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Prozess gegen Krankenpfleger Daniel B.: Ex-Kollegin – "Situation war verstörend“

Prozess wegen Mordversuchs : Frühere Kollegin belastet angeklagten Krankenpfleger: „Die Situation war verstörend“

Krankenpfleger Daniel B. ist wegen Mordversuchs an Patienten angeklagt. Im Prozess berichtet eine Ex-Kollegin der SHG-Kliniken Völklingen von ihren Beobachtungen. Gab es in seiner Zeit mehr Notfälle?

Sie erinnert sich noch an das Datum, auch die Uhrzeit hat die Zeugin nicht vergessen. „Es gibt eine Situation, die ich detailliert schildern kann“, sagt die 51-Jährige am Dienstag vor dem Saarbrücker Landgericht. Auf einer Intensivstation der SHG-Kliniken Völklingen war die Krankenpflegerin eine Kollegin von Daniel B. Sie tritt vor dem Schwurgericht als Belastungszeugin auf. Die Staatsanwaltschaft wirft dem 29-Jährigen versuchten Mord an sechs Patienten vor. Mit starken Medikamenten soll er die Schwerkranken an den Rand des Todes gebracht haben, um als ihr Lebensretter glänzen zu können. Fünf seiner mutmaßlichen Opfer soll B. zwischen Januar und März 2016 auf der Station 12 des Krankenhauses in Völklingen gefunden haben.

„Es war der 4. März 2016, gegen 17.40 Uhr“, sagt die Klinikangestellte. „Ich habe meine Bilanz gemacht.“ Daniel B. soll gefragt haben, ob er ihr helfen könne. Als sie das verneinte, soll der Angeklagte in eines der Krankenzimmer verschwunden sein. Die zuständige Pflegerin sei in der Pause gewesen. Sie habe B. noch nachgeschaut, erklärt die Zeugin. Nach „20 bis 30 Sekunden“ habe sie den Mann dann rufen hören: „Komm’ mal jemand schnell.“ Kurz darauf soll ein Alarm losgegangen sein, sie sei sofort in das Zimmer gerannt, sagt die Intensivpflegerin.

Dort habe sie Daniel B. gesehen, zunächst nur von hinten. „Er war am Reanimieren, wie ein Berserker“, findet sie drastische Worte für das, was sich am Krankenbett eines Patienten abgespielt haben soll, den die Pflegerin als zuvor „komplett stabil“ beschreibt. „Die Situation, die ich gesehen habe, war verstörend.“ Das Gesicht ihres damaligen Kollegen sei „zu einer Fratze verzogen“ gewesen. In der Anklageschrift ist darüber nichts zu finden, der Patient sei nicht gestorben, erklärt die Zeugin. Eine ihrer Kolleginnen mutmaßte bei der Polizei, B. könne in der Wiederbelebung eine „Art Befriedigung“ gefunden haben.

Unter den Pflegekräften verfestigt sich 2016 offenbar der Eindruck, mit B. würden die Reanimationsfälle zunehmen. Die Krankenpflegerin im Zeugenstand schätzt deren Anzahl auf fünf bis sechs in der Woche. Mitgezählt hat niemand. Dennoch glaubt die Frau an eine „Kausalität, dass es zu mehr Reanimationen kam, nachdem er bei uns angefangen hat“. Eine Freundin, die mit ihr auf der Intensivstation arbeitet, kommt auf Niels Högel zu sprechen, den Todespfleger aus Niedersachsen, der sich des Herzmittels Gilurytmal bediente. Daraufhin inspiziert die 51-Jährige den Medikamentenschrank in Völklingen. Nach vier Tagen habe sie festgestellt, dass von dem selten gebrauchten Medikament eine Packung fehle. Sie nennt es „Teufelswasser“. In der Anklage gegen Daniel B. taucht dieses Präparat jedoch nicht auf.