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Richtig und einfach Kräuter sammeln - eine Expertin erklärt wie es geht

Expertin gibt Tipps : Kräuter sammeln — wie man’s richtig macht

Die klassische Kräuterzeit ist das Frühjahr. Wer sich zum Sammeln aufmacht, sollte aber ausreichend informiert sein. Marie-Luise Spettel aus Spiesen-Elversberg ist Kursleiterin für Heilpflanzenkunde. Sie gibt Tipps fürs Sammeln und den Gebrauch von Kräutern und weiß, wo Gefahren drohen.

Woher haben Sie Ihr Wissen?

Marie-Luise Spettel: 2018 durfte ich für den Kneipp-Verein-Spiesen, der dankenswerterweise einen Großteil der Kosten übernommen hat, eine Ausbildung zur „Kursleiterin für Heilpflanzenkunde“ machen. Über das ganze Jahr hinweg wurde an fünf mal fünf Tage an der Wirkungsstätte von Sebastian Kneipp in Bad Wörishofen Wissen über Heilpflanzen, Anwendung, Verarbeitung, Vorsichtsmaßnahmen usw vermittelt.

Kann jeder auch ohne die entsprechende Ausbildung Kräuter sammeln?

Spettel: Ja, jeder kann Kräuter sammeln. Mittlerweile gib es tolle Literatur und sehr gute Apps, die unter anderem von Stiftungen, mehreren Bundesministerien und Bundesländern gefördert werden, wie etwa die kostenlose App „flora incognita“. Die App arbeitet mit teilautomatischer Bilderkennung und vernüpft Millionen von Bildern mit künstlicher Intelligenz. (floraincognita.com) Nutzer erhalten Antwort auf alles, was man wirklich wissen muss. Natürlich sind Verwechslungen von Kräutern mit ihren giftigen Pendants mitunter gesundheitsschädlich oder sogar tödlich. Daher gilt immer der Grundsatz: Nur sammeln, wenn man sich 100 Prozent sicher ist! Jeder ist für sich und andere, die er beschenkt mit verantwortlich! Es gibt nützliche Literatur, die hilft Wildpflanzen und ihre giftigen Doppelgänger zu erkennen. Für den Anfang bieten sich Wildpflanzen an, die man kaum verwechseln kann, wie etwa die Brennnessel. Selbst wer glaubt, den Löwenzahn sicher erkennen zu können, täuscht sich dennoch manchmal, da es hier erstaunlich viele Doppelgänger gibt, wie etwa Habichtskraut, Wiesen-Pippau oder das gewöhnliche Ferkelkraut. Laien können sich sogar am ähnlich aussehenden Kreutzkraut vergiften.

Gibt es bestimmte Dinge, Regeln, die man beim Sammeln beachten muss?

Spettel: Nicht an Wegesrändern sammeln und auf Wiesen mit hohem Nutzungsdruck, da es hier oft Verschmutzungen durch Hunde gibt. Nicht in der Nähe von Bahndämmen auf Kräutersuche gehen, da die Pflanzen hier oft durch Unkrautvernichtungsmittel belastet sind. Nicht auf stark gedüngten Wiesen sammeln, ebensowenig an stark befahrenen Straßen und Industriegebieten oder an Wildtierpfaden. Bevorzugen sollte man extensiv statt intensiv bewirtschaftete Flächen. Das Sammeln in Naturschutzgebieten ist jedoch verboten! Außerdem gehören Wald und Wiese jemanden. Auf Nummer sicher geht man, wenn man vorher um Erlaubnis fragt. Einen Strauß für den Eigenbedarf, der in der Hand passt, ist jedoch meistens erlaubt. Man sammelt mit Respekt vor der Natur und nur so viel, wie man für den Eigenbedarf benötigt. Maximal ein Drittel einer Pflanze beernten und sich nie nur an einer Fundstelle oder an einem Baum im Wald bedienen. Am besten man beachtet auch die Vegetationsperiode der Pflanze, damit diese sich wieder regenerieren kann. Pflanzen, die unter Naturschutz stehen, darf man natürlich nicht sammeln! Waschen muss man die Kräuter nicht, da man so auch wertvolle Mikroorganismen abspült. Man sammelt nur das, was man wirklich verarbeiten möchte. Zum Sammeln eignen sich luftige Körbe oder Siebe; in Plastik fangen die Kräuter an zu schwitzen.

Welche Tipps haben Sie für Einsteiger in die Kräuterkunde?

