1. Saarland

Pflege: Eltern gepflegt, Job verloren - „Ich wurde in diesem System zermalmt“​

Homburgerin berichtet : Eltern gepflegt, Job verloren: „Ich wurde in diesem System zermalmt“

Fünf Jahre lang hat Christine Forsch ihre Eltern gepflegt und verlor darüber ihren Job. Ihre Erfahrungen mit dem Pflegesystem haben die 51-Jährige zermürbt. Was sie erlebte, ist erschütternd.

Sie ist gesundheitlich und nervlich am Ende, sagt Christine Forsch. „Ich wurde und werde in diesem Pflegesystem zermalmt.“ Fünf Jahre lang hat sie ihre Eltern gepflegt. Für ihren an Niereninsuffizienz, Prostatakrebs und Diabetes leidenden Vater (81) bestand zuletzt Pflegegrad 4 („Personen mit schwersten Beeinträchtigungen im Alltag“), für ihre seit 2013 demente Mutter (84) mit Pflegegrad 5 Anspruch auf den höchsten Pflegesatz („schwerste Beeinträchtigung der Selbstständigkeit mit besonderen Anforderungen an die pflegerische Versorgung“). Beide sind inkontinent. Der Vater, der einen Bauchdeckenkatheter hat, kam zuletzt nicht mehr selbstständig aus dem Bett. Die Mutter ist seit einem Krankheitsschub vor drei Jahren ein maximaler Pflegefall und neige ihr gegenüber zur „Bösartigkeit“, umreißt es die Tochter.

„Geschlagen, getreten, gebissen“

Als ihre Eltern dann im Dezember nacheinander ins Krankenhaus mussten, merkte Christine Forsch, dass sie nicht mehr konnte. Ihre Tochter und ihr Lebensgefährte überzeugten sie, die Eltern in ein Pflegeheim zu geben. „Ich hätte wohl noch weitergemacht, wenn sie nicht gesagt hätten, dass wir ansonsten alle vor die Hunde gehen.“ Kurz vor Weihnachten fand sich für beide ein Platz im Pflegeheim. Frau Forsch stehen sofort Tränen in den Augen, als sie davon erzählt. Sie fühlt sich „schuldig“, weil sie ihre Eltern nicht weiter pflegt.

Jahrelang ist sie von Homburg aus zweimal am Tag in den gut acht Kilometer entfernten Stadtteil Reiskirchen gefahren, um das bis zuletzt im eigenen Haus lebende Paar zu versorgen. Als ihre Mutter vor einem Jahr auch noch „Stuhl-inkontinent“ wurde, musste Christine Forsch sogar dreimal täglich hin. „Der Stuhlgang war oft überall verschmiert. Selbst in der Küche. Ich musste jeden Tag alle Betten abziehen, alles putzen und die Mahlzeiten zubereiten.“ Dazu wehrte sich ihre Mutter jedes Mal, wenn sie ihr Windeln anziehen wollte und verwünschte sie. „Oft hat sie mich geschlagen, getreten, gebissen“, sagt die 51-Jährige und schaut unter sich. Hört man ihr eine Weile zu, beginnt man zu ahnen, welche Tortur die Pflege bedeutet haben muss.

 Christine Forsch aus Homburg pflegte ihre Eltern.
Christine Forsch aus Homburg pflegte ihre Eltern. Foto: Oliver Dietze

Immer mehr Leid türmte sich auf

Ihr Vater interessierte sich für nichts mehr und schlief oft in denselben Kleidern, mit denen er tagsüber herumschlurfte. Weil sie nicht mehr hinterherkam, zog die Tochter ihn notgedrungen nicht mehr jeden Tag um. Das Hamsterrad, in dem sie gefangen war, drehte sich immer schneller. Je hinfälliger die Eltern wurden, umso mehr blieb an ihr hängen. Je mehr Leid sich vor ihr auftürmte, umso mehr verlor sie selbst an Kraft.

Man hat die Frage natürlich schon die ganze Zeit auf den Lippen: Hat sie denn keine Hilfe beansprucht? Doch, natürlich. Und schon ist man mittendrin in den Problemen Zehntausender Menschen im Saarland, die ihre Angehörigen pflegen. Mittendrin in den systemischen und logistischen Problemen von Pflege. Mittendrin in den finanziellen Nöten und – dies vor allem – den psychischen Abgründen, die diese Betreuung mit sich bringt.

