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Abriss nach 150 Jahren: die Geschichte der Bahnhofstraße 50 in Neunkirchen

Ein Stück Neunkircher Geschichte : Abriss nach 150 Jahren: Das alles hat die Bahnhofstraße 50 in Neunkirchen erlebt (mit Bildergalerie)

Zwei Weltkriege, immer wieder wechseln die Besitzer, Wiederaufbau, Neubau: Das Gemäuer am Ende der Bahnhofstraße in Neunkirchen hat bewegte 150 Jahre hinter sich. Nun soll es abgerissen werden und einer Sparkassenfiliale weichen.

Es ist nicht irgend ein Haus dort am Ende der Neunkircher Bahnhofstraße mit Blick auf den Lübbener Platz. Die Sparkasse Neunkirchen hat das marode Gemäuer mit der Hausnummer 50 erworben und wird dort neu bauen. Erste Aufräumarbeiten hinter dem Gebäude an der Blies sind bereits gemacht. Bevor es an den eigentlichen Abriss gehen wird, erläutert die Bank, müsse zunächst die Statik der Hausnummer 50 und des Nachbargebäudes genau geprüft werden. Denn dazu gibt es nicht viele Unterlagen. Weshalb auch noch kein genauer Zeitplan vorliegt. Die neue Zentrale für über 200 Mitarbeiter soll aber 2023 stehen.

Archivar hat geforscht

Was das Haus, alten Neunkirchern als Wienerwald geläufig, in den annähernd anderthalb Jahrhunderten seiner Existenz alles erlebt hat, ist ebenfalls nicht in alle Details nachvollziehbar. Aber das Neunkircher Stadtarchiv hat doch viele wertvolle Unterlagen, die eine wechselvolle Geschichte zeigen. Ein Haus, das einst weniger Etagen hatte und auch nicht das letzte Gebäude zur Blies hin war. Denn bis an die Wasserkante herangebaut war seinerzeit auch eine Adresse mit der Nummer 52. Das „Crefelder Seidenhaus“. Aber das ist eine eigene Geschichte. Der Neunkircher Archivar Christian Reuther hat sich mit der Nummer 50 näher auseinandergesetzt im Zusammenhang mit dem Abriss. Im Gespräch ist ihm anzumerken, wie packend das Durchforsten alter Unterlagen werden kann, wenn das Interesse erst einmal geweckt ist. „Das hat durchaus etwas Detektivisches“, sagt Reuther. Eine Anziehungskraft, die den Forschenden in ihren Bann ziehe.

Blick in alte Unterlagen

Wann genau an dem Platz ein erster Grundstein gelegt wurde, ist nicht zweifelsfrei zu klären. Der Neunkircher Historiker Horst Schwenk mutmaßt, es könnten die 1860er Jahre gewesen sein. Das trifft sich auch mit einem alten SZ-Bericht, in dem von 1865 die Rede ist. Unterlagen gehen zurück auf die 1880er-Jahre. Aus dieser Zeit gibt es erste Adressbücher, auf die sich die Recherche von Stadtarchivar Reuther stützen. Hinzu kommen für spätere Jahre Gewerberegister und Geschäfts- und Auskunftsbücher.

Hausnummern schießen durcheinander

Wienerwald sagen die älteren Jahrgänge der Stadt. Schon die ersten Eigentümer sind wohl aus der Bewirtungsbranche gewesen. Zwei Gastwirte, Friedrich Pulvermüller und Mathias Koch, tauchen unter der Adresse auf. Pulvermüller ist im ältesten Adressbuch von 1888 als Eigentümer in der Bahnhofstraße 48 benannt (die 50 taucht dort nicht auf, aber die 48 und 52), 1905 wird dann aber die Witwe Pulvermüller der Nummer 50 zugeordnet. Im Adressbuch von 1895 ist der Wirt Mathias Koch als Eigentümer des Hauses eingetragen. Mal ist auch von der Bahnhofstraße 54 in Zusammenhang mit Pulvermüller die Rede. Mit den Ziffern für die Häuser, erläutert Stadtarchivar Reuther, sei damals nicht so konsequent verfahren worden.

Auf Pulvermüller folgt Schneider

Wie dem auch sei, in den Folgejahren ist die Witwe Pulvermüller feste Größe in dem Haus. 1910/1911 weist das Adressbuch neben einigen Bewohnern auch einen Schuhmacher Ludwig Dönges, eine Kolonialwarenhandlung Witwe Peter Harig und einen Metzger Siegfried Schneider aus. Im Gewerberegister ist 1912 die Gastwirtschaft von Johann Baptist Pulvermüller erwähnt. Nach dem Ersten Weltkrieg begründet Metzgermeister Siegfried Schneider eine Wurst- und Fleischwarenkonserven-Fabrik in dem Haus und übernimmt die Gastwirtschaft. Mit Georg Roth entsteht eine GmbH für Wurst- und Fleischwarenhandel. Die Familie Schneider bleibt über Generationen bis 2006 Eigentümerin.

Bürgerbräu macht auf

In den Goldenen 20ern zieht neben Metzgerei und Restauration Albert Stein hinzu: Damenkonfektion, Wollwaren und Trikotagen, wie aus dem Gewerberegister von 1926 zu erfahren ist. 1927 benennt Schneider sein Lokal in „Speiserestaurant“ um. Und in diesem Jahr ist erstmals Fritz Deutscher als Geschäftsführer des Bürgerbräu benannt. In den Unterlagen des Stadtarchivs ist für das Jahr 1934 von einem Neubau die Rede. Kam damals der markante Rundbau an das Haus?

1935, die Nazis holen das damalige Saargebiet mit der Saarabstimmung „heim ins Reich“, wird aus der Bahnhofstraße die Adolf-Hitler-Straße, die Geschwister Aron melden ihr Schuhgeschäft ab, die Firma Tack Conrad und Cie. AG eine Filiale für Schuhe an. Dunkle schreckliche Jahre der Nazi-Diktatur beginnen in Neunkirchen, jüdische Namen verschwinden aus den Registern. Im Zweiten Weltkrieg wird das Haus zu 80 Prozent zerstört und wieder aufgebaut.

Hendl und Zeitung

Nach dem Krieg ist es Adolf Schneider, Metzger und Gastwirt, der das Bürgerbräu betreibt. In den 50er-Jahren wird das Gebäude Zeitungsstandort. Nach dem Adressbuch von 1954 ist dort die Saarländische Volkszeitung beheimatet, vier Jahre später die Saarbrücker Zeitung. Die „Wienerwald Restaurants GmbH“ taucht bei den Anmeldungen im Gewerberegister 1966 auf. In den 1980er Jahren heißt es dann „Wiener Hendl Grill“. Die SZ bleibt indes lange sechs Jahrzehnte Mieter, ehe sie ins Nachbarhaus wechselt. Im Februar 2019 ziehen die letzten Wohnparteien aus. Und der Wienerwald wartet heute auf seinen Abriss.