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Das „Bundesfestival Junger Film“ in St. Ingbert beginnt

„Bundesfestival junger Film“ in St. Ingbert : Der letzte Abschied ist ein Flamenco

Das „Bundesfestival Junger Film“ in St. Ingbert zeigt bis Samstagnacht knapp 70 Kurzfilme an der frischen Luft und in zwei Kinos der Stadt – was lohnt sich im Programm?

Gut beginnt das Programm am Donnerstagabend. Unter anderem mit dem zarten Puppen- und Computer-Animationsfilm „Jeijay“ von Petra Stipetić und Maren Wiese, in dem eine Liebe unmerklich dahinwelkt, bis es zu spät ist (und ohnehin die Welt untergeht). Ähnlich bedrohlich war die Lage im schwarzweißen Kurzfilm Das abstürzende Luftschiff“ von Ivan Dubrovin, der sein Werk in St. Ingbert uraufführt. Dort schwebt eine Stadt an einem gigantischen Ballon durch ein Wolkenmeer – und sinkt stetig. Was tun? Eine junge Frau wird thunberghaft vorstellig beim Bürgermeister und offenbart einen radikalen Plan: Wirft man die Kathedrale, die ohnehin verwaist ist, ebenso über Bord wie die Goldvorräte, könnte die Stadt der Bruchlandung entgehen. Doch der Bürgermeister tut nichts, lobt aber die Aktivistin öffentlich über den grünen Klee – die Naive ist darob überglücklich und tut auch nichts mehr. Eine schwarzhumorige Parabel, die mit dem nostalgischen Dekor und den bewusst offensichtlichen Modellbauten und –tricks auch einem Meister des tschechischen Trickfilms die Ehre erweist: Karel Zeman (1910-1989, „Baron Münchhausen“).

Bis Samstagnacht sind in St. Ingbert in mehreren Filmblöcken noch knapp 70 Kurzfilme (bis 29 Minuten) zu entdecken: auf dem Marktplatz, in der Kinowerkstatt und im Kino „Neues Regina“. Spektakulär ist der erste Tanzfilm des jungen Festivals: „Salidas“. In breitem Cinemascope-Format, zehn Minuten lang, von Michael Fetter Nathansky in einem Schiffshebewerk gedreht, wo sich die Elemente Luft, Wasser und Erde mit Industrie-Anmutung verbinden. Dort werden gestorbene Menschen verabschiedet, bei einer jungen Frau geschieht dies mit Flamencomusik und -tänzen ihrer Familie. Das alleine wäre eindrücklich genug, zudem nutzt Nathansky seine Kulisse filmisch klug und lässt sie wie ein gigantischer Aufzug in höhere Sphären wirken. Zu sehen ist „Salidas“ im Filmblock 7 am Samstag ab 13 Uhr, Neues Regina.

 Das Leiden an einer Zwangstörung: eine Szene aus Katharina Schackes „Undenkbar“.
Das Leiden an einer Zwangstörung: eine Szene aus Katharina Schackes „Undenkbar“. Foto: Katharina Schacke

Nach der Premiere beim digitalen Ophüls-Festival im Januar kann man sich nun „Undenkbar“ auf der großen Leinwand anschauen. Die saarländische Filmemacherin Katharina Schacke führt uns in ihrer Dokumentation in die Gedankenwelt eines jungen Mannes mit Zwangsstörungen. Sehr offen erklärt er, welche Zwangsgedanken ihn martern: Angst vor Gewaltausbrüchen. Angst vor dem eigenen Hang zur Pädophilie, Angst vor fast allem. Schacke, die an der Hochschule der Bildenden Künste Saar (HBK) studiert hat, gelingt ein berührender, auch erschreckender Film, mit abstrakten Bildern bis hin zu einer Art Ausdruckstanz. Das sind extrem intensive 20 Minuten. (Zu sehen im Filmblock 8, Samstag ab 16 Uhr, im „Neues Regina“.

Auf die Straßen des nächtlichen Stuttgart führen uns Simon Schares und Biko Voigts mit ihrem witzigen Film „Der dunkle Ritter“, den das Festival als Dokumentarfilm ausweist, wobei charmant unklar bleibt, wer hier schauspielert und wer nicht. Ein Mann mit Batman-Maske sucht E-Scooter und versenkt sie dann mit großer Geste im Wasser – oder verstümmelt sie mit seiner Kreissäge. Denn diese Gefährte  sind für ihn rollende Symbole von Kapitalismus und Verlogenheit: Die Minimal-Jobber, die die Roller nachts einsammeln und wiederaufladen, erhielten nicht einmal den Mindestlohn, sagt er, und in der Herstellung seien die E-Scooter maximal umweltschädlich. Vor der Kamera räsonniert der selbsternannte Weltenretter, dass er es so „dem System zeigen“ könne. Bei manchem mag man ihm zustimmen, bei anderem nicht – es macht den Reiz des Films aus, dass er sich nicht ganz auf die Seite seiner Figur schlagen will, die irgendwo zwischen Kapitalismuskritik und Wutbürgertum laviert. (Samstag, ab 20 Uhr, auf dem Marktplatz)

  Der Stuttgarter E-Scooter-Hasser (Dominik Klingber  g) im Film „Der dunkle Ritter“.
Der Stuttgarter E-Scooter-Hasser (Dominik Klingber g) im Film „Der dunkle Ritter“. Foto: Filmakademie Baden-Württemberg/Simon Schares und Biko Voigts

Ein intensiver Film ist Paul Scheuflers Dokumentation „Ein Ozean“ (Samstag, ab 11 Uhr, Neues Regina), über Markus, einen Mann mittleren Alters, der vor 45 Jahren missbraucht wurde und seitdem Höllenqualen leidet. „Im ersten Stock wurde ich geboren“, sagt er mit Blick auf sein Elternhaus, „im zweiten wurde ich vernichtet“. Der Film begleitet ihn mit naher, aber nie aufdringlicher Kamera bei seinen rastlosen Fahrten mit seinem Wohnmobil, beim Denken, Erklären, Verstummen, Verzeifeln. Ein schmerzhafter Film.

Das ganze Programm und Tickets gibt es unter www.junger-film.de. Preisverleihung ist am Sonntag um 11 Uhr in der Stadthalle, der Eintritt ist frei.