Keine Kapazität der ambulanten Pflegedienste

Weil die ambulanten Pflegedienste (nicht nur) im Raum Homburg chronisch überlastet sind, konnte Christine Forsch die Pflege nicht dauerhaft abgeben. Wegen der bestehenden Unterversorgung übernahm die ökumenische Sozialstation nur zwei von wöchentlich 21 Windelwechseln. „Also war ich auf Gedeih und Verderb gezwungen, weiterzumachen, weil ich meine Eltern so lange wie möglich zuhause lassen wollte“, schildert es Frau Forsch.

Nur von einer Krankenschwester, die ihr immer Lieder von Freddy Quinn vorsang, habe sich die 84-Jährige versorgen lassen, erinnert sich die Tochter. Andere mussten oft unverrichteter Dinge wieder abziehen und trugen auf dem Dokumentationsformular „verweigerte die Pflege“ ein. Forsch kann es ihnen nicht verübeln, auch sie selbst focht mit ihrer Mutter ja diesen Kampf aus.

Wegen der Pflege Job verloren

Den Betreuungsnotstand der professionellen Pflegedienste aber musste sie teuer bezahlen: Weil es für sie keine wirkliche Pflegeentlastung gab, musste die 51-Jährige vor zwei Jahren ihren Job aufgeben. Zuvor hatte sie die im Pflegezeitgesetz Angehörigen eingeräumte Pflegezeit in Anspruch genommen (je sechs Monate für jedes Elternteil). Als ihr Arbeitgeber ihr anschließend den beantragten Heimarbeitsplatz nicht einräumen mochte, um ihre Eltern weiterhin einigermaßen flexibel betreuen zu können, kündigte sie im Juni 2021 – eineinhalb Jahre, nachdem sie endlich fest angestellt war. Was unter Corona-Bedingungen noch möglich war, ging nun angeblich nicht mehr. Dass ihr Arbeitgeber nicht kooperierte, empfand sie als Affront.

Mehr und mehr demoralisiert, wurde Christine Forsch selbst immer dünnhäutiger und kränker. Im August 2021 ließ sie sich krankschreiben. Als sie im Juni 2022 bei einer Heizungsbaufirma einen neuen Job annahm, musste sie nach drei Tagen kapitulieren: „Ich hatte ein Brett vorm Kopf, konnte mich nicht konzentrieren.“ Die Pflegejahre und der Kampf mit der Bürokratie hatten sie zermürbt und ausgebrannt.

Der Hürdenlauf mit der Bürokratie

Die Korrespondenz mit Behörden, mit Kranken- und Pflegekassen füllt eine ganze Ordnerreihe im Homburger Haus von Christine Forsch. Jeder Antrag sei ein einziger Hürdenlauf gewesen – um dann nicht selten trotzdem nichts zu bekommen, fasst die Homburgerin ihre von Verbitterung geprägte Sicht auf die von ihr als demütigend und unsozial empfundene Odyssee durch den Antrag-Dschungel zusammen.

Ihr Vorwurf: Die Pflegekassen sparen zu Lasten und auf Kosten pflegender Angehöriger durch die Überlastung der ambulanten Pflegedienste Unsummen an Geld. Der Grund: Wo diese Dienste aus Kapazitätsmangel ausfallen, springen Angehörige selbst ein. Und das teilweise umsonst.

Pflege: Eltern gepflegt, Job verloren - „Ich wurde in diesem System zermalmt“​
Foto: Oliver Dietze

Stellungnahme des Bundesgesundheitsministeriums

In ihrer Not wandte sie sich vor Monaten an das Bundesgesundheitsministerium, das ihr in seinem unserer Zeitung vorliegenden Antwortschreiben im vergangenen November mitteilte, dass es „Aufgabe der Pflegekassen ist, dafür zu sorgen, dass ihre gesetzlich Versicherten die ihnen zustehenden Leistungen auch tatsächlich in Anspruch nehmen können“.

Die Pflegekassen, so stellte das Ministerium klar, hätten „eine bedarfsgerechte (. . .) pflegerische Versicherung zu gewährleisten“. Hätte es sie gegeben, wäre Christine Forsch heute wahrscheinlich weder arbeitslos noch ausgebrannt.