Spettel: Die meisten Kräuterwanderungen werden im Frühjahr angeboten: die klassische Kräuterzeit nach einem langen, kalten und kargen Winter. Für Anfänger empfiehlt es sich jedoch, die Pflanze über einen längeren Zeitraum über die vier Jahreszeiten hinweg zu beobachen und auch mal im Herbst eine Kräuterwanderung zu besuchen. Ein junges frisches Blatt ist leicht mit einem giftigen Doppelgänger zu verwechseln; wenn man jedoch im Sommer die charakteristische Blüte kennenlernen konnte und im Herbst die Samen bei der Reifung beobachtet hat, wird einem die ganze Pflanze vertrauter. So kann man Unsicherheiten am ehesten vermeiden.

Birgt das Sammeln denn auch Gefahren?

Spettel: Hier können zwei Beispiele angeführt werden: Der Verzehr fast aller Pflanzenteile der hochgiftigen Eibe, die leicht mit anderen Nadelbäumen verwechselt werden kann, ist tödlich. Auch der Giersch hat ein paar sehr giftige Doppelgänger, die aus der Familie der Doldenblütler kommen und jedes Jahr zu schweren Vergiftungen und Todesfällen führen. Der Fuchsbandwurm ist zwar selten, löst aber eine ernstzunehmende Erkrankung aus. Wie man den Fuchsbandwurm unschädlich macht, sollte jeder vor der Verarbeitung der Kräuter wissen und das Risiko für sich selbst abschätzen. Bestimmungsbücher, am besten mit detaillierten Zeichnungen, sind ein unerlässlichliches Hilfsmittel, Blühzeiten sind jedoch wegen des Klimawandels nicht mehr aktuell. Manche giftige Doppelgänger blühen mittlerweile zeitgleich – auch standortabhängig. Der natürliche Rhythmus ist gestört.

Wie sieht es mit der Aufbewahrung der gesammelten Kräuter aus? Halten die ewig?

Spettel: Zunächst ist das richtige Trocknen wichtig. Wenn man große Sträuße zusammenbindet, schimmeln die Kräuter eventuell von innen nach außen oder die Pflanzenteile werden gequetscht und das ätherische Öl tritt aus. Am besten die Kräuter auf einem sauberen Tuch ausbreiten und an einem dunklen, luftigen, trockenen Ort trocknen lassen. Eine falsche Lagerung führt zum Verlust der wertvollen Inhaltsstoffe. Die getrockneten Kräuter in einer Blechdose an einem trockenen Ort oder in dunklen Schraubgläsern aufbewahren. Natürlich kann es immer zu Schädlingsbefall kommen oder zu Schimmel bei unzureichender Trocknung. Dann müssen die Kräuter entsorgt werden. Als Faustregel gilt: Einen Jahresvorrat sammeln und im nächsten Jahr neu anfangen.

Kann man in Sachen Nutzung, Verwendung, Mischung selbst experimentieren oder empfehlen Sie immer den Expertenrat?

Spettel: Die Vorstellung, dass Kräuter „natürlich“ sind und daher von ihnen wenig Gefahr ausgeht, ist natürlich nicht korrekt. Wildkräuter haben mitunter starke Heilwirkung. So entwässern Brennnessel, Birke oder Löwenzahn etwa den Körper. Für Menschen mit einer Nierenvorerkrankung ist hier also Vorsicht geboten. Johanniskraut ist eine äußerst potente Pflanze, die man getrocknet in vielen Drogerien findet und die unsere Psyche beeinflusst. Bekannt sind sogar unerwünschte, sehr gefährliche Begleiterscheinungen nach Organtransplantationen. Hier ist also in jedem Fall Vorsicht geboten. Die Konsultation von Fachliteratur ist in jedem Falle angeraten, aber natürlich gilt auch hier: Die Dosis macht das Gift! Mit frischen, ungiftigen Pflanzenteilen ist eine Überdosierung nicht so leicht möglich. Bei der Herstellung von eigener Pflanzenkosmetik kann es zu allergischen Reaktionen kommen.

Das Sammeln von Kräutern verbindet man ja kerne mit dem Bild von Hexen, stellt sich eher düstere Stuben vor, in denen es kocht und rührt. Ärgert Sie dieses Bild?

Spettel: Ärgern ist übertrieben. Gefallen finde ich daran aber auch nicht. In düsteren Stuben, so die Vorstellung, werden Zaubertränke mit teils übernatürlicher Wirkung gebraut und ohne rechtmäßige Erlaubnis unter Umständen auch heimlich zur Anwendung gebracht. Mir geht es eher darum, die Kräuter für mich zu nutzen und andere anzuregen.

Haben Sie selbst so eine Art Kräuterküche?

