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Campino über Corona, die "Krake" Fifa und was die Toten Hosen vorhaben

Die Toten Hosen : Campino im Interview: „In Trier ist mir was Schönes widerfahren“

Campino gibt Einblicke in die Geschichte seiner Familie, er spricht über ein riskantes Pilotprojekt, über ein Erlebnis in Trier und sagt, was er mit den Toten Hosen noch vorhat.

(AF) Die Zeit rast, wenn sie gut ist. Warum Campino seine Jugend nicht zurückwill, was er an England liebt, und was Katar mit dem Sommermärchen 2006 zu tun hat – das verrät er im großen TV-Interview.

Ein erfolgreicher Musiker, der irgendwann ein Buch schreibt - das ist sicher nicht die originellste Idee des Jahrhunderts. „Hope Street:  Wie ich einmal englischer Meister wurde“ überrascht dann aber doch. Wie kam es zur Buch-Idee? 

Campino: „Ich wollte mein Leben lang ein Buch schreiben, hatte aber keine Idee, worum es gehen könnte. Eine Autobiographie im reinsten Sinne kam für mich nie in Betracht. Irgendwann machte es klick und mir wurde innerhalb von Sekunden klar, dass es in diesem Buch um den Liverpool FC gehen müsste, weil das meine größte Leidenschaft außerhalb der Musik ist. Ich fand diesen Gedanken sofort sehr lustig, über Leid und Freude eines Fans zu berichten – und zwar so, dass auch jeder Anhänger eines anderen Vereins nachvollziehen kann, was für einen Wahnsinn man da manchmal mitmacht.“

Als reines Fußballbuch lässt sich  „Hope Street“ nicht bezeichnen. Sie haben akribisch die Lebensläufe Ihrer Familie nachgezeichnet – und auch Ihre Lebensgeschichte. War das der Plan?

Campino: „Am Anfang nicht. Ich habe damals voller Euphorie losgelegt und die ersten fünf, sechs Spieltage beschrieben, dann aber gemerkt: Das wird ein bisschen dünn. Die Berichte wiederholten sich. Außerdem ist es langweilig, über Fußballspiele in der Vergangenheit zu berichten. Das kann nur noch Vollnerds interessieren. Insofern kam die Erleuchtung, die Sache anders zu gestalten. Erst einmal musste ich ja erklären, warum ich überhaupt Liverpool-Fan geworden bin. Da war ich schon mit einem Bein in der Familiengeschichte meiner Mutter ...“

...Eine Engländerin, die sich damals – kurz nach dem Krieg – in Ihren Vater verliebt hat, einen Deutschen ...

Campino: „Ich habe das recherchiert und aufgearbeitet, und dabei ist mir aufgefallen, dass es keinen Sinn ergibt, nicht auch die deutsche Seite, die meines Vaters, mit einfließen zu lassen. So habe ich im laufenden Prozess immer mehr über meine eigene Familie gelernt und entdeckt. Da wusste ich: Egal, was mit dem Buch passieren wird, für mich hat sich das schon gelohnt, weil ich mich sonst nie so intensiv mit meinen Wurzeln beschäftigt hätte. Ich habe versucht, sämtliche Angaben zu recherchieren und keinen Zentimeter im Ungefähren zu lassen, das betrifft auch die Werdegänge meiner Großeltern.

Sie schildern, wie sich Ihr englischer Großvater zum Parlamentsabgeordneten hocharbeitete und dann – schwer depressiv – Selbstmord beging.

Campino: „Die Not war nach dem zweiten Weltkrieg überall groß, aber das Thema Depressionen wurde bei weitem nicht so angenommen wie heutzutage. Man hatte schon gar kein Verständnis dafür, dass sich ein Mensch umbringt. Und so hat der englische Teil meiner Familie nie darüber geredet, das musste ich mir wie bei einem Puzzle durch Briefwechsel zusammensetzen. Aber dadurch habe ich die Dinge viel intensiver kennengelernt und tiefe Empathie verspürt. So hat sich die Klammer für das Buch quasi von alleine gefunden. Die Dramaturgie wurde dann durch den Verlauf der Saison und die Geschichte meiner Familie vorgegeben.“

Die Dramaturgie hatte noch zwei Überraschungen parat, die Sie beim Saisonstart 2019 nicht erahnen konnte. Dass Liverpool nach 30 Jahren wieder Meister würde und – für den Lauf der Welt wesentlicher: die Corona-Pandemie. Wie sind Sie damit umgegangen?

Campino: „Mit dem Meistertitel konnte ich nicht unbedingt rechnen, das war für das Buch nicht entscheidend, aber eine schöne Pointe. Und dann kam das Virus, das unsere Gesellschaft nachhaltig aus dem Gleichgewicht gebracht hat und uns auch noch lange begleiten wird, mit all seinen Unsicherheiten. Das ist miteingeflossen. Ich hätte gerne darauf verzichtet, aber das ist eben gerade unser Leben.“

Erst der Brexit, dann das Corona-Virus, das zwar alle betrifft, aber nicht gerade Länder verbindet. Sorgen Sie sich, dass Großbritannien und Deutschland immer weiter auseinanderdriften?

