1. Saarland
  2. Neunkirchen
  3. Neunkirchen

Neunkirchen liest mit Dany R. Wood im Arthouse

„Neunkirchen liest“ : Spaß beim Schreiben, Spaß beim Lesen

Daniel Recktenwald bescherte den Zuhörern im Arthouse mit seinem vierten Backes-Krimi ein heiteres Déjà-vu nach dem anderen. An diesem Dienstag geht’s weiter mit der szenischen Lesung „Familie“

Kommen zwei Saarländer nach New York . . . Was wie der Anfang eines mittelprächtigen Witzes klingt, entpuppte sich bei der Lesung mit Daniel Recktenwald alias Dany R. Wood als realer Reisebericht – launiges Finale der Auftaktveranstaltung der 2021er Ausgabe von „Neunkirchen liest“. Beteiligt sind in guter Tradition die Stadtbibliothek, Bücher König sowie die Katholische Erwachsenenbildung und das Momentum. Alles richtig gemacht, durfte sich das Team am Dienstagabend selbst auf die Schultern klopfen. Immerhin hatten stattliche 50 Besucher den Weg ins Arthouse gefunden. Eine Zahl, die man unter Einhaltung der geltenden Vorschriften an keinem der regulären Spielorte untergebracht hätte.

Schön auch für den Autor, nach der Corona-Zwangspause gleich mal vor so vielen Menschen lesen zu können. Für die dürfte sich der Abend im besten Fall wie eine Verlängerung der eigenen Komfortzone in das von Jürgen Trösch zur Galerie umfunktionierte Kirchenschiff angefühlt haben. Spielt sich doch das Geschehen im fiktiven Örtchen Hirschweiler in der tiefsten saarländischen Provinz ab. Beim Personal seiner Krimi-Reihe hat der 42-Jährige zur Freude der Leserschaft dann auch großzügig in die hiesige Klischeekiste gegriffen. Bodenständig, gemütlich bis behäbig, pfiffig und nie um ein Bonmot verlegen, kommen seine Protagonisten daher. Ausgehend vom Küchentisch der Familie Backes nahm die Handlung gemächlich Fahrt auf bis hin zum vorläufigen Höhepunkt: dem heiß ersehnten Mord, in dem Fall einer 80-jährigen Unternehmerin unter der Dusche, kurz nach den morgendlichen Trainingsbahnen im Pool.

Für den gebürtigen Illinger war Neunkirchen „ein bisschen ein Heimspiel“. Seine Mutter stammt aus Landsweiler-Reden, Vater und Großvater haben dort „auf der Grub geschafft“. Der Bub zog lieber in die weite Welt und studierte, unter anderem in Sydney, Medienwirtschaft mit Schwerpunkt Marketing. Was ihm jetzt zugutekommt. Bringt doch Recktenwald seine Bücher sämtlich unter Pseudonym im Arturo Eigenverlag heraus. Dass er Spaß beim Schreiben hat, glaubt man ihm sofort. Genüsslich beschreibt der Wahl-Münchner etwa den Frisierunfall der Schwiegermutter. Während sie wie Rumpelstilzchen wütet, hat Dorfsheriff Jupp eine Eingebung: Käthe stammt doch nicht von einem anderen Stern, sondern „in Wahrheit von den Schlümpfen höchstpersönlich ab – zumindest was die Haarfarbe anbelangt“.

Am besten funktionierte die Lesung, wenn Recktenwald aus dem Nähkästchen plauderte. Warum manche seiner literarischen Schützlinge so ulkige Namen haben zum Beispiel. So inspirierte ihn zu „Hasenkasten-Doris“, einer mürrischen Bediensteten, ein sechsmonatiges Praktikum in der Gemeindeverwaltung Marpingen. Genau diese Doris bekommt immer Gänsehaut, wenn Kollege Presley-Günther „In the Ghetto“ anstimmt. Was ihr geistiger Vater hervorragend imitiert. Diesen musikalischen Mini-Part könnte Recktenwald ruhig noch ausbauen, die Stimme hat er dazu.

Wie zu erwarten, wurde kein Täter überführt. Selber lesen macht schlauer. Dafür entschädigte der Autor die Zuhörer mit Anekdoten aus dem Big Apple. In seiner Zeit als Sachbearbeiter bei der Flughansa hatte er kostengünstig fliegen können – den Papa im Schlepptau.

Fast mutete es eine Spur zu witzig an, um wahr zu sein, wie sein alter Herr bei Starbucks ein Kännchen Kaffee und ein Kaffeestückchen „with Pudding“ bestellt, dem schicken Wohnen im 50. Stock eines Wolkenkratzers nichts abgewinnen kann („kaum sind wir oben, sagt deine Mutter bestimmt, geh mal schnell in den Keller, Wasser holen“) und in der Nobelboutique eine „Schaffbux“ erwerben will. Dass dagegen Vater und Sohn in der New Yorker U-Bahn den Fuchs-Günther aus „Wibbelskerje“ getroffen haben, einen hilfsbereiten Ex-Kollegen, dessen Thermoskanne zu Hause noch aufs Abholen wartet – das nickt jeder waschechte Saarländer augenblicklich strahlend ab.

Gleich drei davon präsentieren am kommenden Dienstag die szenische Lesung „Familie – ob du willst oder nicht“. Ab 19 Uhr werden sich Heike Lismann-Gräß, Lotta von Arlers und Uwe Andresen singend und schauspielend mit dem Thema auseinandersetzen.