Spettel: Wildkräuter und deren Früchte oder Blätter, Rinde und Wurzeln trocknen ist durchaus empfehlenswert und macht Spaß. Giersch ist zum Beispiel ein wunderbares Kraut, das man trocknen kann. Ich persönlich verwende sehr viele getrocknete Kräuter in meiner Küche und Kosmetikproduktion, die ich jedoch alle gekauft habe. Hier gibt es mittlerweile sehr gute Bio-Angebote. Das Trocknen und Aufbewahren selbst gesammelter Kräuter birgt die Gefahr der Überdosierung, Schädlingsbefall und Schimmelbildung. Wie bereits erwähnt ist beispielsweise Johanniskraut bei uns an Wegesrändern oft zu finden und eine sehr potente, in falscher Anwendung für den Menschen mitunter gefährliche Heilpflanze! Gekaufte Bioqualität im Netz oder der Apotheke wird unter standardisierten Bedingungen herangezogen und geerntet. Über die genauen Inhaltsstoffe meiner selbstgetrockneten Heilpflanze weiß ich nicht Bescheid. So kann ein Fundort potentere Pflanzen hervorbringen als ein anderer. Mit frischen Pflanzenteilen ist eine Überdosierung nicht so leicht möglich wie mit getrockneten. Einen Vorrat an selbstgesammelten Kräutern habe ich daher nicht. Ich ernte die Kräuter frisch zur passenden Jahreszeit, da in meinen Augen in der Frische der Reiz der Kräuter liegt. Frischer Kräuterquark, Smoothies, Pestos, Tinkturen und Salben, Sitzbäder, Umschläge und noch viel mehr kann man leicht zuhause aus frischen Kräutern herstellen beziehungsweise anwenden. Im wahrsten Sinne des Wortes von der Hand in den Mund ernährt sich heute kaum einer mehr. Früchte und Obst im Supermarkt wurden in den meisten Fällen vor mehreren Tagen geerntet und halten sich oftmals durch neue Züchtungen auch sehr lange. Viele gesundheitsfördernde Inhaltsstoffe sind hier bereits verloren. Frisch gesammelte Kräuter, die man sofort oder wenige Stunden später verzehrt, haben noch (fast) alle Inhaltsstoffe erhalten.

Wann und wie wenden Sie Kräuter bevorzugt an und für wen und warum sind Kräuter wichtig?

Spettel: Viele unserer Gewürze waren früher als Heilkräuter jedem bekannt. Die Grenzen zwischen kulinarischem Genuss und Heilwirkung sind hier fließend. So ist es weit verbreitetes Wissen, dass Kümmel im Brot gut schmeckt und gleichzeitig fettige Gerichte leichter bekömmlich macht. Jedes Kraut hat also eine Schnittmenge aus Genuss und Heilkraft. Die Stärke der Kräuterheilkunde liegt auch vor allem und unbedingt in der Prävention von Krankheiten. Wir bleiben durch die Anwendung der richtigen Kräuter gesund oder behandeln kleinere Verletzungen und Beschwerden. Sind wir bereits krank, ist der Gang zum Arzt unerlässlich! Kräuter können in diesem Fall in Rücksprache mit dem Arzt therapiebegleitend angewendet werden.

Spielen Tageszeiten eine Rolle und wann erntet man welche Pflanzenteile?

Spettel: Der beste Sammelzeitpunkt für die oberirdischen Teile ist vormittags an einem trockenen Tag wenn der Tau bereits abgetrocknet ist. Dann hat die Pflanze die meiste Kraft. Wurzeln sammelt man abends oder morgens bevor die Pflanze ihre Kraft wieder in die oberirdischen Teile schickt am besten in der vegetationslosen Periode im Herbst und Winter. Manche Blüten werden kurz vorm Aufblühen gesammelt, manche in voller Blüte. Je jünger die Pflanze, desto frischer und zarter die Blätter, daher ist die beste Sammelzeit der Frühling bevor die Pflanze die Kraft in die Blüte schickt. Blätter können häufig auch später noch geerntet werden, sind dann aber oftmals zäher und fasriger und eignen sich eher zum Kochen. Samen sammelt man wenn die Pflanze am Austrocknen ist. Knospen sammelt man selbstredend im Frühjahr. Pflanzen die Schneckenbefall aufweisen, braune Stellen, Löcher oder sonstige Schadstellen sind nicht mehr geeignet. Ein scharfes Messer eignet sich zum Abschneiden, damit man die Pflanze nicht quetscht und die ätherischen Öle austreten.

Haben Sie Lieblingskräuter und warum gerade diese?

Spettel: Persönlich finde ich Bitterkräuter besonders anziehend. Bitterstoffe sind aus unserer Ernährung fast vollständig verschwunden, da sie zum Teil auch rausgezüchtet wurden. Bitterstoffe haben eine unterschätzte positive Wirkung auf unsere Verdauungsorgane, die wir in unserer modernen Gesellschaft durch falsche Ernährungsgewohnheiten oder zu wenig Bewegung tendenziell eher vernachlässigen. Viele Wildkräuter enthalten diese wertvollen Bitterstoffe noch.