Campino: „Ich bin Optimist. So weit würde ich nicht gehen. Speziell in den 1990ern und 2000ern wurde zwischen beiden Ländern viel Vertrauen gewonnen, aber: die Entscheidung zum Brexit ist keine gegen die deutsch-britische Freundschaft. Sie liegt eher in der DNA vieler Briten begründet: Bei ihnen ist verankert, was wir als Festlandnation nicht wirklich nachempfinden können: Dass Wasser um einen herum ist, man das Land einfacher abriegeln kann als andere und entsprechend den ständigen Kompromiss mit den Nachbarn nicht so essentiell braucht wie auf dem Festland – was meiner Meinung nach ein Irrglaube ist. Man kann aber auch ein gewisses Verständnis für solche Gedanken aufbringen. Ich denke, dass Großbritannien wie Deutschland bemüht sein wird, das enge Verhältnis aus den gemeinsamen EU-Zeiten wieder hinzubekommen, alles andere wäre für beide Seiten unglücklich.

England hat kürzlich alle Corona-Restriktionen aufgehoben – trotz der dort grassierenden Delta-Varianten, zuletzt sanken die Infektionszahlen. Die richtige Entscheidung?

Campino:  „Es wirkt wie ein Pilotprojekt. Man kann eigentlich nur die Daumen drücken und hoffen, dass sie die Lage im Griff behalten, denn wir haben in den letzten Monaten gelernt, wie schnell sich die Situation ändern kann. Die Überlegung, die im Raum steht, ist ja grundsätzlich vernünftig: Wir müssen lernen, mit dem Virus zu leben – denn es wird nicht mehr verschwinden. Wir werden früher oder später alle mit ihm Bekanntschaft machen und das bedeutet schlussendlich, dass unsere Körper irgendwann besser damit umgehen können. Es wäre allerdings ratsam, durchgeimpft zu sein, wenn es einen erwischt, damit Covid19 keinen großen Schaden anrichten kann. Das ist auch das Ziel der Briten. Die Argumentation des Versuchs ist dementsprechend nachvollziehbar. Ich kann nur hoffen, dass es gut läuft.“

Was ist typisch Englisch an Ihnen – und was typisch Deutsch?

Campino: „Das fällt mir schwer zu beurteilen, da müssen Sie andere fragen. Ich kann aber sagen, was ich an Engländern mag: Es ist die Art und Weise, wie man mit dem Leben umgeht, auch mit schlechten Situationen. Dass man den Humor behält, den Gleichmut, und dass man in der Lage ist, über sich selber Witze zu machen. Das, was man so als britischen Humor bezeichnet – das sind Dinge, bei denen sich mir das Herz öffnet.“

Im Spitzenfußball geht es um immer mehr Geld, um Milliardensummen. Auch der FC Liverpool wollte bei der Super-League mitmachen, die auf große Ablehnung bei Fans stieß. Passt Fußball und Punkrock vom Selbstverständnis her eigentlich noch zusammen?

Campino: „Zunächst mal, wo wir gerade drüber sprechen: Fußball und Punk sind für mich etwas sehr Englisches. Popkultur wird in England ganz anders als in Deutschland wahrgenommen. Der Streit zwischen Blur und Oasis war auch schon mal eine BBC-Hauptmeldung wert, das würde es in Deutschland so nicht geben. Punk und Fußball – das ist für mich kein Widerspruch, sondern in sich stimmig. Wenn ich über Fußball rede, die Liebe zu diesem Sport, dann  sind die Champions League und die großen Vereine nur eine Facette davon. Fortuna Düsseldorfs Achterbahnfahrt von der vierten Liga über die dritte und zweite Liga bis in die erste und dann wieder hinab: Das ist auchmein Fußball, und ich liebe es genauso, wenn ich in England ein Spiel in der fünften Liga anschaue. Aber jeder Fußball-Romantiker muss in der Lage sein, Augen und Ohren zu schließen, wenn es um die hochprofessionellen Wettbewerbe geht, weil da viele Dinge geschehen, mit denen wir alle nicht einverstanden sein können. Beispiel Katar: Fährt man als Anhänger seiner Mannschaft dort hin oder nicht?

Sie berichten im Buch darüber, wie Liverpool in Katar den Weltpokal gewann – und dass Sie lange überlegten, ob Sie diese Reise machen wollen.

