli. Zum Zeugnis dessen habe ich unterschrieben: W. Federkeil, Pastor in Illingen, mit eigener Hand.“

Über die Ursache des plötzlichen Todes und den Beruf des Mannes sagt das Kirchenbuch allerdings nichts. Doch darüber, dass der Name auf dem Kreuz mit dem im Sterberegister aufgeführten für die gleiche Person gilt, gibt es keinen Zweifel. Der Steinmetz hatte im Vornamen das „B“ und im Familiennahmen des „C“ ausgelassen. Dafür hat er im Vornamen ein „H“ zu viel eingehauen. Außerdem hängte er aus Platzmangel den Zusatz „SSE“ ohne Zwischenraum an den Familiennamen an. Die Abkürzung war zu jener Zeit gebräuchlich und steht für „Seiner Seele Erbarmung“.

Gabriel Schram hatte mit seiner Ehefrau Anna Katharina, geborene Krämer, zwei in Merchweiler geborene Kinder. Anna Margarete, am 29. Juli 1716 und Christoph am 29. September 1720 geboren. Im gleichen Jahr (1720) taucht der Name Gabriel Schramm in den Illinger Gerichtsbücher in Zusammenhang mit einem Prozess gegen einen Illinger Bürger (Hans Peter Oppermann) auf, der ohne Erlaubnis im „Hemel“ dreißig gesunde Bäume eingeschlagen hatte. Schramm wird in Zusammenhang mit dem Verfahren gegen Oppermann als einer von drei Pottaschen-Beständer (wohl Hersteller und Händler) in der Herrschaft Illingen bezeichnet. Die Pottasche (Kaliumcarbonat) wurde aus Asche gewonnen und vor allem zur Herstellung von Seifensieder und Leinwandbleicher genutzt. Für die Herstellung von Pottasche (Kaliumcarbonat) eigneten sich neben Holzasche auch Asche von Bohnenstängeln, Disteln, Farn, Kartoffelkraut, Maisstängeln, Schilf, Seetang und Weinreben.

Gabriel Schramm war aber keineswegs arm. Im Jahre 1723 wird er als Zandt- Siersburgerischen Eigentumsbauer genannt und in einer „Untertanenliste“ vom Jahr 1729 wird er wie folgt erwähnt: Gabriel Schramm: 10 Morgen Land, 1 Pferd, 8 Rinder.

Wohl ist der Familienname Schram oder Schramm in dieser Linie ausgestorben, doch die Töchter des Christoph, Katharina und Gertrud, welche die Brüder Anton und Peter Steinert geheiratet hatten, und die Tochter Elisabeth, deren Mann Ferdinand Raber war, sind die Urahninnen von nicht wenigen heute lebenden Merchweiler Mitbürgern, welche die Namen Steinert, Raber, Kleer, Meiser, Jochum, Schönenberger, Krämer, Hoffmann und noch einige andere tragen. Manche Angehörige dieser Familien mögen schon an dem Kreuz vorbeigegangen sein ohne zu wissen, dass dies für einen ihrer Vorfahren aufgestellt wurde.

 Lithographie „Der Pottaschenmann“ Ferdinand Raimund (1790-1836) als Aschenmann in „Der Bauer als Millionär“.
Lithographie „Der Pottaschenmann“ Ferdinand Raimund (1790-1836) als Aschenmann in „Der Bauer als Millionär“. Foto: Peter Geymeyer

Quellen: Auszüge entnommen aus den Merchweiler Heimatblätter, Jahrgang 1981, Seite 51 bis 56, Autor: Otto Tyb´l. Merchweiler Heimatblätter, Jahrgang 1993, Seite 98, Autor: Edgar Meiser. Geschichte und Herrschaft von Illingen bis zur französischen Revolution, Seite 322, Bernhard Hüpchen, 2004