Die Erfahrung, monatelang ohne Geld dazustehen

Zumindest eine gewisse finanzielle Hilfe erhielt sie: Zuletzt 728 Euro Pflegegeld monatlich für die Betreuung des Vaters und 901 Euro für die der Mutter. Außerdem konnte die Tochter anteilig zu den Kosten des ambulanten Pflegedienstes auch so genannte „Pflegesachleistungen“ in Anspruch nehmen. Nur: Da der Pflegedienst immer erst Monate später abrechnete, erhielt auch die Familie erst extrem zeitversetzt die ihnen zustehende finanzielle Hilfe. Alle Versuche der 51-Jährigen, mit ihrer Pflegekasse eine kulante, unbürokratische Lösung zu erzielen, „um nicht monatelang ohne Geld dazustehen“, gingen ins Leere.

Forschs 19-jährige Tochter bestätigt, dass ihre Mutter sich jahrelang aufrieb und die zeitintensive und meist erfolglose Korrespondenz mit den Kassen ihr besonders zusetzte: „Sie hatte dann irgendwann das Gefühl, von allen Seiten fallengelassen zu werden.“ Genauso sieht dann auch die Bilanz von Christine Forsch aus: Die Mühsal der elterlichen Pflege alleine hätte sie vielleicht wegstecken können, meint sie. „Was ich hingegen mit den Institutionen drumherum erlebt habe, das hat mich ruiniert.“ Die aufreibende Pflege und das bittere Los ihrer Eltern selbst beanspruchten sie sowieso schon den lieben langen Tag. Doch damit nicht genug, seien ihr immer weitere Knüppel zwischen die Beine geworfen worden, so schildert sie es.

„Bürokratie hoch fünf“

Etwa, als sie eine private Pflegehilfe für ihre Eltern organisieren wollte. Um sich bei der „Nachbarschaftshilfe Saarland“ zu registrieren und für hauswirtschaftliche Hilfen eine Aufwandsentschädigung (im Fall ihrer Eltern maximal 3000 € pro Jahr) in Anspruch zu nehmen, muss man – aus guten Gründen – vorab ein polizeiliches Führungszeugnis, einen Erste-Hilfe-Kurs und eine Hygienebelehrung durchs Gesundheitsamt vorlegen.

Wer registriert ist, muss Monat für Monat Formulare ausfüllen, Auflistungen erstellen und Unterschriften einholen, um alle vier Wochen 125 Euro zu erhalten. „Bürokratie hoch fünf“, befindet Frau Forsch. Also zahlte sie es aus eigener Tasche.

6400 Euro monatlich für das Pflegeheim

Jeden Tag fährt sie weiterhin ihre Eltern im Heim besuchen. 58 Jahre lang sind beide verheiratet, jetzt teilen sie sich im Pflegeheim wieder ein Zimmer. Monatlicher Eigenanteil: 6400 €. Das Elternhaus wird sie womöglich verkaufen müssen. „Meine Eltern waren immer sehr sozial. Leben und leben lassen, war ihr Motto“, sagt Christine Forsch. Es war immer auch ihr eigenes. Den Glauben daran, dass Dritte mit ihr genauso umgehen würden, hat sie eingebüßt. Nach fünf Jahren permanenter Pflege ihrer Eltern, dem eigenen Jobverlust und dem Gefühl, oft einer als schikanös empfundenen Bürokratie ausgeliefert zu sein, ist die Frau physisch und psychisch am Limit.

Sie erlebt sich als Opfer eines Teufelskreislaufs. Nachdem die jahrelange Pflege ihrer Eltern sie selbst gesundheitlich angegriffen hat, muss sie dafür nun noch weitere finanzielle Einbußen hinnehmen: Weil sie dem Arbeitsmarkt deshalb nur noch eingeschränkt (15 Stunden pro Woche) zur Verfügung stehen kann, wurde zuletzt ihr Arbeitslosengeld gekürzt. Ihr Antrag auf Erwerbsminderungsrente wurde erst mal abgelehnt.

Vorwurf an die Medien

All dies ging auch an ihrer Familie nicht spurlos vorbei. „Das alles ist ein Teil von mir geworden“, sagt die 19-jährige Tochter, „man fühlt sich einfach nur machtlos und ungerecht behandelt.“ Der Grund, warum Christine Forsch an die Öffentlichkeit geht. „In den Medien“, sagt die 51-Jährige, „wird immer noch zu sehr verharmlost, was die Pflege von Angehörigen mit denen macht, die es ja aus Liebe und eigentlich gerne tun. Irgendwann aber sind sie selbst ruiniert.“