Campino: „Das sind hochkomplexe Dinge, bei denen man natürlich in einen Gewissenskonflikt gerät. Ich finde es falsch, vorschnell zu urteilen: Die WM in Katar 2022 findet wahrscheinlich auch deshalb dort statt, weil arabische Länder ihre Stimmen für die WM 2006 in Deutschland gegeben hatten – und über die WM 2006 beschwert sich in Deutschland niemand. Das sind politische Absprachen zwischen vielen Fußballverbänden. Wenn man jetzt – zurecht – sagt, es ist ein Wahnsinn, das Turnier in Katar auszutragen, dann darf man nicht scheinheilig ausblenden, wie es dazu gekommen ist und wer seinen Beitrag geleistet hat. Da hängen dann viele Verbände drin, die sich jetzt als Saubermänner darstellen. Die Uefa und die Fifa das sind riesige Kraken mit einer unheimlichen Macht.

Sie hatten mit den Toten Hosen auch Ihren Beitrag geleistet zur Verbindung von Popkultur und Fußball – auch wenn Bayern-Boss Uli Hoeneß vom Song „Ich würde nie zum FC Bayern gehen“ nicht so recht überzeugt war ...

Campino: „Hoeneß sagte damals: ‚Das ist der Dreck, an dem unsere Gesellschaft mal ersticken wird.’ Es ist vielleicht das schönste Zitat, das es je über die Toten Hosen gegeben hat.“ (lacht)

Ist die Rivalität, die Feindschaft zu den großen Bayern immer noch so frisch wie damals?

Campino: „Feindschaft kann man das nicht nennen. Fortuna Düsseldorf war damals in der dritten Liga, wenn ich mich richtig erinnere. Wir waren nichts anderes als der Hund, der den Mond anbellt – mit einer Stichelei. Wir sind in gemeiner Weise an die Achillesferse des Vereins gegangen und haben uns einfach über ihn lustig gemacht. Vermutlich hätten wir das Lied nicht rausgehauen, wenn Fortuna Düsseldorf Konkurrent in der ersten Liga gewesen wäre – dann hätte das Ganze etwas Verbittertes gehabt.“

Sie haben sich in den vergangenen Jahren mit Jürgen Klopp angefreundet. Ist er der entscheidende Grund für den Aufschwung in Liverpool?

Campino: „Die Konstellation Klopp und Liverpool passt wie Pott und Deckel. Er hat es geschafft, die Menschen zu begeistern. Dafür verehren sie ihn in Liverpool. Ich könnte mir keinen besseren Trainer vorstellen –  möchte ich auch nicht. Aber natürlich wird auch Jürgen irgendwann weiterziehen – und dann geht auch das Leben des Liverpool FC weiter. Aber noch ist die Reise nicht zu Ende.

Wohin kann man denn noch ziehen, wenn man mit dem FC Liverpool alles gewonnen hat?

Campino: „Nach Düsseldorf (lacht). Im Ernst: Ich weiß nicht, ob man danach noch zu einem Fußballverein geht, aber man kann andere Prioritäten im Leben entdecken, da ist so viel Abenteuer drin. Wenn Jürgens Zeit für Liverpool irgendwann vorüber ist, wird er eine tolle Infrastruktur hinterlassen, da kann man sich jedenfalls sicher sein. Er macht keine halben Sachen.“

Wissen Sie eigentlich noch, wo sie am 2. Juni 1985 waren?

Campino: „In Trier.“

Okay, das war einfach, wenn der Trierische Volksfreund zum Interview bittet. Eigentlich waren Sie in Konz, in der Beethovenhalle. Auf den Tickets stand aber „Trier-Konz“, auch wenn das geographisch nicht ganz so einwandfrei ist. Haben Sie Erinnerungen daran?

Campino: „Ich erinnere mich tatsächlich an diesen Abend – und den werde ich auch nie vergessen, denn ich habe mich damals schockverliebt. Am Tresen hat ein ganz tolles Mädchen gearbeitet. Das Konzert war zu Ende, die Leute waren weg - und sie arbeitete noch. Ich saß also rum und kam mit ihr ins Gespräch. Ich glaube, sie fand mich auch gut, aber sie hielt mich – völlig unberechtigterweise! –  für einen Landstreicher und Rumtreiber. Also für jemanden, der morgen weiterfahren würde, und dann wäre die Sache gelaufen. Ich weiß noch, dass wir die ganze Nacht gemeinsam verbracht haben – das war okay für sie, aber es lief nichts. Das stimmt nicht ganz: Ich durfte ihr einen Abschiedskuss geben – und dann ging das Leben weiter. Aber ich habe dieses Mädchen nicht vergessen. Das ist mir tatsächlich nicht oft passiert. Und sowas macht das Leben doch aus: Dass ich jetzt noch weiß, da ist mir in Trier was Schönes widerfahren.

1985 ging es bei Die-Toten-Hosen-Konzerte noch rustikaler zu als später – laut Hosen-Homepage habe es in jenem Jahr bei „28 von 38 Konzerten Stress mit Skinheads und anderen Störenfrieden“ gegeben. In Konz auch?