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Prozess gegen Krankenpfleger: Gutachter sieht Häufung von Todesfällen

Angeklagt wegen Mordversuchs : Prozess gegen Krankenpfleger: Gutachter sieht auffällige Häufung von Todesfällen

Im Prozess gegen den Krankenpfleger Daniel B. wegen versuchten Mordes soll ein Gutachter klären, ob es während der Dienstzeiten des Angeklagten zu mehr Todesfällen kam. Die Verteidigung stellt den Experten infrage.

Niemand zählte mit, doch auf Station 12 der SHG-Kliniken in Völklingen hatten manche Pflegekräfte das Gefühl, mehr Intensivpatienten wiederbeleben zu müssen, wenn Daniel B. im Dienst war. Das sei ein „Bauchgefühl“ gewesen, sagte eine Krankenpflegerin als Zeugin vor dem Saarbrücker Landgericht. Eine andere schilderte bei der Kriminalpolizei, dass sich ein Arzt vor einem Nachtdienst nach B. erkundigt habe. Er habe weder Lust, heute Nacht jemanden zu reanimieren noch morgen früh einen Totenschein auszufüllen, soll der Mediziner damals gesagt haben. Die Ernsthaftigkeit sei nicht zu überhören gewesen, gab die Pflegekraft in ihrer Vernehmung zu Protokoll. „Da nimmt man tief Luft“, sagte sie vor einigen Wochen vor Gericht.

Daniel B. ist wegen versuchten Mordes an sechs Patienten in Völklingen und am Uni-Klinikum in Homburg angeklagt. Fünf seiner mutmaßlichen Opfer soll sich der 29-Jährige während seiner Zeit an den SHG-Kliniken gesucht haben, wo der Krankenpfleger vom 1. Januar 2015 bis zum 31. März 2016 auf der Station 12 arbeitete, der Operativen Intensivstation.

Die Staatsanwaltschaft beschuldigt B., die Schwerkranken mit nicht verordneten Medikamenten in Lebensgefahr gebracht zu haben, um sich als Retter in Szene setzen zu können. Die schweren Vorwürfe erinnern an die Mordserie des Krankenpflegers Niels Högel. Der Name des Todespflegers aus Niedersachsen soll irgendwann auch im Kollegenkreis von Daniel B. in Völklingen gefallen sein. Aber war da mehr als ein Bauchgefühl?

Der Rechtsmediziner Frank Ramsthaler hat die Dienstpläne der SHG-Kliniken durchgearbeitet, in die Kripo-Beamte nachträglich Kreuze eingetragen hatten – für die Todesfälle auf der Station des heutigen Angeklagten. Mit statistischen Methoden ist Ramsthaler der Frage nachgegangen, ob sich Auffälligkeiten zeigen. An diesem Dienstag spricht der Gutachter vor dem Landgericht von „vermutlich nicht zufälligen Anhäufungen von Sterbefällen“ während der Dienstzeiten des Krankenpflegers.

16 Todesfälle hat Ramsthaler zwischen Dezember 2015 und März 2016 gezählt, verteilt auf 59 Tage. In diesen Zeitraum fallen vier der mutmaßlichen Mordversuche in Völklingen. Statistisch wäre es nach der Berechnung des Gutachters in diesen Monaten bei B. alle 3,7 Dienste zu einem Todesfall gekommen, in einem kürzeren Abstand als bei einer zum Vergleich herangezogenen Kollegin. Zwar kann Ramsthaler nicht ausschließen, dass es sich um einen Zufall handelt. Dafür ist der stellvertretende Leiter des Instituts für Rechtsmedizin am Uni-Klinikum aber überzeugt, dass die von ihm beobachtete Häufung nicht jahreszeitlich oder durch andere Faktoren bedingt ist. Die Verteidigung widerspricht der Verwertung des Gutachtens. Sie sieht Mängel und befürchtet, dass Ramsthaler befangen sein könnte.